Mein Lieblingswinterziel Hailuoto oder der Sound der Weite

Tusq

Von


Tausend Leute wohnen auf der finnischen Insel Hailuoto, die vor der Küste der fünftgrößten Stadt des Landes, Oulu, liegt. Im März vergangenen Jahres waren es vier mehr: Meine Band Tusq und ich haben dort vier Wochen verbracht, um 13 Songs für unser zweites Album aufzunehmen.

Unser Produzent, ein gebürtiger Schwabe, ist wegen der Liebe dorthin gezogen. Wir wollten ihn unbedingt bei der Aufnahme dabei haben. Uns blieb also nichts anderes übrig, als nach Hailuoto zu reisen.

Die Insel erreicht man nur per Fähre - oder im Winter über eine Eisstraße. Das Eis auf dem Bottnischen Meerbusen wächst zwischen September und Mai auf eine Dicke von drei Metern an und ist problemlos mit Autos zu befahren. Aufgrund der Strömung bilden sich ab und zu Risse im Eis. Dann strömt Wasser auf die Fahrbahn, was sie unpassierbar macht. Daher sollte man vorher im Internet nachschauen, ob die Straße überhaupt befahrbar ist.

Als wir unser Quartier in einem Lotsenhaus direkt an der Küste, am westlichen Ende in der Nähe eines Leuchtturms, beziehen, ist die Insel noch von Eis und Schnee bedeckt. Der nächste Supermarkt ist zehn Kilometer entfernt. Der Bus fährt einmal am Tag, ohne Auto geht hier eigentlich nichts. Diese Einsamkeit ist genau richtig, um sich auf die Aufnahmen zu konzentrieren.

Die Natur beeindruckt eher durch das, was nicht da ist. Durch die Leere zwischen Himmel und Eisfläche. Die Landschaft scheint auch am Horizont nicht enden zu wollen, wirkt aber beruhigend, beinahe meditativ. Spektakulär sind die Sonnenuntergänge, die sich ungefähr zwei Stunden lang vor dem Fenster unseres Aufnahmeraums abspielen.

Auch wenn die Sonne hinter dem zugefrorenen Meer versunken ist, wird es nicht richtig dunkel. Der Schnee reflektiert das Mondlicht. In den vielen klaren Nächten glitzert zudem der Sternenhimmel, und an einigen wenigen Abenden können wir sogar Nordlichter sehen. Die bunten Lichtschlieren verwandeln Hailuoto endgültig in eine zauberhafte Wintermärchenlandschaft.

Wir wissen nicht, ob die vierwöchige Isolation tatsächlich unsere Songs beeinflusst hat. Aber sehr genau erinnere ich mich auch heute noch daran, wie wir während der Aufnahme-Sessions aus dem Fenster auf diese endlose, weiße Weite geschaut haben.

Als wir wieder in Deutschland waren und über den Titel des Albums berieten, kamen wir zu dem Schluss, dass es keinen anderen Namen tragen darf als den dieser Insel. "Hailuoto".

Timo Sauer ist Musiker. Bei SPIEGEL ONLINE sorgt er für all die Dinge, die den Alltag in einer Redaktion am Laufen halten. In das Album "Hailuoto" von Tusq kann man hier reinhören.

Mitarbeit: Uli Breitbach



Diskutieren Sie mit!
0 Leserkommentare

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.