Immer mehr Steinschläge Wenn der Berg zur Gefahr wird

Die Auswirkungen des Klimawandels machen die Hochalpen zu riskantem Terrain. Weil Gletscher schmelzen, wird immer mehr Geröll freigesetzt. Hochgebirgswanderer und Kletterer müssen sich verstärkt vor lebensgefährlichem Steinschlag in Acht nehmen.


Innsbruck - Vor allem in Gebieten rund um Gletscher müssten Wanderer immer öfter mit Steinschlag rechnen, erklärte Peter Plattner vom Oesterreichischen Alpenverein (OEAV) in Innsbruck. Durch das Schmelzen der Gletscher komme viel Geröll zum Vorschein. Auch an Übergängen von einem Gletscher zum nächsten liege mittlerweile viel mehr loses Gesteinsmaterial als früher.

Die Folge ist, dass immer öfter Steine zu Tal gehen - nicht selten von den Wanderern selbst ausgelöst. "Schon bei leichten, klassischen Hochtouren sind deshalb heute Helme Standard", sagte Plattner. Vor dem Aufstieg müssten sich vor allem Ortsfremde nach der möglichen Steinschlaggefahr erkundigen, zum Beispiel bei ihrem Hüttenwirt. Gesperrte Wege dürften auf keinen Fall benutzt werden.

Unterwegs ist es demnach wichtig, riskante Streckenabschnitte frühzeitig zu erkennen. Dazu zählen Mulden oder Rinnen, durch die Steine leicht abrutschen können. Besondere Vorsicht ist an Stellen geboten, an denen bereits viel loses Geröll liegt. "Die muss man möglichst rasch überqueren, auch wenn es dort noch so schön ist", riet Plattner. Ein Alarmsignal seien auffällige Schäden am Weg.

Sind solche Gefahrenstellen leicht überschaubar, sollten Wanderer sie am besten einzeln, nicht in Gruppen passieren. Das hat laut Plattner den Vorteil, dass einer die Lage beobachten und die anderen warnen kann, wenn Gefahr droht. Auch andere Wandergruppen sollten frühzeitig gewarnt werden. So sollte man bei Steinschlag sofort "Stein!" oder das Bergsteiger-Warnsignal "Egon!" (meint: Steinschlag) rufen.

Schwer überschaubare Zonen wie lange Abstiege in Falllinie oder Serpentinen durch Gerölllandschaften werden am besten geschlossen bewältigt. "Wenn der oberste Wanderer dann einen Stein auslöst, ist der unterste nur ein paar Meter weiter und wird im Ernstfall weniger hart getroffen", erklärte der Bergexperte.

Löst sich tatsächlich eine Steinlawine, sollten Wanderer möglichst den Schutz eines kompakten Felsens suchen, über den das Material hinwegrollen kann. Wer keinen Helm trägt, sollte versuchen, seinen Kopf mit Hilfe des Rucksacks zu schützen. Große Gefahr droht nicht nur von großen Brocken. Schon kleine Steine können im Fallen ein enormes Tempo erreichen und beim Aufprall verheerend wirken.

Vergangene Woche war an der Eiger-Ostflanke ein gewaltiger Felsen abgebrochen und hatte Spekulationen genährt, dass der Klimawandel das Gestein der Alpen zersetzt. Laut Geologen sind die Auswirkungen aber je nach Höhenlage unterschiedlich einzuschätzen. Da an der Abbruchstelle seither immer wieder Gestein zu Tal geht, besuchen zahlreiche Touristen den Ort, um das Naturschauspiel zu verfolgen.

har/gms



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.