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Alpine Gratwanderungen: Bergrücken, die entzücken

Foto: Ralf Gantzhorn/Moritz Attenberge

Gratwanderungen in den Alpen Tanz über dem Abgrund

Rechts und links geht es Hunderte Meter bergab, ein falscher Schritt kann tödlich sein: Große Grate sind für ambitionierte Bergsteiger die absolute Herausforderung. Der Fotograf Ralf Gantzhorn stellt die spektakulärsten Alpen-Kanten für Schwindelfreie vor.

Schauen Sie sich einen Berg an! Das Matterhorn zum Beispiel, um den vielleicht prominentesten Gipfel der Welt zu nennen und einen, mit dem jeder ein Bild assoziiert (und wenn es ein Stück Toblerone ist). Aber da gibt es Menschen, die sehen selbst im Anblick des "Hörnli" nichts anderes als einen vergänglichen Haufen Schotter. Solche Menschen werden aller Wahrscheinlichkeit nach nie Bergsteiger werden.

Da solche Menschen wahrscheinlich auch nicht diesen Artikel lesen werden, vernachlässigen wir sie und wenden uns einer anderen Gruppe zu: Menschen, die sich vom Anblick eines formschönen Berges faszinieren lassen, die Linien sehen und vielleicht sogar anfangen, mit dem Finger diese Linien folgend den Berg virtuell zu besteigen.

Die ersten Linien, die man an einem Berg sieht, sind seine Grate. Sie geben dem Gipfel eine Form, entscheiden über Aussehen und Wirkung. Im Falle des Matterhorns sind das Hörnli-, Furggen-, Lion- und Zmuttgrat. Als Bergsteiger, wir grenzen also hiermit den Kreis der Angesprochenen weiter ein, möchte man noch mehr als nur schauen. Man möchte so einen Grat erleben, über solch eine Form gebende Linie den höchsten Punkt erreichen.

Hat man dies einmal getan - im Idealfall wird es ein Tanz über dem Abgrund, zwischen Licht und Schatten, Himmel und Erde -, kommt man davon wahrscheinlich nie wieder los. Die großen Grate sind die Königsdisziplin des Bergsteigens, von ihrem ästhetischen Genuss her, aber auch von dem geforderten Können.

Denn Grate sind zwar objektiv verhältnismäßig sicher vor Steinschlag oder Lawinen, nur lassen sie sich in den wenigsten Fällen vernünftig absichern. Das Seil, sofern benutzt, stellt zumeist nur einen psychologischen Trick dar. Und ob der Seilpartner im Falle eines Falles wirklich rechtzeitig auf die andere Seite des Grates springt, sei mal ganz dahingestellt. So ist man auf einem Grat zumeist auf sich und sein Können reduziert.

Das kann eine berauschende Erfahrung sein, zumal im Hochgebirge, das einen die Erhabenheit der Schöpfung spüren lässt. Von solch rauschhaften Erfahrungen soll auf den folgenden Seiten die Rede sein, von elegant schönen Linien, die einen dem persönlichen wie auch realen Himmel etwas näher bringen. Eben von den Himmelsleitern der Alpen!

Hochalmspitze, 3360 Meter: Detmolder Grat

Östlich vom Grossglockner - gibt's da überhaupt Berge? Wir dürfen berichten: Ja, dort gibt's sogar richtige Gipfel, mit hohen Wänden und manchmal auch rassigen Graten. Der vielleicht alpinste Bergriese in dieser Region, die normalerweise gerade von Hochalpinisten komplett vernachlässigt wird, ist die Hochalmspitze. Von allen Seiten elegant und majestätisch anzusehen, trägt sie nicht zufällig den Beinamen "Tauernkönigin". Bei den Liebhabern von Graten ist sie insbesondere mit dem Südwestgrat oder Detmolder Grat bekannt geworden, ein reizvoller Tanz auf des Grates Schneide in bombenfestem Granit.

Der Grat wurde mittlerweile wie ein Klettersteig versichert, was dem Genuss sicherlich keinen Abbruch tut, aber - zumindest nach Meinung des Autors - einen eigentlich unnötigen Verbau der wunderschönen Linie darstellt. Aber wen die Drahtseile stören, der kann ja auch in den Südpfeiler einsteigen, der eine wunderschöne Kante ausbildet. Die Schwierigkeiten steigen dann maximal bis zum unteren V. Grad, dafür darf man dann aber auch selbständig die Route finden und das eigene Seil handhaben.

Grosslitzner, 3109 Meter - Grosses Seehorn, 3121 Meter: Überschreitung

Die schönste Grattour der Silvretta liest man allerorten, wenn es um die Überschreitung von Großlitzer und Großem Seehorn geht. So viel bombenfestes Urgestein und bombastische Aussicht findet man selten. Vor allem im Spätsommer, bei schneefreiem Fels und niedrigem Gewitterrisiko ein großer Genuss! Die klettertechnischen Schwierigkeiten finden sich in erster Linie am Großlitzner, die anspruchsvollsten Seillängen führen steil auf den Hauptgipfel.

Beim teilweise überhängenden Abseilen ins Litzner Hochjoch begreift man schnell die Nadelform, die dem Litzner immer nachgesagt wird, die man aber von Norden kommend kaum erkannt hat. Entspannung ist dann beim moderaten Weiterweg auf das Seehorn angesagt, höchste Konzentration wiederum in der Abseilpiste auf den Seegletscher. Alpines Auf und Ab eben, jedoch landschaftlich grandios. Kurzum: die perfekte Überschreitung.

Täschhorn, 4491 Meter: Südostgrat

Ein gewaltiges Massiv bildet das Täschhorn zusammen mit dem Dom - die Mischabel. Vom Talort Täsch bis zum gleichnamigen Horn sind über 3000 Höhenmeter zu bewältigen, mehr geht in den Alpen nicht. Unser Respekt gilt daher den Erstbesteigern, die 1862 - von Randa kommend - den Gipfel innerhalb eines Tages erreichten. Heutzutage haben wir es leichter. Das Mischabeljochbiwak liegt genau da, wo man es sich als Bergsteiger wünscht: als optimaler Startpunkt zur Überschreitung des Berges. Dieser ist in seinen Flanken leider alptraumhaft brüchig.

Bleibt man jedoch auf dem Grat, erlebt man eine Himmelsleiter, wie sie schöner nicht sein könnte. Mal mit Steigeisen, mal ohne, mal über Fels, mal über einen schmalen Firngrat steigt man hinauf zu einem im wahrsten Sinne des Wortes Überblick schaffenden Gipfel.

Matterhorn, 4478 Meter: Überschreitung Zmuttgrat - Hörnligrat

Stau am Berg! Ein Horrorszenario. Eigentlich wollte ich nie auf das Matterhorn! Zu viele Geschichten ranken sich um diesen Berg der Berge. Aber eine Geschichte über Grate ohne das Horn? Geht nicht, so viel war klar. Und so kam es, wie es kommen musste: Keine Staus, Chris - meine Seilpartnerin - und ich alleine bei schönstem Wetter am Gipfel. Ich war so gerührt, dass ich sogar einige Tränen verdrückt habe (die man zum Glück hinter der Sonnenbrille nicht gesehen hat).

Vorurteile hin oder her, das Matterhorn ist ein besonderer Gipfel und der Zmuttgrat ein fantastischer Weg. Das durchaus weiter ablehnenswerte Drumherum wie eine ausgesprochen teure Hütte und wenig hilfsbereite Bergführer gerät dagegen schnell in Vergessenheit.

Sciora Dafora, 3169 Meter: Fuorikante mit direktem Einstieg

Luft unter den Sohlen, das ist an der Fuorikante kein leerer Spruch, sondern gelebte Kletterrealität. Die Kante lockt in der Bondasca, jenem wilden Tal im Bergell, das allein von der Kulisse her jeden Bühnenmaler in Ekstase versetzt. Gute Fußtechnik ist hier vonnöten, schließlich sind wir im Granit unterwegs.

Aber die Luftigkeit der Route lässt einen manchmal in Schnappatmung übergehen. Zwischen einem überhängenden, von einem Bergsturz aus den sechziger Jahren noch weiß gefärbten Ausbruch und senkrechter Wand führt die Kante atemberaubend steil in den Himmel.

Salbitschijen, 2981 Meter: Südgrat

Ein Berg - zwei Grate! Salbit Süd und Salbit West. Wenn es einen Preis für die schönsten Granitgrate in den Alpen gäbe, die beiden Traumlinien wären unter den Top Five. Wir haben uns für den Südgrat entschieden. Er ist, um es mit den Worten des Hüttenwirts der Salbithütte, Hans Berger, zu sagen: "Eine Sinfonie im Fels".

Dabei meint er keines der nur schwer zu verdauenden Werke von Mahler oder Bruckner, sondern eher einen leicht beschwingten Mozart. Elegant und ohne allzu großen Kraftaufwand lässt sich diese Linie einfach nur genießen, der Fels ist von einer traumhaften Festigkeit, die Schwierigkeiten nie wirklich hoch und an allen entscheidenden Stellen stecken Bohrhaken.

Aiguille de Bionnassay, 4052 Meter: Überschreitung

Die großen Ziele im Montblanc-Massiv erreicht man auf zwei möglichen Wegen: Nummer eins ist die Seilbahn auf die Aiguille du Midi. Ohne Akklimatisation und Kraftanstrengung wird man direkt auf über 3800 Meter Höhe in die strenge Welt des Hochgebirges katapultiert - für die notwendigen Fragen beim Arzt oder Apotheker ist es dann meist schon zu spät.

Die deutlich bessere Wahl ist, sich zu Fuß dem Montblanc und seinen Trabanten zu nähern. Dafür hat die Natur eine Kette von Überschreitungen geschaffen, die in ihrer Gesamtheit die schönste Mehrtages-Gratüberschreitung in den Alpen darstellt. Dazu wandert man aus dem hintersten Val des Contamines zum Refuge des Conscrits. Dann überschreitet man die Dômes de Miage und gelangt auf das winzige Refuge Durier, eine Blechschachtel, die jedoch Dank des Charmes der Hüttenwirtin richtig gemütlich werden kann.

Am nächsten Tag folgt die Überschreitung der Aiguille de Bionnassay: Wie eine zu Fels und Eis gewordene Woge führt der Berg hinüber zum Montblanc. An einigen Stellen ist der Grat so schmal, dass man nur rittlings weiterkommt. Ein Seiltanz der Superlative!

Blümlisalp, 3660 Meter: Überschreitung

Die besten und ertragreichsten Almen des Berner Oberlandes sollen hier einst gewesen sein. Aber das ist schon lange her und wohl aus der Zeit, als in der Schweiz die Landwirtschaft noch mehr abgeworfen hat als der Tourismus. Zum Glück kamen dann weit vorausblickende Sagengestalten, die den damals wie heute als Blümlisalp bekannten Berg vereisen ließen - eine sinnvolle und aus heutiger Sicht gelungene Maßnahme.

Denn die Überschreitung des gesamten Gebirgszugs vom Morgenhorn bis zum Blümisalphorn gilt unter Bergsteigern als einer der schönsten Firngrate der Alpen: ein genussvoller Ritt auf des Eises Schneide mit grandioser Aussicht sowohl auf die großen Berge des Wallis als auch die grünen Ebenen des Schweizer Mittellandes.

Allerdings sollte man die Tour mittlerweile früh im Jahr angehen, denn irgendwer scheint in nicht allzu weit entfernter Zukunft wieder Kühe an den Gipfeln des Berges grasen lassen zu wollen.

Gefunden in Alpin, Ausgabe 7/2011