Herrenchiemsee Königliche Bauruine mit Panoramablick

Auf ewig unvollendet sollte es bleiben, das Neue Schloss von Pleite-Baumeister Ludwig II. auf der Insel im bayerischen Chiemsee. Hinter der prachtvollen Fassade phantasierte der Märchenkönig vom Leben als absolutistischer Herrscher, hinterließ funkelnde Spiegelsäle und - Räume im Rohzustand.


Herrenchiemsee: Traum eines Märchenkönigs
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Herrenchiemsee: Traum eines Märchenkönigs

Herrenchiemsee - Der französische Sonnenkönig Ludwig XIV. galt ihm als ideale Verkörperung des Königtums. Zeit seines Lebens versuchte der bayerische König Ludwig II. entsprechend in die großen Fußstapfen seines Idols zu treten. Seine ganze Leidenschaft galt dabei dem Bau prächtiger Schlösser. Wie er sich damit letztendlich in den Ruin stürzte, lässt sich eindrucksvoll auf der Insel Herrenchiemsee besichtigen. Mit dem Bau des Neuen Schlosses wollte er sich dort den Traum von einem zweiten Versailles erfüllen. Doch die hohen Kosten machten die hochfliegenden Pläne zunichte - hinter der prächtigen Fassade wurde deshalb ein großer Teil der Räume nicht fertig gestellt.

1873 hatte König Ludwig II. die Insel im "Bayerischen Meer", wie der Chiemsee auch genannt wird, erworben. Weit ab von der Residenzstadt München, umgeben von idyllischer Landschaft, wollte sich der exzentrische Monarch hier ein ganz persönliches Königreich schaffen.

Zunächst zog der Märchenkönig dafür in das Alte Schloss - für die Verhältnisse von Ludwig II. ein vergleichsweise schlichter Bau, dessen vier Flügel heute einen Rosengarten einschließen. Im achten Jahrhundert als Benediktinerkloster gegründet, diente das Gebäude später bis zur Säkularisierung im Jahre 1803 als Chorherrenstift der Augustiner. Nach dem Kauf der Insel ließ sich der König im Ost- und im Südflügel des einstigen Klosters eine Privatwohnung einrichten. Davon sind heute nur noch wenige Überbleibsel zu sehen.

Eine größere Rolle als der Monarch spielt in den streng anmutenden Gemäuern die jüngere Vergangenheit: Im früheren Speisesaal des Königs, heute schlicht Zimmer Nummer 7 genannt, tagte im Jahr 1948 der so genannte Verfassungskonvent, der für den Parlamentarischen Rat in Bonn einen Verfassungsentwurf konzipierte. Schilder zeigen an, wer damals an welchem Platz saß. Zahlreiche Dokumente und Fotografien in der dazu gehörigen Ausstellung illustrieren den Entstehungsprozess des Grundgesetzes.

Trotz seiner langen Geschichte lassen viele Besucher das Alte Schloss links liegen, obwohl sie mit dem Schiff von Prien aus kommend unmittelbar vor dem Gebäude auf der Insel landen. Stattdessen spazieren sie gleich weiter zum Neuen Schloss, vorbei an sanft gewellten Wiesen und dem schattig-grünen Wald.

Spiegelsaal: 2000 Kerzen mussten innerhalb von 15 Minuten entzündet werden
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Spiegelsaal: 2000 Kerzen mussten innerhalb von 15 Minuten entzündet werden

Auch wenn das ebenfalls von Ludwig II. erbaute Neuschwanstein weltweit als das Märchenschloss schlechthin gilt, war Herrenchiemsee für den Monarchen selbst vermutlich der größere Traum. 1878 begann er hier mit dem Bau eines "Neuen Versailles", acht Jahre später wurde das Projekt wegen Geldmangels wieder abgebrochen. Bis zu diesem Zeitpunkt war der Bau jedoch soweit gediehen, dass Ludwig II. seine absolutistischen Phantasien ausleben konnte.

Fertig wurde neben der Fassade unter anderem die Spiegelgalerie, die zusammen mit etwa 20 weiteren Prunkräumen im Rahmen einer Führung besichtigt werden kann. Mit einer Länge von knapp 100 Metern übertrifft der prächtig ausgestattete Saal sogar sein Vorbild in Versailles. Erleuchtet wurde er von riesigen Kronleuchtern, in denen fast 2000 Kerzen steckten - auf Geheiß des Königs hatten die Diener diese innerhalb von höchstens einer Viertelstunde zu entzünden.

Während der 30 Minuten dauernden Führungen - wegen des vor allem im Sommer großen Andrangs straff und in großen Gruppen von bis zu 70 Personen organisiert - können die Besucher auch einen Blick in das Prunkschlafzimmer werfen. Dieser Raum sollte nach den Gepflogenheiten des Absolutismus das Zentrum des Schlosses bilden. Genächtigt hat der König dort jedoch niemals. Wie der Rest des Prachtbaus diente auch dieses verschwenderisch verzierte Zimmer nicht zum Wohnen, sondern in erster Linie zum glanzvollen Repräsentieren.

Herrenchiemsee sollte der Platz sein, in dem der König von nichts und niemanden in seinen Tagträumen gestört wurde. Das galt auch für seine Diener, weshalb er im Esszimmer ein so genanntes Tischlein-deck-dich einbauen ließ: Auf Knopfdruck verschwand der Tisch in das darunter liegende Stockwerk. Der König konnte so ohne den Anblick jeglichen Personals speisen.

Verspielte Brunnen: Einzig der Park wurde vollendet
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Verspielte Brunnen: Einzig der Park wurde vollendet

Während im Schloss selbst viele Räume nicht einmal mehr gestrichen werden konnten, wurde die Parkanlage rund um das Gebäude noch weitgehend fertig gestellt. Wie das Schloss selbst sollten auch die Grünanlagen keine reine Kopie von Versailles sein, sondern sich lediglich am großen Vorbild orientieren. Die Planung des lang gestreckten Parks konzentrierte sich vor allem auf die Bereiche, die vom Spiegelsaal und dem Schlafzimmer aus zu sehen waren.

Besonders angetan hatten es Ludwig II. bei seinem Besuch in Versailles im Jahre 1874 offenbar die Wasserspiele. Eine Vielzahl verspielter Brunnen und Fontänen säumt den Weg durch den Park hinauf zum Haupteingang. Von dort aus fällt der Blick durch die in den Park geschlagene Schneise hinab bis auf den See.

Der Kahlschlag für das majestätische Panorama gilt als eine der wenigen Umweltsünden auf Herrenchiemsee - zumal auf der Insel eine völlige Abholzung gedroht hatte, bevor sie der König Holzhändlern aus Württemberg abkaufte. Mancher feiert den Monarchen heute deshalb als einen der ersten Umweltschützer. Und angesichts des Naturidylls aus dichtem Wald, Viehweiden und Obstwiesen überall auf der Insel erscheint das nicht einmal mehr so abwegig.

Von Sandra Hoffmann, gms



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