Alles so schön grün hier: Deplar Farm in Island
Alles so schön grün hier: Deplar Farm in Island
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Eleven Experience / Gestalten

Hotelführer »Slow Escapes« Wo »offline« kein Makel ist

Abgeschieden, in der Natur, wo man allein sein kann mit sich selbst: Wer solche Urlaubsziele sucht, sollte ein neues Buch über »New Rurals« zur Hand nehmen.
Von Eva Lehnen

Ein Weiler auf einem entlegenen Hochplateau im französischen Zentralmassiv, eine Biofarm auf einer sizilianischen Vulkaninsel, ein Ansitz auf einer Lichtung in den Allgäuer Alpen, eine Ökoeinsiedelei in Umbrien. Die Unterkünfte, zu denen das neue Buch »Slow Escapes« den Weg weist, liegen mitten im Nirgendwo.

Dort, wo Schafe noch über alte Steinpfade getrieben werden, wo man ziemlich allein sein kann mit sich, dem Meer, den Bergen oder Wäldern. Und wo man eincheckt bei Gastgeberinnen und Gastgebern, von denen viele selbst dem Leben in der Stadt den Rücken gekehrt haben. Stattdessen haben sie sich daran gemacht, alte Gemäuer in moderne Refugien zu verwandeln.

In den »New Rurals« dampfen keine Misthaufen, sondern Saunen. Verspannte Großstadtkörper dehnen sich in den Yogaräumen oder beim Floaten im Pool. Auf hübschen Keramiktellern wird angerichtet, was der eigene Garten oder die Region hergibt. Kein Internetempfang, wie in Almières hoch über der französischen Schlucht Gorges du Tarn, ist ein Prädikat. Kein Makel.

Mehr als 40 Adressen porträtiert die französische Reisejournalistin Clara Le Fort. Die meisten liegen in Europa; in Italien, Frankreich oder Portugal. Auch drei deutsche Adressen haben es in die Auswahl geschafft: das Rosso  und der Ansitz Hohenegg , beide im Allgäu gelegen, sowie das Kranich Museum & Hotel  in Mecklenburg-Vorpommern.

Aber auch am anderen Ende der Welt sieht es hübsch erholsam aus im Nirgendwo: in der renovierten Fischerhütte Captains Rest  an einem stillen See in Tasmanien, Australien zum Beispiel. Oder im Fogo Island Inn  vor der Küste Neufundlands, Kanada, und auch auf der Deplar Farm  im Norden Islands.

Englisches Landleben: The Newt in Somerset

Englisches Landleben: The Newt in Somerset

Foto: The Newt in Somerset / Gestalten
Irgendwo in der Provence: Hotel Crillon le Brave

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Foto: Markos Kyprianos / Gestalten
Auszeit in Andalusien: Finca La Donaira

Auszeit in Andalusien: Finca La Donaira

Foto: Finca La Donaira / Gestalten

»An entlegenen Orten mitten in der Natur entwickelt sich ein Gegenentwurf zu den lauten, überfüllten und aufdringlichen Resorts alten Typs«, schreibt Le Fort. Auf ihren Reisen habe sie Gastgeber getroffen, die nicht einzig auf Profit aus seien: »Die neuen Hoteliers wollen die lokale Gemeinschaft und ihre Kultur stärken… Sie schaffen Arbeitsplätze, geben lokalen Erzeugern ein Forum, um sich zu präsentieren und motivieren andere, es ihnen gleichzutun.«

Auf einer mehrwöchigen Wanderung in Rumänien etwa entdeckten die Tischlerin und Innenarchitektin Lilli Steier und der Unternehmensberater Volker Bulitta aus Bayern in den Neunzigerjahren das Karpatendorf Botiza. Sie kamen wieder, sahen im Nebendorf ein altes, verfallenes Gebäude und kauften es. Das war 2005.

Heute haben Steier und Bulitta mit der Hilfe und Expertise lokaler Handwerker insgesamt fünf einst ruinöse Holzhäuser auf den Wiesen von Şesuri  wieder aufgebaut und in behagliche Unterkünfte verwandelt. Eine Farm mit Pferden, Rindern, Hühnern, Ziegen und Bienenstöcken gehört zum Anwesen, außerdem eine Holzwerkstatt und eine Stiftung. Insgesamt 16 Dorfbewohner beschäftigen die Deutschen.

Ab in die Karpaten: Gut Şesuri in Rumänien

Ab in die Karpaten: Gut Şesuri in Rumänien

Foto: Sorin Morar / Gestalten

Auch Lena Evstafieva hatte in ihrem früheren Leben mit der Tourismusbranche wenig zu tun. »Ich wollte nie ins Gastgewerbe. Dafür bin ich auch gar nicht ausgebildet«, erzählte die Betreiberin der Villa Lena  in der Toskana der Autorin Le Fort. Vielleicht klingen Evstafievas Dienstanweisungen ans Personal auch deshalb manchmal etwas unkonventionell: »Behandelt jeden Kunden wie eure Lieblingsoma.«

Mit viel Herzblut, ihrem Musikermann und einem Pariser Erfolgsgastronomen hat sie sich daran gemacht, auf dem Land zwischen Pisa und Florenz eine Adresse für die entschleunigungsreife Großstadt-Bohème zu schaffen – einen Ort, »wo alle unkompliziert interagieren, den eigenen Rhythmus finden, Dinge erkunden oder sich zurücklehnen können«. Die Villa Lena ist Agriturismo und Künstlerresidenz in einem: Geloungt wird am Pool unter gestreiften Sonnenschirmen, die Künstler des villaeigenen »Artists in Residence«-Programm bieten Workshops an, abends prostet man sich beim Farm-to-table-Essen in der Osteria mit dem vor Ort gekelterten Biowein zu.

»Der Nachhaltigkeitsgedanke hat unsere Bewertung von Reisezielen verändert. Besonders begehrt sind heute abgelegene, naturbelassene oder extreme Landschaften«, glaubt der französische Philosoph und Autor Gilles Lipovetsky, der ebenfalls im Buch zu Wort kommt – und vorsichtshalber nicht erwähnt, wie man denn zu diesen abgeschiedenen Orten hinkommt. »Die Gäste wollen sich wieder mit einer Welt verbinden, die sich selbst genügt und im natürlichen Gleichgewicht steht. Je größer der Abstand von der industrialisierten Arbeitswelt, desto besser.«

Auf einer Lichtung im Allgäu: Ansitz Hohenegg

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Foto: Robert Kittel / Gestalten
Die Outdoorküche der Kavvadia's Organic Farm, Korfu

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Foto: Markos Kyprianos / Gestalten
Nahe der vorpommerschen Boddenküste: Kranich Museum & Hotel

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Foto: Philipp Obkircher / Gestalten

»Hier ist die Zeit schon vor einiger Weile stehen geblieben«, sagt die Betreiberin der Biofarm Parco dei Sesi auf Pantelleria über das Urlaubsgefühl in ihrem restaurierten Landrefugium. Auf Pante-wo? So ist das: Wer »Slow Escapes« zur Hand nimmt, muss des Öfteren den Kartendienst auf dem Handy oder Laptop befragen. Und so fliegt man mit der roten Stecknadel von der Vulkaninsel Pantelleria zwischen Sizilien und Tunesien weiter auf das Aran-Archipel vor der irischen Westküste, auf eine Lichtung in den Allgäuer Wäldern oder auf die dänische Insel Lolland.

Ein Stress, der bei aller Landfriedlichkeit allerdings am weiten Horizont aufzieht: Le Forts Auszeitadressen sind nicht gerade günstig. Es besteht also die Gefahr, dass all die Erholung schnell wieder dahin ist, wenn man nach der Rückkehr wieder ins Hamsterrad springt. Irgendwo muss das Geld ja herkommen.

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