Im Grenzland Polens Detektiv im letzten Urwald Europas

Wölfe, Wisente, Luchse und Elche - im Bialowieza-Nationalpark an der polnisch-weißrussischen Grenze können die Wildtiere noch ungestört leben. Oliver Lück begibt sich mit dem Ranger und Meister des Fährtenlesens Aleksander Waszkiewicz auf Spurensuche.


Am Morgen gegen 5 Uhr schwebt der Atem des Waldes in kleinen Wölkchen über dem Boden. Der modrig feuchte Dunst von altem Laub mischt sich mit dem Duft von Kiefern. Auch weit nach der Morgendämmerung finden erst wenige Sonnenstrahlen den Weg durch das dichte Blattwerk.

Dies sei die beste Zeit, im Wald zu sein, flüstert Aleksander Waszkiewicz, wenn dieser gerade aufwache, das Orchester zu spielen beginne. "Da, hören Sie!" Der monotone Ruf des Rohrschwirls. Hier streiten zwei Dreizehenspechte, dort zimmert ein Weißrückenspecht seinen Schnabel in einen Stamm. Etwas entfernt grunzt ein Wildschwein. Ein Steinadler kreist über den Wipfeln. Dazu das Rauschen der Blätter im Wind, das Knarren der Stämme. Und Grün, Grün, Grün – Grün in unendlich vielen Nuancen.

"Dieser Wald ist voller Geschichten", sagt Aleksander Waszkiewicz und zieht seine buschigen Augenbrauen hoch, "man muss sie nur finden." Er schaut sich um, zeigt auf einen abgeknickten Ast, an dem das Laub noch nicht welkt. Und dort am Baum, "sehen Sie", etwas Rinde ist abgefressen. Jedes Detail könne wichtig sein, bereits die Spur einer Spur könne Aufschluss geben, seien es bloß umgedrehte Blätter oder Steine, die verschoben oder im Matsch versunken sind.

Waszkiewicz geht in die Hocke, drückt Farne, Schwertlilien und Bärlauch auseinander: Hufabdrücke im Schlamm. Ein kurzer Blick genügt, um die Basisinformationen zu entziffern: "Zehenspitzengänger, Elch, männlich, etwa zwei Jahre alt." Die Fährte sei ganz frisch, von letzter Nacht.

Heimweh nach den Wildtieren

Der 61-Jährige ist ein Meister im Lesen von Wildtierfährten, ein Detektiv des Waldes. Er trägt eine olivgrüne Uniform, die ihn mit Schirmmütze ein wenig wie ein Polizist aussehen lässt. Um seinen Hals baumelt ein Fernglas. Manchmal vergisst er es abends abzunehmen, da er sich so daran gewöhnt hat. "Wenn ich länger als einen Tag nicht hier bin, werde ich unruhig", sagt er.

Einmal haben er und seine Frau gar einen Sommerurlaub in Masuren abbrechen müssen, da ihn das Heimweh plagte. "Im Wald lasse ich alle Probleme hinter mir. Es ist wie eine Reinigung – jedes Mal." Seit 38 Jahren arbeitet Waszkiewicz als Parkranger im letzten Urwald Europas, im Nationalpark Bialowieza im Nordosten Polens an der Grenze zu Weißrussland.

"Zimmer zu vermieten"–Schilder stehen in jedem Vorgarten an der Hauptstraße von Bialowieza. Im Dorf lebt fast jeder der 2000 Einwohner von der wilden Natur und den rund 100.000 Touristen, die der gleichnamige Nationalpark jährlich anlockt. Seit 1921 ist das Gebiet, das sich auf polnischer Seite auf 10.000 Hektar erstreckt, offiziell geschützt. Auf etwa der Hälfte der Fläche hat der Mensch noch nie eingegriffen, darf die Natur noch natürlich sein.

Uralte, knorrige Bäume können ungestört wachsen, manche seit über 400 Jahren. Einige sind groß wie Hochhäuser, 50 Meter und mehr. Wie stumme Wächter der Jahrhunderte stehen sie da. Doch auch das Sterben hat in Bialowieza Zeit, dauert nicht selten ein ganzes Menschenleben: Morsche, vom Sturm gefällt Baumriesen haben Schneisen geschlagen, bleiben liegen, werden von Moosen und Flechten überzogen, vermodern und werden zu Erde. "Der natürliche Kreislauf, ein Wald wie vor 2000 Jahren", schwärmt Aleksander Waszkiewicz, "ein wilder Reichtum, ein Schatz, einzigartig."

Hier findet sich eine Artenvielfalt, wie man sie in Europa kaum mehr findet: Rund 700 Pflanzenarten, über 3000 Pilze und 270 Moose gedeihen im Schatten von Erlen, Fichten, Linden, Birken und Eichen, von insgesamt 21 Baumarten. In diesem Dickicht fliegen, krabbeln, laufen und schwimmen rund 10.000 Insekten-, 120 Vogel- und 44 Säugetierarten. Wolfsrudel und Luchse streifen umher, Fischotter und Biber hausen in den Wasseradern.

Trinken Sie sich stark wie ein Bulle

Die meisten Besucher kommen aber, um den Wisent zu sehen, das Symbol des Nationalparks, das größte frei lebende europäische Säugetier. Der mächtige, bis zu zwei Meter große und eine Tonne schwere Wisent strahlt Majestät und Kraft aus. Die Parkverwaltung wirbt ebenso mit dem "Imperator des Waldes", wie eine Brauerei, die den europäischen Bison nicht nur als Logo auserkoren, sondern auch ihr Bier nach ihm benannt hat: "Zubr" – trinken Sie sich stark wie ein Bulle.

Früher jedoch galten die scheuen Tiere mit ihren langen Brusthaaren und den nach oben gebogenen Hörnern als furchterregende Monster, die direkt aus der Hölle kamen. Und so war die Jagd auf diese verteufelten Kreaturen über Jahrhunderte als besondere Herausforderung für polnische Könige und russische Zaren. Ein riesiges Reservat wurde daher für die private Jagd der Monarchen abgeschirmt. Gut für den Erhalt des Waldes, schlecht für den Wisent: 1919 wurde das letzte frei lebende Tier erlegt. Erst 1952 konnten die ersten, in Bialowieza gezüchteten Wisente wieder ausgewildert werden. Eine Erfolgsgeschichte: Im letzten Winter wurden 439 Exemplare gezählt.

Doch auch der Urwald kennt Grenzen, eine, um genau zu sein: die nach Weißrussland. Ein drei Meter hoher Stacheldrahtzaun trennt die polnische von der weißrussischen Wildnis. 40 Prozent der Fläche des Nationalparks liegen auf polnischer Seite. Optimal wäre es, wenn die Wisente ostwärts wandern könnten, "um den Genpool zu vergrößern und die Tiere resistenter gegen Krankheiten zu machen", sagt Aleksander Waszkiewicz. Etwa 300 Tiere leben in Weißrussland. Doch die Behörden in Minsk bleiben hart, die Grenze bleibt auch für Wisente dicht.

Gelegentlich tauchen hungrige Einzelgänger daher im Dorf auf, verwüsten Gemüsegärten, laufen die Hauptstraße entlang. Hin und wieder kommt es zu Autounfällen. Einmal rammte ein Kleintransporter einen Wisentbullen: Das Fahrzeug erlitt Totalschaden, dem Tier war bis auf wenige Kratzer nichts passiert.

"Ich bin ein alter Baum"

Gerne zeigt Waszkiewicz Besuchern die Spuren hinter seinem Haus und erzählt die Geschichte, wie er einen schlafenden Riesen im Schatten des Geräteschuppens überraschte. "Ungewöhnlich", sagt er, denn es sei selten, dass man die scheuen Wisente zu Gesicht bekomme. Umso wichtiger ist es daher ihre Fährten zu deuten, die Informationen über das Verhalten der Tiere geben, Fußnoten ihrer Existenz sind. Etwas Gespür, Fantasie und den richtigen Blick müsse man haben, erklärt der Parkranger.

Ganz ungefährlich ist seine Arbeit dennoch nicht. Einmal, als Waszkiewicz und seine Kollegen einen ausgewachsenen Wisent-Bullen für eine Untersuchung fangen wollten, rannte das Tier ihn einfach um. Doch er hatte Glück: Seine Schirmmütze fiel vom Kopf, der Wisent ließ für einen kurzen Moment von ihm ab und stürzte sich auf das Stück Stoff – Zeit genug, um zu entkommen. Seither gibt es drei Dinge, die Waszkiewicz neben gutem Schuhwerk im Wald immer dabei hat: Fernglas, Kompass und die Mütze, die ihm das Leben rettete.

Im nächsten Jahr wird Aleksander Waszkiewicz in den Ruhestand gehen. Was er dann machen wird, weiß er noch nicht. Vielleicht wird er als Guide, Touristen durch den Urwald führen. Doch eines sei sicher, sagt er, "ich bin ein alter Baum, mich kann man nicht mehr umpflanzen. Ich bin hier geboren, lebe hier und werde hier sterben." Sein Fuß stampft fest auf den weichen Waldboden, als er das sagt.



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.