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Arktis-Alltag: Jede Menge Prüfungen

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Expeditionsalltag in Grönland Ein Tag im Leben eines Arktis-Abenteurers

Regen im Zelt, schrumpfende Skischuhe und verschollene Zahnbürsten: Der Alltag einer Arktis-Expedition hält für die Teilnehmer jede Menge Prüfungen bereit. Dafür wird die Tour kulinarisch zum reinsten Vergnügen - weil mit dem ständigen Hunger plötzlich alles schmeckt.

Jemand muss über Nacht meine Skischuhe aus der Zelt-Apside genommen und gegen ein zwei Nummern kleineres Paar vertauscht haben. Warum passen Fuß, Socke, Dampfsperrensocke, Lammwollsocke und Baumwoll-Übersocke (um den Skischuh vor den Lammfell-Fuseln zu schützen) da heute nicht rein? Ich zerre an der fast knielangen Gamasche, rüttle an der Schlaufe und an der Ferse. Dann endlich: Fuß drin. Autsch, Kratzer an den Fingern dafür wieder offen. Die Wunden von den Stürzen im Eis heilen schlecht.

Draußen scheint die Sonne, im Zelt Nieselregen. Warum regnet es im Zelt? Ach so, Kondenswasser. Igitt, Kondenswasser: Was wir nachts ausgeatmet haben, kommt jetzt flüssig vom Kunststoffdach.

Warum ist die Zahnbürste nicht im Kulturbeutel? Habe ich die im letzten Camp verloren? Der nächste Supermarkt ist sieben Tagesmärsche weg, unpraktisch. Das gibt Karies, aber so was von, bei dem ganzen Süßkram, den wir immer essen. Ach so, Zahnbürste ist in der Daunenjackentasche, weil es gestern Abend kalt war beim Zähneputzen. Gar nicht so einfach, sein Zeug hier zusammenzuhalten, bei den ganzen Jackentaschen und wasserdichten Beuteln und Ziplock-Plastiktüten.

Ein ganz normaler Morgen auf meiner Arktis-Expedition. Akkus raus aus dem Schlafsack, Akkus rein in die Kamera. Die vertragen keine Kälte. "Minus fünf Grad im Zelt heute Nacht", vermeldet Gregor. Die rote Zeltwand flattert im Wind. "40 km/h", sagt Wilfried nach einem Blick auf den Windmesser.

Teebeutel als Spülbürste

Das aggressive Fauchen des Benzinkochers hat etwas Heimeliges. Jan schaufelt Schnee in die beiden Töpfe. Erstaunlich, wie viel Schnee wie wenig Wasser ergibt. Frühstück. Müsli mit Peronin. Wie gestern. Und vorgestern. Zu viele Rosinen drin. Einzige Abwechslung: Peronin Vanille oder Peronin Kakao. Astronauten-Pulvernahrung. Egal, Hunger hat man immer, hier draußen schmeckt alles. Sogar die Fettpampe Pemmikan mit zwei Jahre zurückliegendem Verfallsdatum, die optisch nur entfernt an ein Nahrungsmittel erinnert. Im Schnitt essen wir zwei Tüten pro Tag davon.


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Vergleichbar mit einem Mittelklassehotel ist dagegen die Getränkeauswahl: Kaffee, Cappuccino, Vitaminbrause, schwarzer Tee, Pfefferminztee, Kamillentee, Früchtetee, Hagebuttentee. Nur Milch gibt's nicht, nicht mal als Pulver. Der zweite Tee wird immer im Müsli-Plastiknapf serviert. Weil sich Teebeutel perfekt als Camping-Spülbürste eignen. Wilfried erklärt Jan, wie man klemmende Ziplock-Verschlüsse geschickter aufmacht. Wilfried hat ständig Tipps, wie man noch was optimieren kann, auch schon morgens um viertel nach sieben.

Ein neuer Expeditionstag kann beginnen. Seit sieben Tagen reisen wir durch Schnee und Eis, die Abläufe sind Routine geworden, die Gruppe ist ein eingespieltes Team.

Schlitten mit Zauberkräften

Gregor kippt Wasser in die Thermoskannen und Flaschen mit Blaubeersuppenpulver. Diese zähflüssige Instantsuppe ist ein absoluter Geheimtipp für Arktistouren, genau wie Marzipan als Wegzehrung: Energie pur, der Körper will ständig mehr davon. Und er will Schokolade. Normalerweise esse ich die kaum, hier kann ich problemlos zwei Tafeln pro Tag verdrücken.

Gerade wenn's richtig gemütlich ist, wenn im Lager alles an seinem Platz ist, heißt es Zelte abbauen. Bei dem Wind? Klar bei dem Wind. Wenn man in Richtung Westen bergauf geht, kommt der leider immer von vorne.

Dann den Pulkaschlitten packen. Wer glaubt, dass man dies nach sieben Tagen Expedition so hinkriegt, dass man später alles direkt wiederfindet, liegt falsch. Pulkaschlitten scheinen über geheime Zauberkräfte zu verfügen, die dafür sorgen, dass unterwegs die Ladung neu verteilt wird. Vor allem die Thermoskanne wandert mit Vorliebe in die Ecken, die man unterwegs nur schwer erreicht.

Immer dem Pfeil nach

Wir laufen nun immer etwa 15 bis 18 Kilometer am Tag, einer hinter dem anderen. Bei jeder Pause wird gewechselt, wer voraus geht. Der kriegt das GPS-Gerät auf den Unterarm gebunden und muss darauf achten, dass der Pfeil darauf immer genau geradeaus zeigt.

Wir sind nun komplett von flachem Eis umgeben, kein Baum oder Strauch hilft bei der Orientierung. Das Ziel ist unsichtbar, eine Koordinate auf dem Display, eine Null bei der Kilometerangabe. Nur der Vorausgehende weiß also dank GPS, wie weit wir gekommen sind und wie weit es noch ist. Zwecks Mitläufer-Motivation haben wir eingeführt, dass er ganze Kilometerzahlen immer mit dem Skistock neben die Spur schreibt, damit auch die Nachkommenden Bescheid wissen. Noch zwölf. Elf. Sechs. Zwei. Camp.

Schön wäre es jetzt, einfach in einen warmen Schlafsack zu kriechen und einzuschlafen. Pustekuchen, erst müssen wir eine Schneemauer bauen, um die Zelte vor dem Wind zu schützen. Das dauert meist eine Stunde, mit Säge und Schaufeln trotzen wir dem Boden einen Eisquader nach dem anderen ab.

Jeden Abend entsteht so ein architektonisches Kunstwerk, etwa acht Meter breit und einen Meter hoch. Weniger Mühe geben wir uns mit der Klomauer. Hauptsache, sie hält. Sie dient übrigens nicht der Privatsphäre, sondern allein als Sturmschutzwall. Sich den Arsch abfrieren klingt lustiger, als es ist.

Mehrgänge-Menü mit Kalorienbomben

Wir bauen die zwei Schlafzelte und das Kochzelt auf. Als Amuse-Gueule wird eine Vitamintablette gereicht, danach pulvrige Tomatensuppe mit Trockenbrot-Croutons, Salami-Enden, Beef Stroganoff aus der Tüte und Mousse au Chocolat als Nachtisch. Dann als Absacker einen Kamillentee mit einem Schuss aus einer Flasche mit der ominösen Bezeichnung "Sonstiges": Strohrum mit Honig, Mischverhältnis halb und halb. 4500 Kalorien pro Tag sollten es schon sein, mehr als das Doppelte der üblichen Dosis.

Wir besprechen den nächsten Tag, meist sind diese Gespräche recht kurz. "17,6 Kilometer bis Camp acht", sagt Wilfried. Ich packe den Laptop aus, per Satellitentelefon schicke ich Texte und Fotos an die Redaktion in Hamburg. Ein Foto in winziger Auflösung dauert mindestens zehn Minuten, so schlecht ist die Verbindung für Daten.

Dann, endlich: ins Zelt. Schlafbrille auf, arktische Nächte sind hell. Ohrstöpsel rein, arktische Stürme sind laut. Selbst Zelte, die so viel kosten wie ein Moped, flattern bei Windstärke sechs mit einem Höllenlärm. Abschalten, Beine warm rubbeln, schlafen. Schlafen, so lange es geht: bis der Kondenswasser-Nieselregen auf die Stirn tropft.


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