Groningen Jugend, Stil und Popart-Klo

Groningen ist die jüngste Stadt der Niederlande - zumindest was das Durchschnittsalter der Menschen angeht. Jung und verspielt wirken auch die architektonischen Meisterwerke von Rem Koolhaas und Philippe Starck - und die berühmteste Toilette des Landes.

Groningen - Im Norden der Niederlande führt kaum ein Weg an Groningen vorbei. Rund 183.000 Menschen leben hier, allein 23.000 Studenten sind an den Hochschulen eingeschrieben. Die Hälfte der Bewohner ist jünger als 35 Jahre - das ist Landesrekord. Groningen macht in vieler Hinsicht einen jungen Eindruck, nicht nur wegen der Koffieshops in zentraler Lage. Noch mehr trägt dazu bei, dass hier so gut wie jeder Fahrrad fährt - und zwar meist in flottem Tempo.

Historisch gesehen ist Groningen dagegen eine alte Stadt, die im Mittelalter zur Hanse gehörte. Ein bisschen sieht man davon noch an der Aa. Der Fluss mündet in die Nordsee und war früher die Verbindung zum offenen Meer, heute wird sein Lauf durch Schleusen reguliert. Am Ufer stehen noch etliche der alten Backsteinspeicher, die für viele Hansestädte typisch sind. Noch über das 19. Jahrhundert hinaus war hier das Viertel der Schiffer und Bootsbauer. Das Schifffahrtsmuseum in der Brugstraat erinnert an diese Zeit.

"Unser Wahrzeichen ist aber der Olle Grieze", sagt Koos Lammers, der "alte, graue" Turm der Martinskirche am Grote Markt. "Er neigt sich etwas nach rechts", erzählt der Stadtführer - eigentlich sogar ziemlich deutlich, 70 Zentimeter sind es. Allerdings hat er auch schon viel mitgemacht. "Fertig wurde er 1482", sagt Koos. "Er war so hoch, dass man ihn von jedem Dorf der Provinz aus sehen konnte." Später brannte er ab, wurde wieder aufgebaut und hat nun 97 Meter zu bieten - deutlich weniger als vorher. Der vierthöchste Kirchturm der Niederlande ist er aber immer noch.

Direkt hinter der Kirche steht ein ungewöhnliches Denkmal des Heiligen Georg: Der Ritter, der einen Drachen tötet, erinnert hier nicht an alte Legenden, sondern an den Zweiten Weltkrieg. Groningen war von deutschen Truppen besetzt, eine der letzten Schlachten in den Niederlanden gab es ausgerechnet im Stadtzentrum: Mitte April 1945 wurden dabei noch gut 300 Häuser zerstört. Der Grote Markt verlor sein historisches Gesicht: Nur an einer Seite blieben die Gebäude stehen. Wie es hier vor der Zerstörung aussah, ist im Rathaus zu sehen: Ein Ölgemälde dort zeigt Groningen in der Frühen Neuzeit.

Auf ein Bier zu den drei Geschwistern

Heute wie damals ist der riesige Marktplatz in vieler Hinsicht das Zentrum der Stadt: Nicht nur zum Einkaufen kommen die Groninger regelmäßig, auch Restaurants, Cafés und Kneipen gibt es mehr als genug. Allein 21 Theken gibt es bei den drei Geschwistern: "'Drie Gezusters' - das ist die größte Kneipe im ganzen Norden", sagt Koos.

An der Ostseite des Marktes sollen die Gebäude mit ihrer typischen Nachkriegs-Architektur in naher Zukunft abgebrochen werden - um Platz zu machen für neue. Architektonisch hat Groningen in vieler Hinsicht Ambitionen: In der Innenstadt fallen schon beim ersten Bummeln etliche ungewöhnliche Gebäude auf. Das große Rathaus gehört dazu, ebenso das Goldkontor aus dem 17. Jahrhundert, das nicht weit davon entfernt ist. Hier residierten einst die Steuereintreiber. Seit Mitte der neunziger Jahre ist das Haus mit dem ansehnlichen Prachtgiebel durch ein Glas-Stahldach mit einem modernen Nebengebäude verbunden.

Als Besucher stutzt man kurz, ob das nur mutig oder auch gelungen ist - und ist dann doch überzeugt: So geht es eben auch. Der Entwurf von Adolfo Natalini knüpft an alte Traditionen an: "Italienische Architekten haben auch in früheren Jahrhunderten schon bei uns gearbeitet", sagt Koos. An historischen Gebäuden mit sehenswerter Architektur gibt es ohnehin keinen Mangel: Die neoklassizistische Kornbörse am Vismarkt ist ebenso ein Beweis dafür wie das Provinciehuis, an dem sich die unterschiedlichen Stile wie im Lehrbuch zeigen lassen. Die berühmteste Toilette der Niederlande findet sich ebenfalls in Groningen, mit Wänden aus Milchglas nach einem auffallend poppigen Entwurf des Architekten Rem Koolhaas.

"Manchen Gästen wird schwindlig"

Es gibt Groninger Lokalpatrioten, die fest davon überzeugt sind, dass auch das architektonisch ungewöhnlichste Museum des Landes in ihrer Stadt steht. Sehenswerte Ausstellungen gibt es im Groninger Museum regelmäßig, in diesem Herbst gleich mehrere parallel zu Gegenwartskunst aus China. Aber viele Gäste kommen auch einfach nur, um sich das Gebäude selbst anzusehen. Es liegt zentral zwischen Hauptbahnhof und Innenstadt und ist gar nicht zu übersehen.

Einen Museumsteil hat der österreichische Architekt Coop Himmelblau entworfen. Der Boden wirkt, als sei er nicht eben, auch die Wände neigen sich. Unter der Decke liegen die Rohre frei. "Das sieht hier alles noch etwas unfertig aus", sagt der Groninger Architekturexperte Marcel Wichgers, der durch das Museum führt. "Manchen Gästen wird schwindlig."

Ein weiterer Museumsteil wurde vom Star-Designer Philippe Starck entworfen. Für den Großteil des Gebäudes zeichnet aber - Italien lässt grüßen - Alessandro Mendini verantwortlich, ein Architekt, der es bunt und fröhlich liebt. Auch die Wände hat er farbig gestaltet. Für Ausstellungsmacher, die Kunst aufhängen müssen, ist das nicht immer ideal, aber sehenswert ist es allemal.

Architektonisch ungewöhnlich ist auch die Synagoge: Erbaut wurde sie 1906 mit zwei Türmen in orientalischem Stil. "Eigentlich war sie viel zu groß für die damals 3000 Mitglieder der jüdischen Gemeinde", sagt Wichgers. Die Synagoge wird heute wieder für Gottesdienste genutzt - der vordere Teil ist öffentlich zugänglich und lohnt einen Besuch, nicht nur wegen der Architektur.

Von Andreas Heimann, dpa

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