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Ostasiaten in Hallstatt: Das kleine Glück in Österreich

Foto: Hasnain Kazim

Dorf in Österreich Warum so viele Chinesen nach Hallstatt kommen

780 Einwohner, 150.000 Übernachtungen: Überraschend viele Touristen kommen in ein kleines österreichisches Dorf. "Jeder in China kennt Hallstatt", sagt eine Besucherin. Was ist da los?

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Eine junge Chinesin schreit auf. Ihr ins Haar gesteckter Schleier wurde von einer Windböe erfasst und ins Wasser des grün schimmernden Sees geweht. Dahin das Hochzeitsbild! Der Bräutigam schimpft, auf Mandarin, man kann nur ahnen, was er sagt. Derweil versucht eine Freundin, die Braut zu trösten. Es ist ja nur ein Fake-Foto - die echte Hochzeit wird noch in China gefeiert, wo dann die Bilder aus Hallstatt den Gästen gezeigt werden.

Hallstatt im Inneren Salzkammergut, Bundesland Oberösterreich, ungefähr in der Mitte zwischen München und Wien. Bad Ischl, ein paar Kilometer weiter nördlich, ist vielen in Deutschland ein Begriff, durch die Sissi-Filme. Der Franzl hat da um Sissis Hand angehalten. Und Salzburg, natürlich. Aber Hallstatt? Ein Ort, in dem seit Tausenden von Jahren Salz abgebaut wird, in den einst die Kelten kamen und nach dem eine Periode der Eisenzeit benannt ist - Hallstattzeit. Und dennoch ist er vielen kaum bekannt.

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Ostasiaten in Hallstatt: Das kleine Glück in Österreich

Foto: Hasnain Kazim

Lien Bo lächelt. "Jeder in China kennt Hallstatt", sagt sie. "Jeder." Die Restaurantmanagerin aus der Millionenmetropole Chongqing kramt ihr Handy aus der Tasche. Ob Reise-App oder soziale Medien - überall erscheinen Fotos von Hallstatt: ein Freund, der in ein Leberkäsebrötchen beißt. Ein anderer, der am See ein Bier trinkt. Hochzeitsbilder von einem befreundeten Paar mit Hallstatt im Hintergrund. "Hallstatt, das ist für uns das kleine Glück", sagt Lien Bo, "Berge, ein See, dazwischen ein hübscher Ort, in dem glückliche Menschen leben."

Doch so glücklich scheinen nicht alle 780 Einwohner von Hallstatt zu sein über den Touristenandrang aus Ostasien. In diesem Jahr werden etwa eine Million Menschen das Dorf besucht haben, die meisten davon Tagesgäste, die mit dem Bus oder mit dem Auto kommen, einmal durch den Ort laufen und weiterfahren. Etwa 150.000 Übernachtungen wird der Ort in diesem Jahr verbuchen. Alles Rekordzahlen. Und nächstes Jahr dürften es noch mehr werden. Viele Reiseanbieter, die Prag, München, Salzburg, Wien, Budapest als Reiseziele anbieten, bauen in ihr Programm auch Hallstatt ein.

Hohe Einnahmen allein durch Toiletten-Euro

Das Interesse aus China, Taiwan, Südkorea, Japan und anderen ostasiatischen Ländern, aber auch aus Indien, an Hallstatt hat in den vergangenen fünf Jahren enorm zugenommen. Der wichtigste Grund für die Beliebtheit dürfte die Verbreitung von Fotos des Berg-See-Dorf-Idylls via soziale Medien sein. Aber auch Erzählungen von jenen, die schon mal da waren, tragen zu dem Besucherandrang bei. "Meine Mutter war vor zwei Jahren hier", sagt Börsenhändler Dan aus Shanghai. Gemeinsam mit seiner Frau bereist er nun in einer Woche Tschechien, Deutschland, Österreich und Ungarn. Hallstatt ist ein Zwischenstopp, Aufenthaltszeit: zwei Stunden, inklusive Mittagessen.

In China hat aber auch ein Nachbau des österreichischen Dorfes in der Provinz Guangdong die Bekanntheit von Hallstatt gesteigert. Der Marktplatz und die umliegenden Häuser wurden 2012 eins zu eins nachgebaut, allerdings spiegelverkehrt - und ohne Wissen der Hallstatter. Manche hat das verärgert, andere erkennen das Kompliment, das darin steckt, auf chinesische Art eben. Und in Südkorea gab es eine Soap-Opera, die in Hallstatt gedreht wurde.

VIDEO: Hallstatt in China - das Heimatplagiat (2014)

DER SPIEGEL

Alexander Scheutz, Bürgermeister von Hallstatt, sieht den Tourismus überwiegend positiv. "Wir sind ein kleiner Ort, der vor einigen Jahren noch verschuldet war und Gefahr lief, eingemeindet zu werden", sagt er. "Jetzt haben wir einen Haushalt von 4,4 Millionen Euro mit rund 160.000 Euro Überschuss." Diese Zunahme sei durch den Tourismus erwirtschaftet worden. Allein durch die öffentlichen Toiletten, deren Nutzung einen Euro kostet, erwirtschafte die Gemeinde 150.000 Euro im Jahr. "Das ist mehr als durch die Grundsteuer", sagt Scheutz. Insgesamt gehe es dem Ort für seine Größe bestens: Es gebe noch einen eigenständigen Bäcker, einen Supermarkt, sogar ein Ärztehaus habe man finanzieren können.

Kritiker im Ort sehen das weniger rosig. "Bei uns gibt es ja fast nur noch Souvenirläden, nichts anderes", sagt eine Frau, die mitten im Dorf lebt. Der Supermarkt sei auf Tourismus ausgerichtet, dort gebe es Wasser und Kühlschrankmagnete. "Aber versuchen Sie mal, irgendwo in Hallstatt etwas zum Kochen aufzutreiben, Karotten oder Salat. Das finden Sie nicht. Und wenn, dann gleich 30 Prozent teurer als üblich." Sogar abgefüllte Hallstatter Luft gebe es neuerdings in Dosen zu kaufen. "Das ist doch verrückt! Ich finde das nicht in Ordnung!"

Qualitätstourismus statt Massentourismus

Aufgekommen ist der Vorschlag, ein Eintrittsgeld für Hallstatt zu verlangen. Das lehnt Scheutz ab. "Wir sind doch kein Museum, sondern eine traditionell sozialdemokratische Gemeinde", sagt der SPÖ-Politiker. "Wir wollen auch keinen Luxustourismus, den sich eine Familie mit Kindern nicht mehr leisten kann."

Aber teurer, darüber scheinen sich alle einig, muss es werden - indem die Parkgebühren erhöht werden, vor allem für Busse. Für einen Stopp am Rand des Orts, in den nur Einwohner fahren dürfen, sind derzeit 30 Euro fällig. Jetzt denkt man über 100 Euro oder noch mehr nach. Salzburg macht es so. Die Bürgerliste Hallstatt, die sich dafür einsetzt, ist 2015 auf Anhieb mit 28 Prozent der Stimmen ins Kommunalparlament gewählt worden. Man wolle Qualitätstourismus, nicht Massentourismus, sagen deren Mitglieder. Sprich: Die Besucher sollen nicht nur ein paar Stunden, sondern mehrere Tage bleiben.

Jetzt wird ein Verkehrskonzept ausgearbeitet, um das zu steuern. Die Bürgerinnen und Bürger von Hallstatt sind daran genauso beteiligt wie Vertreter der Tourismuswirtschaft. Gegen Tourismus, sind sich alle einig, sei niemand. Nur müsse man das eben in die richtige Richtung lenken.

"Derzeit ist es einfach viel zu viel", sagt Andrea Zimmermann. Sie lebt mit ihrer Familie genau an jenem Punkt des Dorfes, den die Reisenden aus Asien "Fotopoint" nennen - von wo aus man einen Blick auf das ganze Dorf samt Kirche hat. Es ist das Motiv, das am häufigsten im Netz kursiert.

"Das Schlimmste ist der Lärm", sagt Zimmermann. "Die Ersten kommen zum Sonnenaufgang, die Letzten sind noch in der Nacht da und fotografieren." Die Terrasse könne die Familie nicht mehr nutzen. Problematisch sei auch, dass viele Reisende die Privatsphäre nicht achteten und auch schon mal im Garten oder gar im Wohnzimmer stünden. "Und nicht selten fliegt eine Drohne vorbei und fotografiert oder filmt."

"Quiet, please!"

Seit einiger Zeit hängen überall im Dorf Verbotsschilder. Sie appellieren daran, die Privatsphäre der Bewohner zu respektieren, keine Drohnen fliegen zu lassen und sich möglichst leise zu verhalten. "Jetzt heißt es, wir würden alles verbieten", sagt Bürgermeister Scheutz. "Aber man muss ja auch verstehen, dass die Menschen, die hier leben, einen Rückzugsraum brauchen." Manche Touristen würden glauben, Hallstatt sei nur Kulisse, eine Art Disneyland, und die Menschen, die hier arbeiten, würden in Hochhäusern hinter den Bergen leben. "Die sind manchmal richtig fassungslos, wenn wir denen erzählen: Wir leben hier, mittendrin!"

Das kleine Hallstatt erlebt die Folgen der Globalisierung, den wachsenden Wohlstand der Menschen in anderen Teilen der Welt und die zunehmende Reisefreude. Die Entwicklung, die Städte wie Venedig oder Barcelona schon seit einiger Zeit zu spüren bekommen, erreicht nun ein Dorf in Österreich. Und dabei ist es nur ein kleiner Prozentsatz der Asiaten, der schon ins Ausland reist und die Welt erkundet - so wie es Europäer schon seit Langem tun. Die Zahl derer, die künftig Europa besuchen, dürfte weiter steigen.

"Ja, es hat zwei Seiten", sagt Scheutz. "Wir müssen einerseits sehen, dass wir unsere Kapazitätsgrenzen erreicht haben." Andererseits wolle man nicht unhöflich oder unfreundlich gegenüber Gästen werden. Dass mancher von "Horden" spreche, die kämen, finde er unmöglich. "So etwas wie die 'Tourist, go home!'-Kampagnen anderswo wird es bei uns hoffentlich nie geben."

Ja, findet Lien Bo, ein bisschen ernst seien die Einheimischen schon. Aber das, glaubt sie, habe mit der anderen Kultur zu tun. Alles in allem seien die Menschen in Hallstatt doch sehr nett. Und vor allem sehr, sehr glücklich.

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