Idyllisches Hampstead Popstarkolonie im Park

Nur vier U-Bahn-Stationen von Big Ben entfernt liegt Londons schönstes Viertel: Nicht umsonst hat sich das idyllische Hampstead von der einstigen Künstler- zur hochpreisigen Popstar-Kolonie gewandelt - und war schon immer beliebt auch bei deutschen Berühmtheiten .

TMN

London - Wo läuft man Oasis-Sänger Liam Gallagher und Starkoch Jamie Oliver über den Weg? Wo steht man mit Herbert Grönemeyer an der Kasse? Wo kann man stundenlang durch Wald und Wiesen wandern und ist nicht weit von den Sehenswürdigkeiten Londons entfernt? Natürlich in Hampstead, dem schönsten Fleckchen der Stadt.

So mancher heute unbezahlbare Stadtteil in der britischen Metropole war früher ein Slum, Notting Hill und Islington zum Beispiel. Doch Hampstead nördlich der Innenstadt war schon immer exklusiv: Im 18. Jahrhundert war es der Kurort von London, denn es liegt auf der Höhe und war nicht in den berüchtigten Nebel aus den Ausdünstungen der weltweit ersten industrialisierten Stadt gehüllt. Als der Moloch immer weiter ausuferte und schließlich das gesamte Land rund um Hampstead verschluckte, blieb die Enklave unangetastet. Man wähnt sich am Stadtrand, wenn nicht gar auf dem Land. Das liegt vor allem an Hampstead Heath, einem hügeligen Wald- und Wiesengebiet.

Die Höhe von Hampstead war für den Schriftsteller C.S. Lewis die Inspiration zu seiner Fantasyreihe "Die Chroniken von Narnia". Bei gutem Wetter rückt halb London hierhin aus, schon der Wahl-Londoner Karl Marx kam mit seiner Familie regelmäßig her. Man kann sogar schwimmen gehen, es gibt einen Badesee für Männer, einen für Frauen und einen "mixed pond". Ziel der meisten Spaziergänger ist der Herrensitz Kenwood House mit seiner exquisiten Gemäldegalerie.

Konzertflügel aus Marmor

Im Sommer ist dieser Teil des Heath an jedem Samstagabend Schauplatz von Konzerten mit wunderbar englischer Atmosphäre: Man sitzt auf Deckchairs oder auch auf Picknickdecken und lauscht bei einem Glas Champagner sehr gepflegt der meist klassischen Musik.

Auch der Herbst hat seine Reize. An schönen Sonntagnachmittagen lassen die Londoner auf Parliament Hill, dem höchsten Punkt von Hampstead Heath, ihre Drachen steigen. Die bunten Vögel im weichen Licht der untergehenden Sonne, darunter die Dächer und Türme von Hampstead und Highgate und dazu ein spektakulärer Ausblick ins Themsetal auf die schier endlose Stadt - wenn man das einmal erlebt hat, versteht man wieder besser, warum so viele Menschen schrecklich enge Behausungen, überfüllte U-Bahnen und ein ständig überzogenes Konto in Kauf nehmen, um in dieser Stadt leben zu können.

Von Kenwood aus ist es nur ein kurzer Spaziergang zum Friedhof von Highgate, dem Schauplatz des neuen Romans von Audrey Niffenegger ("Die Zwillinge von Highgate"). Es ist ein Ort von melancholischer Schönheit.

Das Gatter quietscht, ein gewundener Pfad - bedeckt mit Laub - führt in den Totenwald. Spärliches Sonnenlicht fällt durch das Blätterdach. Einzelne Strahlen beleuchten Engel mit gebrochenen Flügeln, schiefe Kreuze und Grabplatten unter Efeu und Farn. Mitten im Gestrüpp steht ein Konzertflügel aus Marmor. Ein schlafender Löwe bewacht das Grab eines Zirkusdirektors aus viktorianischer Zeit. Ein Hund hält seinem Herrn seit einer Ewigkeit die Treue, ein Pferd harrt seines Reiters im kniehohen Gras und ist darüber moosgrün geworden. Obelisken und Pyramiden erinnern an die Ägypten-Begeisterung der Zeitgenossen von Oscar Wilde und Charles Darwin.

Jetzt geht es durch ein Tor in eine Gruft, eine wahre Nekropolis. Völlige Stille - und zu beiden Seiten Kammern mit aufgestapelten Särgen. In den 70er Jahren wurden hier Okkultismus und Teufelskult zelebriert, Hollywood nutzte in den siebziger Jahren den Friedhof als preiswerte Kulisse für Horrorfilme mit Christopher Lee. Heute ist all dem ein Riegel vorgeschoben - der Friedhof wird von einer gemeinnützigen Vereinigung geschützt und gepflegt.

Hampstaead war erste Wahl für deutsche Flüchtlinge

Der westliche Teil des Friedhofs war einst eine parkähnliche Anlage, in der sich nur die Allerreichsten eine Grabstätte leisten konnten. Vermutlich glaubten sie, damit ein Stück Unsterblichkeit zu kaufen. Aber ihre Gräber verwitterten schneller, als sie dachten, und sofern die Namen heute noch lesbar sind, kennt sie kein Mensch mehr. Parlamentsabgeordnete, Richter und Hochadelige - über alle ist die Zeit hinweggegangen.

Nur ein einziger vertrauter Kopf erhebt sich aus dem Dunkel der Geschichte - doch, diesen Nikolausbart und diese Knollennase kennt man: Es ist Karl Marx, der 1883 auf dem östlichen, dem armen Teil des Friedhofs seine letzte Ruhestätte fand. Der tonnenschwere Bronzekopf wurde dem Grab im Jahr 1954 in überdimensionierter Ostblock-Manier übergestülpt. "Workers of all lands, unite!", steht auf dem Sockel.

So wie Marx im 19. Jahrhundert nach London flüchtete, kamen nach ihm noch viele andere Deutsche in die Weltstadt, und Hampstead war immer erste Wahl. 1921 wurde hier Peter Ustinov geboren. Sein Vater war Presseattaché der deutschen Botschaft, er selbst wuchs mit deutschem Pass auf. Nach der Machtübernahme der Nazis setzte ein wahrer Emigrantenstrom ein; deutsche Konditoreien, Clubs und Restaurants entstanden. Zu den bekanntesten deutschsprachigen Zuzüglern gehörten Erich Fried, Elias Canetti und Sigmund Freud.

Der Seelendoktor aus Wien erreichte Hampstead 1938 schwer krebskrank, um dort "in Freiheit zu sterben". Er nahm alles mit: seine Bücher, seine riesige Antiquitätensammlung ("Meine Rom- Sehnsucht ist zutiefst neurotisch"), die kleine Armee ägyptischer Figuren auf seinem Schreibtisch und vor allem die berühmte Couch, heute größter Kultgegenstand der Psychologie. All das befindet sich noch am angestammten Platz in Freuds Villa in 20 Maresfield Gardens.

Bedeckt von einem schweren Perserteppich, wirkt die Couch eher wie ein fernöstlicher Diwan. Hier also haben sie gelegen, eingehüllt in eine Wolke von Zigarrenrauch, während Doktor Freud ihr Innerstes offenlegte: der Rattenmann, der Wolfsmann, der Kleine Hans und all die anderen Patienten. Freud, der in der Wiener Berggasse sehr beengt gelebt hatte, konnte sich in dem geräumigen Haus mit einem Mal ausbreiten und sogar einen eigenen Garten genießen. Weiße Fensterrahmen im roten Backstein, Efeuranken und rauschende Bäume: In dieser stillen, friedlichen Welt ist er am 23. September 1939 im ersten Monat des Zweiten Weltkriegs gestorben.

Vor etwa zehn Jahren lebte in Hampstead noch eine ganze Reihe von Emigranten. Die meisten freuten sich, wenn sie mal wieder Deutsch reden konnten und taten dies mit einem so ausgeprägten Berliner oder Wiener Akzent, dass man meinte, sie wären gerade erst hier angekommen. Ihren erwachsenen Kindern war das alles allerdings völlig fremd - sie hatten keinen Bezug mehr zu den deutschen Wurzeln.

Beliebt bei Popstars und Hollywood-Schauspieler

Hampstead ist heute nicht mehr die Künstlerkolonie, die es lange war - es ist dafür einfach zu teuer. Wohl aber ist es ein beliebter Wohnort für Popstars und Hollywood-Schauspieler. Helena Bonham Carter ("Zimmer mit Aussicht") wirft sonntagvormittags ihr Leergut in den Glascontainer in der England's Lane ein, Liam Gallagher kommt mit imagegerecht verstrubbelten Haaren aus dem Supermarkt auf Rosslyn Hill. Und Herbert Grönemeyer - den hier keiner kennt - picknickt auf dem Heath. Oscar-Preisträgerin Emma Thompson ("Wiedersehen in Howards End", "Sinn und Sinnlichkeit") lebt noch immer in derselben Straße, in der sie in den 60er Jahren aufwuchs.

Eine bevorzugte Residenz ist das schlossähnliche Appartementhaus "Mount Vernon" auf dem höchsten Punkt Hampsteads. Ganz in der Nähe liegt das weiße Admiral's House, das entfernt an einen Ozeandampfer mit Kommandobrücke erinnert - berühmt wurde es durch den Film "Mary Poppins". Die Polizeiwache mit der Adresse 26 Rosslyn Hill wiederum ist allen Freunden von Inspektor Linley aus der Erfolgsserie von Elizabeth George ein Begriff.

Die Reichen und Schönen wissen es zu schätzen, dass sie in Hampstead keine Autogrammjäger zu fürchten haben. Die ganz normalen Touristen kommen meistens nicht so weit - und jeder, der hier wohnt, würde es als unsagbar peinlich empfinden, einen Star anzuquatschen. Man tut einfach so, als würde man ihn gar nicht erkennen.

Christoph Driessen, dpa



insgesamt 1 Beitrag
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
berlinerinlondon 16.06.2010
1. hmmmm
Also ja durchaus ein wirklich netter Artikel und Hampstead ist auch wirklich ein wunderschoener Teil dieser Stadt, aber vieles ist doch SEHR ungenau! auf welchen u-bahnplan ist Hampstead 4 Stationen von Big Ben? Highgate Friedhof ist wirklich in Highgate und damit kein bisschen in Hampstead! und auch England's Lane ist nicht in Hampstead sondern in Belsize Park! Location Location Location ist dem Londoner undendlich wichtig, denn nicht nur die "richtige" Postleitzahl sondern durchaus die "richtige" Strassenseiten kann beim Hauskauf riesige Unterschiede machen!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.