Griechischer Geldschwund Strand voll, Kasse leer?

Trotz des Besucher-Booms sinken in Griechenland die Steuereinnahmen aus dem Tourismus. Insider vermuten: Die Branche hinterzieht Steuern im großen Stil.

Besucherboom, aber Finanzflaute?
GNTO/Y. Skoulas / TMN

Besucherboom, aber Finanzflaute?


Einen Sommer lang verbuchte die griechische Tourismusbranche endlich einmal wieder positive Schlagzeilen - nachdem sie in den letzten Jahren durch Wirtschafts- und Flüchtlingskrise reichlich gebeutelt war. Die Besuchereinbrüche in der Türkei und anderen als weniger sicher wahrgenommenen Reiseregionen kamen neben Spaniern und Italienern auch den Griechen zugute.

Von Januar bis August 2016 sollen 17,19 Millionen Touristen Griechenland besucht haben. Das waren immerhin 1,8 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Seit Montag redet darüber allerdings niemand mehr: Die griechische Zentralbank (Bank of Greece) hatte eine erste Bilanz der Urlaubssaison 2016 gezogen. Und die sieht seltsam mies aus.

Denn die Banker fanden einen irritierenden Widerspruch in den Zahlen: Trotz Besucherrekord seien die Einnahmen von 9,25 Milliarden Euro im Vorjahr auf 8,43 Milliarden Euro gesunken - ein Rückgang um satte 8,8 Prozent.

Manche Experten meinen nun, die Besucher seien eben sparsamer gewesen. Sie kämen zwar öfter - aber sie buchten in letzter Sekunde für niedrigste Preise. Andere Branchenkenner halten diese Erklärung für naiv. Ihrer Ansicht nach sei der Grund für die rückläufigen Einnahmen ganz einfach: Da würden schlicht Umsätze unterschlagen.

"Das Phänomen muss analysiert werden. Wir vermuten Steuerhinterziehung im großen Stil", sagt der Direktor eines Hotels auf der Touristeninsel Rhodos - unter der Bedingung, dass sein Name nicht genannt werde.

Mehrwertsteuer rauf, Spendierlaune runter?

Der Chef des Verbandes touristischer Unternehmen (SETE), Andreas Andreadis, ist mit dieser Erklärung natürlich nicht einverstanden. Er hat den Staat als Schuldigen ausgemacht: Griechenlands Gäste gäben deshalb weniger Geld aus, weil der griechische Staat ihnen per Steuererhöhung so sehr in den Geldbeutel greife. Denn das wirke sich ja ganz unmittelbar auf die Urlaubskasse der Besucher aus.

Im Zuge der Sparmaßnahmen, mit der die endlose griechische Wirtschaftskrise abgemildert werden soll, hatte Athen in diesem Jahr Steuerprivilegien auf den beliebten Eilanden Mykonos, Santorin, Rhodos, Naxos, Paros und Skiathos gestrichen.

Dort müssen statt 17 Prozent nunmehr 24 Prozent Mehrwertsteuer entrichtet werden. Ab dem 1. Januar 2017 soll die Mehrwertsteuer auch auf allen anderen Ägäis-Inseln steigen. Hinzu kamen in diesem Jahr saftig erhöhte Abgaben etwa auf Hotelzimmer, aber auch auf alkoholische Getränke und etliche Nahrungsmittel.

Auch diejenigen, die der These der Steuerhinterziehung anhängen, geben durchaus zu, dass dies etwas mit den Steuererhöhungen zu tun haben könnte. Die Besitzer zahlreicher griechischer Tourismusunternehmen, Tavernen und Bars ergriffen offenbar "Gegenmaßnahmen", weil ihre Gesamtumsätze sänken. Insidern zufolge versuchten sie, möglichst keine Quittungen auszugeben. Es wäre ja nichts Neues: Die "doppelte Kasse" in der Gastronomie hat eine Tradition, die möglicherweise bis in die Antike zurückreicht.

Selbst bei der bargeldlosen Zahlung seien Hoteliers sowie Restaurant- und Café-Besitzer einfallsreich. Das Geld jener Kunden, die mit Karte zahlten, gehe in vielen Fällen möglicherweise direkt ins Ausland und werde in Griechenland gar nicht erst registriert.

Das ist möglich, wenn die elektronischen Bezahlgeräte direkt mit einem Konto im Ausland verbunden werden. "Mach mal eine Runde am Abend hier in Rhodos und schau genau hin", rät der Hoteldirektor. Wenn die Steuerfahndung unterwegs sei, laufe alles normal. Sobald die Kontrolleure jedoch nach Hause gingen, würden die Geräte aus der Schublade geholt.

Noch ist die Touristensaison in Griechenland nicht beendet. Auf Rhodos und anderen Inseln sowie in Athen sind die Hotels nach wie vor gut besucht. Das Thema des massiven Rückgangs wird die Fachleute also weiter beschäftigen - bis tatsächlich abschließende Zahlen vorliegen.

Und auch die griechische Regierung muss sich überlegen, wie sie gegen solch eine Entwicklung vorgehen kann. Schließlich ist der Tourismus eine der Haupteinnahmequellen des notorisch von der Pleite bedrohten Landes.

Takis Tsafos und Alexia Angelopoulou, dpa/pat



© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.