Grazalema in Andalusien Regen bringt Segen

Nicht überall ist Regen so unpopulär wie in Deutschland. Im Dorf Grazalema freuen sich die Einwohner über jeden Tropfen - obwohl es in kaum einem Ort in Spanien mehr Niederschlag gibt. Der Wassersegen ist eine Laune der Natur: Schon im Nachbardorf herrscht Dürre.

Von Sören Meschede


Zwanzig Grad Celsius. T-Shirt Wetter. Die Sonne strahlt vom Himmel. Aber die Bewohner von Grazalema machen lange Gesichter. In dem andalusischen Bergdorf ist man stolz auf etwas, worauf die meisten Hamburger wohl gerne verzichten würden: Es regnet viel. Und normalerweise müsste es um diese Jahreszeit in Grazalema richtig schütten. Tut es aber nicht. Blauer Himmel, wohin man schaut. "Sehr ärgerlich" findet das der 68-jährige Alberto Campo, der vom Dorfplatz aus zum Himmel blickt. "Seit Dezember kein Tropfen. In diesem Winter hat es wirklich zu wenig geregnet". Seine Freunde nicken synchron und zeigen leicht betrübte Mienen.

"Das Dorf mit der höchsten Niederschlagsmenge in Spanien" wie sich Grazalema gerne selber betitelt, lebt vom Regen. Und dafür sind die 2250 Bewohner bereit, auch ein paar graue Tage in Kauf zu nehmen.

Ob Grazalema tatsächlich die meisten Niederschlagsmillimeter von ganz Spanien zusammenbringt, ist höchst umstritten. Laut dem Pressesprecher des Instituts für Meteorologie regnet es in drei Dörfern im Baskenland noch ein wenig mehr. Tatsache ist aber, dass in Grazalema jährlich etwa dreimal so viel Regen niedergeht wie in Hamburg – im Schnitt 2153 Millimeter pro Jahr. Und Tatsache ist auch, dass das Dorf von einem einmaligen klimatischen Phänomen in der ansonsten knochentrockenen Provinz von Cádiz profitiert.

Trockenheit im Nachbardorf

Die Wolkenmassen, die vom Atlantik kommen, ziehen in einem Tal von der Küste bis zu dem Torreón hinauf. Mit 1654 Metern ist er der höchste Berg der Gegend und liegt direkt neben Grazalema. Und nur hier regnen sich die Wolken ab. Während die Menschen in Grazalema manchmal nicht wissen, wohin mit dem vielen Wasser, leidet das nur 15 Kilometer entfernte Zahara de la Sierra unter echter Trockenheit.

Und das Örtchen hat schon immer von dem Regen gelebt, so absurd das klingen mag. Nicht, weil die Felder den Regen bitter benötigen - Landwirtschaft war hier niemals wirklich ein Thema. Die karge Erde gibt ohnehin nicht viel her. Grazalema profitierte vielmehr immer ganz direkt vom Wasser, das vor allem in den Wintermonaten in Form von tagelangen heftigen Schauern über dem Dorf niedergeht.

In den vorhergehenden Jahrhunderten machte das Dorf vor allem mit gewebten Decken aus Ziegenwolle Furore. Die "Manta de Grazalema", eine hier hergestellte Wolldecke, war ein in ganz Spanien bekanntes Qualitätsprodukt, dessen Produktion nur dank der wasserreichen Wintermonate möglich war. Der reißende Fluss trieb die Wasserräder an, und die Weber konnten ihre Wolle mit dem weichen Bergwasser waschen.

Noch früher, im 15. und 16. Jahrhundert, war es der Schnee, der den Dörflern die Kassen füllte. In großen, in den Erdboden gehauenen Löchern bewahrten sie ihn auf, um das Schmelzwasser während der Sommermonate teuer an die umliegenden adeligen Höfe in Andalusien zu verkaufen.

Exotische Tannenbäume

In heutigen Zeiten chinesischer Wollindustrie und japanischer Kühlschränke kam der Regen den Bewohnern von Grazalema ein drittes Mal zur Hilfe. Ganz zeitgemäß konzentriert sich das Dorf heute auf Natur- und Ökotourismus, dessen Dreh- und Angelpunkt die Tannenbäume sind, die dank der reichhaltigen Niederschläge in den umliegenden Bergen wachsen. Eine echte Kuriosität. Denn eigentlich sind diese in Deutschland so alltäglichen Nadelbäume in Spanien seit der letzten Eiszeit ausgestorben.

Ihnen ist es auf den spanischen Breitengraden zu heiß und zu trocken, sie treten ihr Territorium an die Pinien ab. Erst in den Pyrenäen, 2000 Kilometer nördlich von Grazalema, wächst die nächste Tanne. Deshalb erklärte die UNESCO das Grazalema umgebende Bergland und den "Pinsapar", das 400 Hektar große mit Tannen bestandene Gebiet, im Jahr 1977 zum ersten Biosphärenreservat Spaniens und gab ihm den Namen "Sierra de Grazalema". Und seitdem strömen die Touristen.

"Grazalema hat extrem von dieser Namensgebung profitiert", sagt der im Dorf geborene Parkwächter Juan Mainar. "Die nahe gelegenen Dörfer El Bosque oder Zahara sind eigentlich viel besser an die Hauptstraßen angebunden, aber die Leute kommen trotzdem hierher."

In den letzten Jahren hat sich Grazalema daher zum touristischen Zentrum der Berglandschaft im Norden von Cádiz entwickelt. Von hier aus starten die zahlreichen Routen durch den Nationalpark, und die meisten Wanderer legen vor oder nach ihren Touren im Dorf einen kleinen Stopp ein, um sich zu stärken. Die Terrassen der Cafés auf dem Dorfplatz sind an den Wochenenden bis zum letzten Tisch gefüllt. Schicke Großstädter mit Sonnenbrille schlürfen einen späten Frühstückskaffee - und ihre Kinder toben auf der aufblasbaren Spielburg in der Platzmitte.

Ganz offensichtlich profitieren die Einwohner von jedem Sonnentag, der ihnen die Städter wie an diesem idyllischen Samstag ins Dorf treibt: Wer sollte da noch Regen wollen? Zum Beispiel Alberto Campo und seine Freunde. "Ich habe nichts gegen Sonne im Sommer", sagt der ältere Herr. "Aber im Winter muss es regnen. Sonst sterben uns noch die Tannen weg, und dann stehen wir dumm da." Seine Freunde nicken wieder synchron und blicken zum blauen Himmel. Vielleicht findet sich ja eine kleine Wolke.



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