Hallig Langeneß Von Pesel, Döns und Ditten

Wie Maulwurfshügel ragen die zehn Halligen vor der Küste Schleswig-Holsteins aus der Nordsee, bei Sturm regelmäßig geflutet. Auf Langeneß, der größten von ihnen, gehen die Uhren noch anders, Stress ist hier ein Fremdwort. Genau richtig für Urlauber mit Lust auf viel Ruhe.


Langeneß - Halligen sind eine Welt für sich. Vor allem im Herbst und Winter werden sie bei Sturm regelmäßig überspült. Auf Langeneß passiert das im Jahr bis zu 20-mal. Das Vieh muss dann schnell in den Stall, und die Bewohner können nicht viel mehr tun, als Tee zu trinken und auf die Ebbe zu warten.

Die Häuser der 108 Hallig-Bewohner stehen auf künstlich aufgeworfenen Hügeln, die Warften genannt werden - oder Warfen, wenn es nach Bürgermeister Boy Andresen geht, der Wert auf die korrekte friesische Schreibweise legt. Auf Langeneß gibt es nur ein Gasthaus, keinen Arzt und kein Postamt. Täglich Briefe und Pakete bringt aber seit 28 Jahren Fiede Nissen, der Postschiffer, der auch die Halligen Oland und Gröde versorgt, "nur nicht bei Eisgang und Sturm".

Sonnenuntergang am Leuchtturm von Langeneß: Stress ist auf der Hallig ein Fremdwort
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Sonnenuntergang am Leuchtturm von Langeneß: Stress ist auf der Hallig ein Fremdwort

Für eine Polizeistation ist Langeneß zu klein. "Die brauchen wir auch nicht", sagt Fiede. "Wenn doch was passiert, kommt der Sheriff von Amrum rüber." Aber das hat Seltenheitswert. Zu den spektakulärsten Verbrechen gehörte vor Jahren der Diebstahl von Silberschmuck aus dem Tadsen-Museum. "Den hat einer einfach mitgehen lassen", erzählt der Postschiffer. "Ein Polizist in Hamburg hat den Schmuck auf St. Pauli gefunden. Er war selbst mit einer Friesin aus Föhr verheiratet und wusste gleich ungefähr, wo der herkommen muss." Jetzt ist er wieder an seinem alten Platz.

Boy Andresen: Der Bürgermeister von Langeneß zeigt im Watt die Spuren der Salzsieder
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Boy Andresen: Der Bürgermeister von Langeneß zeigt im Watt die Spuren der Salzsieder

Im Tadsen-Museum auf der Ketelswarf zeigt Renate Boysen, wie es sich in früheren Jahrhunderten auf Langeneß gelebt hat: In der Küche neben dem Backofen lagern "Ditten". Touristen dürfen sie gerne anfassen oder auch dran schnuppern. Die wenigsten wissen etwas damit anzufangen. "Das sind getrocknete Kuhfladen", erzählt die Museumsführerin. "Das war bei uns früher das einzige Brennmaterial." In der Speisekammer stehen Weckgläser voller Birnen und eingemachten Bohnen. Vorratshaltung für den Winter war überlebenswichtig. "In den Steingut-Töpfen wurden Fleisch, Fisch und Krabben aufbewahrt, gesalzen für die längere Haltbarkeit", sagt Renate Boysen.

Der prächtigste Raum des Hauses ist der Pesel, wie die gute Stube auf Friesisch heißt: "Er wurde nur an Festtagen und zum Aufbahren der Toten benutzt." Und Kapitän Tadsen hat hier gezeigt, dass er nicht knausern musste: Eine Wand ist ganz mit handgemalten holländischen Fliesen dekoriert.

Auf der Ketelswarf steht auch der Nachbau einer Bockwindmühle. "Die gab es früher auf jeder Hallig, meistens aus Strandgut gebaut. Holz war ja extrem knapp", erzählt Boy Andresen. Das reetgedeckte Gertsen-Haus nur wenige Meter weiter stammt aus dem Jahr 1725 und ist das älteste auf Langeneß. Etliche Kapitänsfamilien haben darin gewohnt, auch die von Boye Petersen, der 1902 das Kommando auf der "Preußen" übernahm, damals das schnellste Schiff der Welt.

Bauer Honke Johannsen im Stall: Landwirte sind auf Langeneß selten geworden, früher hatte jede Familie Kühe
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Bauer Honke Johannsen im Stall: Landwirte sind auf Langeneß selten geworden, früher hatte jede Familie Kühe

Das auf Friesisch "Döns" genannte Wohnzimmer wirkt immer noch behaglich. Etliche Brautpaare haben sich hier das Jawort gegeben. "Die sitzen dann beide auf dem Sofa", erzählt der Bürgermeister. Im Pesel ist noch die Originalbemalung von 1740 zu sehen, mit Farben, die so frisch wirken, als seien sie erst gestern aufgetragen worden.

Andresen hat in einem Zimmer eine kleine Ausstellung zur Salzgewinnung aufgebaut: Vom 11. bis 18. Jahrhundert wurde im Watt Torf gegraben, der wegen des Meerwassers viel Salz enthielt. Der Torf wurde verbrannt, die Asche mit Salzwasser gemischt, das Ganze verdampft - übrig blieb so viel Salz, dass die Halligbewohner das "weiße Gold" exportieren konnten.

Die Spuren des Torfabbaus sind im Watt noch zu sehen - Andresen weiß wo. In Gummistiefeln stapft er an der Badestelle vor der Ketelswarf über den in der Sonne silbrig schimmernden Schlickboden. "Hier gab es früher die Rickerts-Warf, auf der die Salzsieder gelebt haben", erzählt er. Als das Meer immer näher kam, haben sie am Anfang des 19. Jahrhunderts ihre Häuser verlassen. Drei Meter pro Jahr riss die Nordsee von den Halligen weg, bevor sie mit großem Aufwand befestigt wurden - gut 60 Jahre dauerte das, bis 1935.

Der Rickerts-Warf nützte das nichts mehr - sie wurde überspült. Andresen zeigt auf den Wattboden: "Da sieht man noch Teile von roten Backsteinen." Daneben liegen ein Tierknochen und eine Tonscherbe. Auch eine komplette Radnabe von einem Salzsiederkarren hat der Hallig-Bürgermeister schon gefunden. Derzeit wird sie beim Amt für Vor- und Frühgeschichte konserviert. Später soll sie in die Ausstellung auf die Ketelswarf.

Nachbau einer Bockwindmühle auf der Ketelswarf: Die Mühlen wurden früher aus Strandgut gebaut
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Nachbau einer Bockwindmühle auf der Ketelswarf: Die Mühlen wurden früher aus Strandgut gebaut

Boy Andresen hat einen Spaten mitgenommen und gräbt im schlickigen Boden: Der Torf ist schnell gefunden. Hier muss es vor Zehntausenden von Jahren einen Wald gegeben haben, später ein Hochmoor. Im Torf ist ein Stück Holz eingeschlossen, die Rinde glänzt metallisch. Andresen schabt sie mit dem Taschenmesser ab: "Das war mal eine Birke."

Salzsieder gibt es schon lange nicht mehr. Und auch Landwirte sind selten geworden. Familie Johannsen hat noch einen Betrieb auf der Honkenswarf. Eine Hand voll Schafe gehören dazu und 55 Rinder. "Früher hatte jede Halligfamilie Kühe für die Milch", sagt Honke Johannsen, der Sohn des Hofbesitzers. Heute ist das die Ausnahme.

"Viele Jüngere gehen weg", sagt Johannsen. "Die meisten mit dem Willen wiederzukommen, aber das machen nur wenige." Honke Johannsen will bleiben. Seine Frau Britta kommt vom Festland und lebt seit neun Jahren auf Langeneß. "Nirgendwo auf der Welt können Kinder so unbeschwert aufwachsen wie hier", sagt sie. "Hier sind alle Nachbarn, auch die Gäste kennt man bald. Und selbst in der Hauptsaison gibt es keinen Trubel."

Von Andreas Heimann, gms



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