Hallo, Taxi! (Berlin) Vorlesestunde für Schwachsinnige

Was ist typisch für die deutsche Hauptstadt? Wer sich an Wolfgang Gruners Taxifahrer-Auftritte erinnert, weiß eine Antwort. Unser Autor ist an der Spree mal eingestiegen.

Von Roland A. Wildberg


Warum also hasst er mich? Es gibt sicher viele Gründe - vielleicht nimmt er es mir übel, dass ich weg war (im Gegensatz zu ihm) oder dass ich schon wieder zurück bin. Oder, und noch schwerwiegender, dass ich zwei Koffer dabeihabe. Da musste er sich doch glatt bücken und den einen selbst in den Kofferraum stellen. Sah nicht so elegant aus in seinen Badelatschen.

Berliner Taxifahrer machen es sich gern bequem, und da geht nichts über Badelatschen - weiß-blau gemustert. Dazu trägt sich eine violette Trainingsjacke ganz perfekt. Oder ist das der Grund seiner Missstimmung? Dass er heute Morgen bei Dunkelheit die falsche Jacke hervorholte und erst bei Helligkeit diese optische Umweltverschmutzung wahrnahm...

Beileibe nicht alle Berliner Taxifahrer blickten so freundlich in die Welt
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Beileibe nicht alle Berliner Taxifahrer blickten so freundlich in die Welt

Sicher nicht, bestimmt will er mich nur ärgern - denn er hasst mich ja. So auch mit dem nächsten Schachzug: Kälte breitet sich im Innenraum aus, denn er hat sein Fenster aufgekurbelt, mitten im Winter. Ich sage: "Es wird kalt." Er grunzt: "Da kommt frische Luft rin."

Berliner Taxifahrer werden zu Unrecht gescholten. Sie sind zwar chronisch mies drauf, fahren wie die Henker und übersehen leidenschaftlich gern winkende Passanten am Straßenrand, aber: Das muss sein! Wären sie freundlich, redselig und zuvorkommend wie in jeder x-beliebigen Stadt, hätte keiner was zu erzählen. Weißte noch, wie wir damals ganz entspannt von Rom kamen, und ich frage den Taxifahrer: "Können wir bei Ihnen einsteigen?", und er sagt: "Wenn ick die Türen abdichte und Wasser rinlasse, könnse ooch baden!" Und kein Lächeln verunstaltete dabei seine Züge. Solche Geschichten retten noch die langweiligste Party. Vielleicht ist Berlin deswegen die deutsche Party-Metropole.

Er grantelt: "Dit is wichtig!"

Meinem Folterknecht ist es inzwischen selbst kalt geworden, er verlegt sich auf die Ohren-Tortur: Er stellt die Durchsagen der Funkzentrale auf Gehörlosen-Level. Eine Frauenstimme leiert mit säuerlicher Stimme hauptstädtische Straßennamen herunter: "Eichenstraße - Leuschnerdamm - Malplaquetstraße - Alt-Wittenau zwei Wagen..." - und so weiter, ohne Ende. Vorlesestunde für Schwachsinnige. Ich sage: "Geht das bitte etwas leiser?" Er grantelt: "Dit is wichtig!" Früher konnte man anhand der Durchsagen heraushören, mit welcher Funkzentrale der Wagen fuhr. Denn Berlin, traditionell geteilte Stadt, war auch taximäßig zonal geblieben: Im Westen dominierte Taxifunk, im Osten Spreefunk. Und zwischen ihnen selbstverständlich kalter Krieg.

Es kam vor, dass sich West-Taxifahrer weigerten, eine Adresse im Osten anzusteuern - und umgekehrt. Angeblich, weil sie keine Fuhre zurück bekamen. Vielleicht, weil sie Angst hatten, sich in der fremden Stadt zu verfahren. Jetzt ist das offiziell vorbei: Die beiden Zonen haben, zehn Jahre nach der Wende, fusioniert. Aber es gibt immer noch fünf Funktaxizentralen in Berlin, mit fast 6000 Wagen. Und verfahren tun sie sich immer noch. Noch einmal 1000 pirschen ohne Funk durch den Asphaltdschungel, "auf Greifen", wie es die Fahrer nennen. Aber das klappt nicht so richtig, denn bekanntermaßen brettern sie immer dann vorbei, wenn man sie gerade braucht. Oder wenn man nur fünf Mark hat. Denn der größte Feind des Berliner Taxifahrers ist der so genannte "Winkemanntarif".

Sie hassen ihn wie die Geißel Gottes - ausgeheckt nur, um sie zu ärgern. Passagiere, die den Tarif nicht kennen, haben Pech gehabt - gelegentlich behaupten Fahrer sogar, er sei vor kurzem abgeschafft. Doch es gibt ihn immer noch: Wer eine Taxe heranwinkt, kann für fünf Mark zwei Kilometer weit fahren (ab März sechs Mark); und so viele Freunde mitnehmen wie hineinpassen. In der Partyszene genial: Mehr als zwei Kilometer sind kaum ein Club, eine Disco, eine Bar auseinander. Doch davor muss ein Monster überwunden werden - Taxifahrer erfinden nämlich die erstaunlichsten Ausreden gegen Winkemänner: "Kann nicht wechseln", ist noch harmlos - "Habe eine Bestellung in der Gegenrichtung" schon dreister. Einer entdeckte einmal angesichts dreier großgewachsener Hamburger Gäste, dass die Stoßdämpfer seines alten Benz das unmöglich aushalten würden. Als festgestellt wurde, dass der TÜV-Stempel erst einen Monat alt war, gab er klein bei.

Gute Laune, das ist nichts für Berlin

Die erste gute Tat jenes frisch fusionierten Taxi-Großbetriebes war es übrigens, seine Fahrer mit Freundlichkeits-Seminaren zu malträtieren. Also einem Fisch das Fahrradfahren beibringen. Anschließend kündigte der dynamische Geschäftsführer an, Taxen mit Aufklebern zu kennzeichnen: Es sollte je nach Klientel Frauen-freundliche, Raucher-freundliche und auch Schwulen-freundliche Taxen geben - der Skurrilität noch nicht genug, wollte er mit einem Smily auf dem Blech "besonders humorvolle Fahrer" auszeichnen. Aus der Sache ist leider nichts geworden, Berlins humorvolle Fahrer fahren vorläufig weiter inkognito. Der Aufkleber liegt wohl noch in seinem Schreibtisch. Und überhaupt, wer wollte schon mit so einem Taxi durch die zerklüftete Stadtlandschaft Berlins bummeln? Gute Laune, das ist nichts für Berlin.

Mein Fahrer hat inzwischen auf "Antenne Brandenburg" umgestellt. Das ist mit Abstand der schrecklichste von Berlins schrecklichen Privat-Sendern. Doch das macht mir jetzt nichts mehr aus, denn ich habe das Spiel endgültig durchschaut. Ich wippe zu irgendeiner Lala-Musik fröhlich mit dem Fuß - denn auch dazu sind die miesen Monster gut: einen in seiner guten Laune noch zu stärken. Eine feste Burg ist unser Gott oder so. Ich fange an zu summen. Mein Folterknecht zuckt zusammen, leidet sichtlich. Er weiß, er hat verloren. Ich summe lauter. Resigniert steckt er sich eine Zigarette an. In einem Nichtrauchertaxi! Es ist unglaublich. Danke - jetzt habe ich endlich wieder was zu erzählen! Ich steige summend aus, zahle fünf Mark Trinkgeld, lache noch vor der Wohnungstür. Kann man seine Peiniger lieben? In Berlin schon.



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