Hallig Oland Zwischen Land und Unter

15 Häuser, 23 Menschen - auf der Hallig Oland, der ältesten in der Nordsee, spielt sich das Leben auf nur einem Quadratkilometer ab. Bei "Land unter", wenn das stürmische Meer über die Warft schwappt, sogar auf noch weniger Fläche.

Von Andreas Wenderoth


Hinterm Leuchtturm in Dagebüll holt Fiede Nissen die Post für die Hallig. Hier auf dem Festland, wo alles organisiert ist, was draußen im Wattenmeer nicht mehr wichtig erscheint, reißt Anne die Tür ihres Volvos auf und reicht Fiede die gelbe Plastikkiste für die Postleitzahl 25869 hinaus. "Naa", sagt Fiede, die Wollmütze tief ins Gesicht gezogen. "Joo", sagt Anne. Es ist kalt, die Zeit ist knapp, in einer Stunde kommt die Flut. Bis dahin muss Fiede auf der Hallig sein. "Tschüss", sagt er. "Joo", antwortet Anne.


Nissen lässt den Viertaktmotor seiner Lore an. Mit wasserblauen Augen blickt er auf das Gleis. Nach jeder Flut können dort Taue, Holzplanken oder Fischernetze liegen. Sie könnten Nissens Gefährt aus den Schienen werfen. Was aber in den 31 Jahren, die er jetzt schon die Post nach Oland bringt, nie geschehen ist. Der fünf Kilometer lange Lorendamm wurde 1924 erbaut. Er ist die Nabelschnur zum Festland. Wenn es mit dem Boot bei Niedrigwasser, bei Nebel oder ab Windstärke sechs nicht mehr geht, fährt immer noch die Lore. Fährt die Lore nicht, geht gar nichts mehr. "Das Leben auf der Hallig ist ein bisschen umständlich, aber man bekommt auch was dafür", sagt Nissen und weist auf die Wildenten, die am Himmel aufsteigen, die Lichtreflexe auf dem Wasser.

Dort, wo sich die Schienen im Meer zu verlieren scheinen, ganz hinten am marmorierten Horizont, baut sich aus dem Frühnebel nun der Schattenriss von Oland auf. Zwei Kilometer lang, 500 Meter breit, 15 Häuser auf einem meterhohen, künstlich angelegten Hügel, der Warft, die so eng beieinander stehen, dass kein Geheimnis lange hält. 23 Menschen, die sich ausnahmslos duzen, wohnen auf der ältesten bekannten Hallig, erstmals erwähnt vor genau 777 Jahren.

Nur sechs der Oländer sind berufstätig, vier davon beim Küstenschutz. Vom Wetter gegerbte Gesichter und Seelen. Charakterköpfe. Weil die Fluten zwar die Steine rund spülen, den Menschen aber, wie es scheint, zusätzliche Kanten verleihen. Individualisten sind sie, skeptisch gegenüber Fremden, insbesondere Festländern, die ihre Hallig versehentlich als "Insel" bezeichnen. "Eine Hallig wird überflutet, eine Insel nicht", erklärt Nissen kurz. Wortkarg sind die meisten, aber ein gutes Gedächtnis haben sie. "So ein Halligmann ist nicht nachtragend, aber er vergisst nicht." Ein Menschenschlag, den man für reserviert halten könnte. Bis man es besser weiß. Aber eine Hallig ist kein Ort, an dem man die Dinge überhastet.

Ein Orkantief steht bevor

Das elektronische Barometer zeigt noch nach oben, doch das normale aus Metall, auf das er im Zweifel lieber vertraut, lässt anderes ahnen. "Es fällt", sagt Bürgermeister Boy Peter Andresen. Ein Orkantief steht der Hallig bevor. Im Juni hatten sie auf Oland das letzte Mal "Land unter", den ganzen Herbst über war’s ruhig, aber morgen, der Bürgermeister zieht die Augenbrauen hoch, ja, "da könnte es was geben". Dass einer hier einen beschleunigten Puls bekommt, nur weil die Hallig überspült wird, nein, das passiert eigentlich nicht mehr. Jedenfalls seit die Warft 1985 noch einmal erhöht worden ist.

Natürlich hören sie um elf Uhr das Radioprogramm von NDR 1, wenn die Hochwasserstände durchgegeben werden. Und manche schauen auch ins Internet, aber es ist dem Bürgermeister unverständlich, wenn er von Leuten hört, die den ganzen Tag vor dem Computer sitzen. "Weiß nicht, was das bringt", sagt Andresen. Er jedenfalls hat ein Telefon und ein Faxgerät, auf andere Spielereien kann er verzichten. Ruft man ihn an und bittet um einen Termin, teilt er mit, dass er nichts von Terminen halte und dass man sich kurzfristig melden solle. Dann werde man sehen.

Der Bürgermeister von Oland hat dichte Augenbrauen und graue Haare, die unter einer Schiebermütze hervorlugen. Er sagt: "Wenn eine Population zu klein wird, stirbt sie aus." Das sei das Problem von Oland. Die alten Halligleute gebe es kaum noch, und die Neuen seien von weit her. "Die verstehen uns nicht so." Lachen nicht über dieselben Dinge. "Die gucken einen an und wissen nicht, wie’s gemeint ist." Kaufen Häuser und kommen nur am Wochenende. Wollen alles verändern, obwohl das meiste doch sowieso nicht zu ändern ist.

Gewisse Dinge muss man akzeptieren, sagt der Bürgermeister. Zum Beispiel, dass man nicht wegkann, wann man möchte. Sondern nur dann, wenn die Natur es erlaubt. "Eine große Zufriedenheit mit dem Leben muss man schon haben", sagt der Bürgermeister. "Wer hier jeden Tag denkt, er versäumt etwas, ist am falschen Ort."

Zweimal im Jahr ein Theaterabend

Sie haben das "Biikebrennen", das große Winterfeuer Ende Februar, bei dem die Geister der kalten Jahreszeit vertrieben werden sollen. Das Grünkohlessen danach. Und zweimal im Jahr, wenn Fiede Nissen mit seiner Laienspielgruppe auf Tournee ist, einen Theaterabend mit plattdeutschen Einaktern. Dazu eine kleine Bücherei, die einmal in der Woche für eine Stunde geöffnet hat. Einige Ferienwohnungen für Touristen. Und wenn im einzig reetgedeckten Leuchtturm Europas eine Lampe defekt ist, klingelt bei Jürgen Nommensen im Wohnzimmer automatisch eine Glocke. Was ein Leuchtturmhilfswärter so machen muss? "Ja, da ist nicht viel zu erklären", sagt Nommensen, der nicht gern viel erklärt.

Die "Flensburger"-Reklame in der Gastwirtschaft "Kiek in" liegt im Dunkeln, weil die Wirtin auf unbestimmte Zeit im Krankenhaus bleiben muss. Kein Geschäft, kein Verein, nichts also hält davon ab, auf kürzestem Weg nach Hause zu gehen. Ein Leben ohne Zerstreuung auf der Straße, aber auch ohne die Zwänge, denen sich Festlandbewohner ausgesetzt sehen können. Statussymbole fehlen, Äußerlichkeiten spielen keine Rolle. Man hat sich einen toleranten Blick auf die Nachbarn angewöhnt, mit einigen ist man mehr oder weniger weitläufig verwandt, mit den anderen darf man es sich auch nicht verderben. Die Türen stehen offen. In fünf Minuten hat man jeden erreicht. "Hier wohnt niemand weiter als 100 Meter vom Friedhof entfernt", heißt es in der Eigenwerbung von Oland.



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