November-Karneval England feiert, böllert, brennt!

Am 5. November 1605 scheiterte Guy Fawkes' Attentat. Das bescherte Großbritannien einige seiner wildesten Bräuche und Feiern. Die farbenprächtigste Sause von allen ist der Nachtkarneval von Somerset.

imago/ ZUMA Press

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Der Guy Fawkes Carnival der englischen Grafschaft Somerset ist eine Feier, die ihre Wurzeln in einem missglückten Attentat und Aufstand hat: 13 Verschwörer versuchten am 5. November 1605, den König zu ermorden und das englische Parlament zu sprengen. Der Plan missglückte, und seitdem feiert England das Scheitern Guy Fawkes' und seiner Mitverschwörer mit den Bonfire Nights - Festen mit riesigen Feuern - und anderen Bräuchen.

Der vielleicht schrillste davon ist der Somerset Carnival, was nicht nur nach deutschem Karneval klingt, sondern ihm auch ähnlich ist: ein Fest mit großen bunten Kostümparaden, denen Zuschauer zujubeln. Was die prächtigen "Floats" vom rheinischen Rosenmontagszug unterscheidet, ist aber nicht nur der Mangel an Kamelle: Der Somerset-Carnival ist eine nächtliche Angelegenheit - und glänzt und gleißt mit schrillen Lichtern und jeder Menge Feuerwerk.

Zudem ist er sowohl feucht-fröhlich, als auch karitativ. Statt Bonbons zu sammeln, gibt der Besucher dort selbst etwas: Bei den "All singing, all dancing"-Festumzügen wird für vorher benannte wohltätige Organisationen gesammelt. Kann man mit reinerem Gewissen schwofen?

Verteilt über drei Monate finden zu festgesetzten Tagen in zwölf Städten der Grafschaft Somerset im Südwesten Englands (auf halber Strecke zwischen Bristol und Cornwall) Festumzüge statt. Sie sind - mit einer Ausnahme - in zwei "Kreise" geteilt, die von unterschiedlichen Carnival-Komitees organisiert werden.

Der kleinere ist der South Somerset Federation of Carnival Committee Circuit, der bereits im September beginnt und vier größere Feste umfasst. Der größere, als Somerset County Guy Fawkes Carnival Association Circuit bekannt, beginnt 2016 pünktlich am 5. November in Bridgwater und endet am dritten Samstag im November mit einem rauschenden Abtanz in Glastonbury.

Keine Provinzfeier: Größter Nachtkarneval der Welt

Dazwischen liegen im November fünf weitere Festtage und Orte. Und das sind keine kleinen Events: Bridgwater, wo sich einst diese Art des Carnival entwickelte, ist zwar nur ein 36.000-Einwohner-Städtchen. Zum Carnival dort kommen aber regelmäßig mehr als 150.000 Besucher - es wird eng in den Gassen. Carnival ist auch in Südwestengland ein Ausnahmezustand.

Und das kann man wörtlich nehmen: Guy-Fawkes-Carnival ist eine strahlend hell-grelle, laute, bizarre, humorige Angelegenheit. Es ist ein reiner Nachtkarneval, der vom Zauber Hunderttausender Lichter lebt.

Das soll schon früh begonnen haben. Nur wenige Jahre nach dem missglückten Aufstand von 1605, dessen Jahrestag man fast umgehend mit der Bonfire-Nacht zu feiern begann, soll man die in Somerset um einen Fackelumzug erweitert haben. Lange war das offenbar ein ruppiges Fest. Zeitgenössische Quellen aus dem 18. Jahrhundert berichten davon, dass ein Teil des Feuerzaubers darin bestand, dass man brennende Pechfässer durch die Straßen rollte.

Als Gas- und elektrische Lichter harmlosere und trotzdem beeindruckende Alternativen ermöglichten, wuchsen diese Prozessionen zu dem Spektakel an, als das sie heute bekannt sind: Angeblich schon 1847 zogen erstmals strahlend hell erleuchtete Festwagen durch Bridgwater. Glastonbury folgte 1854 und müht sich seitdem, Bridgwater in Sachen Schrillheit, Größe und Spaß auf die Plätze zu verweisen. Heute sind die Fawkes-Nächte von Somerset der größte Carnival der britischen Inseln - und definitiv der größte Nachtkarneval der Welt.

Das hat sich herumgesprochen, aus dem bis vor wenigen Jahren vor allem regional bekannten Festival ist eine von Touristen aus aller Welt besuchte Attraktion geworden. Inzwischen setzt jedes Festjahr neue Superlative.

Bei allem Trash und Tand, kirmesartiger Beschallung und schreiendem Kostümkitsch haben sich aber auch Elemente des klassischen Brauchtums erhalten. Den Beginn des Umzugs ruft nach wie vor ein Marktschreier aus. Das Ende markieren in Bridgwater die "Squibbler": In diesem Jahr werden 150 Männer in klassischen Kostümen auflaufen, die Holzstangen balancieren, an deren Enden Feuerwerkspakete Funken sprühen, böllern und brennen. Um sich Platz zu machen, legen sie auf der Straße vor sich Feuer - klingt gefährlich, ging aber in den letzten Jahrhunderten ohne Verletzte vonstatten.

Über zweieinhalb Kilometer lang ist der Festzug selbst, über 1000 Teilnehmer heizen dem Publikum ein. Die längsten Festwagen bringen es auf 30 Meter, beleuchtet von bis zu 30.000 Lampen, und sicher wird auch die Gesamtzahl von 600.000 Glühlampen, die im letzten Jahr an den Festwagen befestigt waren, noch einmal überschritten.

Wer danach noch nicht genug hat, kann sich bis zum 19. November alle paar Tage einen weiteren dieser großen Carnivals ansehen - Dutzende kleine, dörfliche Veranstaltungen nicht mitgezählt.

Es macht die so oder so sehenswerte englische Provinz in diesen ersten beiden Novemberwochen besonders abwechslungsreich. In den Feststädtchen selbst dürfte der Übernachtungsraum zwar knapp sein, aber die Feiern, die stets kurz nach 19 Uhr beginnen, erreicht man auch, wenn man per Bus oder Bahn fährt.

Im Überblick: Orte und Daten, Fawkes-Carnival 2016

  • Samstag, 5. November: Bridgwater
  • Montag, 7. November: Highbridge & Burnham-on-Sea
  • Freitag, 11. November: Weston-super-Mare
  • Samstag, 12. November: Petherton
  • Montag, 14. November: Midsomer Norton (gehört nicht zu den offiziellen Circles)
  • Mittwoch, 16. November: Shepton Mallet
  • Freitag, 18. November: Wells
  • Samstag, 19. November: Glastonbury
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