Einsame Orte in Europa Wo Tage wie Träume sind

Es gibt sie noch, jene Orte in Europa, die idyllisch, gar zauberhaft schön sind und dennoch nicht von Touristen totgeliebt. Eine neue Serie stellt einige vor. Den Anfang macht Lyr, eine winzige Insel am schwedischen Skaggerak.

Oliver Lück

Von Oliver Lück


Kaum 200 Meter sind es bis auf die andere Seite. Die Überfahrt mit der kleinen, gelben Autofähre dauert keine Minute. Und dennoch ist es wie der Gang durch eine Schleuse in eine andere Welt. Denn dort, wo Lyr liegt, endet die Welt der überfüllten Supermarktparkplätzen. Wer hier wohnt, lebt etwas außerhalb der Zeit.

Tage auf Lyr können wie Träume sein. In manchen Momenten ist es so ruhig, als hätte jemand den Ton abgedreht. Viel Fels, von Eiszeiten gerundet. Viel Wiese, von Stürmen gefegt. Einige Wäldchen in der Inselmitte. Die Holzhäuser und Scheunen sind in Bullerbü-Rot gestrichen. Kaum Verkehr, viel Platz. Wer auf Lyr seine Kindheit verbringt, der wächst behütet auf.

Tiefblau ist der Seitenarm des Stigfjords, der Lyr von ihrer großen Schwester Orust trennt. Mehr als 3000 Inseln bilden die zersprengte Küstenlinie von Bohuslän, der Provinz nördlich von Göteborg. Um das winzige Lyr zu finden, braucht es entweder großes Glück oder ein GPS-Gerät.

Direkt am Anleger gibt es einen kleinen Bioladen, wo Lebensmittel und selbst angebautes Gemüse verkauft werden. Manche Lyraner bestellen sich ihren spanischen Wein oder das italienische Olivenöl an diese Adresse. Und jeder, der nach Lyr kommt, muss hier vorbei. Jeder wird irgendwann hier einkaufen müssen. Es gibt nur diese Straße. Es ist das einzige Geschäft.

Knapp 200 Menschen wohnen das gesamte Jahr über auf der Insel. In den warmen Monaten sind es fünfmal so viele. Dann bildet sich an manchen Tagen sogar eine kleine Warteschlange an der Kasse. Die blonde Frau, die das Geschäft betreibt, muss lachen: "Reichen drei Leute? Oder wie viele Menschen sind eine Schlange?"

Zweimal in der Woche fährt sie selber die rund 80 Kilometer bis ins Zentrum von Göteborg, um dort für ihren Laden einzukaufen. Sie sagt: "Extremer könnte der Unterschied, wie Orte sind, wohl kaum sein." Sie hat die erste Hälfte ihres Lebens in Göteborg gelebt. Dann kam sie nach Lyr und blieb. Sie hat ihren Laden Grönskan genannt, Grüner.

Mit GPS nach Lyr: 58.090251, 11.527868

In der nächste Woche folgt als zweiter Geheimtipp: Doel in Belgien

Zum Autor
  • Oliver Lück
    Seit 20 Jahren ist Oliver Lück im VW-Bus in Europa unterwegs. In rund 30 Ländern ist der Journalist und Fotograf gewesen. Und überall hat er "geheime Orte" entdeckt, die man eigentlich für sich behalten sollte. In dieser Serie verrät er einige.
  • Mehr auch unter www.lueckundlocke.de



insgesamt 20 Beiträge
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funky2meters 10.03.2015
1. Na vielen Dank auch!
Da Journalisten auch sehen müssen wo sie bleiben, werden die nun die noch nicht touristisch ausgebeuteten Gebiete einem Massenpublikum schmackhaft gemacht. Der feine Herr freut sich des unabhängigen Lebens, sitzt er doch entspannt am MacBook im VW Bus und verkauft seine Abenteurerseele. Na vielen Dank auch, da hätten Sie auch gleich BWL studieren können.
blob123y 10.03.2015
2. Wo die echten Traeume sind:
thailandmagic.com/p/trang-islands.html mit gigantischen Fotos.
tegele 10.03.2015
3. Knapp 200 Menschen wohnen das gesamte Jahr über auf der Insel. In den warmen Monaten sind es fünfmal so viele. Dann bildet sich an manchen Tagen sogar eine kleine Warteschlange an der Kasse.
was soll daran schön sein , da empfinde ich Aldi um die Ecke als sehr viel schöner da gibt´s jeden Tag eine Warteschlange der gute Oliver kann sich wohl nicht vorstellen das es Menschen mit anderen Geschmack gibt
jujo 10.03.2015
4. ...
Zitat: "Reichen drei Leute? Oder wie viele Menschen sind eine Schlange?" Unsere Tochter vor Jahren als wir etwas langsam in Schweden hinter 3 Autos herzockeln mussten. Sie schaute auf und sagte: "Was ist los, haben wir Stau?"
Usambaras 10.03.2015
5. Journalistische Sorgfaltspflicht
Die Insel ist in der Tat sehr schön, wie zig andere im Umfeld auch. Aber, dass der Autor gleich im ersten Absatz etwas romantisierend davon schreibt, dass man dort in einer anderen Zeit leben würde, da Googles Street View die Insel nicht erfasst hätte....wann genau ist der Artikel geschrieben worden ? 2005 ?
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