Insel Noirmoutier Läufer gegen den Strom

Alljährlich im frühen Sommer erwacht ein Dorf an Frankreichs Atlantikküste aus seiner friedlichen Schläfrigkeit. Dann feiert es mit einem ausgelassenen Fest die mutigen Helden eines einzigartigen Wettlaufs gegen die steigende Flut. Der Bericht einer fröhlichen Landflucht.

Von Karl J. Spurzem


Glücklich verloren in den Poldern der Vendée, irgendwo auf einer Chaussee bei Beauvoir-sur-mer. Die Straßenkarte auf der Motorhaube wellt sich in der Hitze. Wo ist das hier? Heiterer Frieden liegt über dem Land. Makelloses Azur wölbt sich über den Sumpf, und blaue Nebel färben die Szene. Das Mofa des Bauern. Er weiß den Weg aus dem Labyrinth des Marais.

"Du willst zu den Foulées du Gois, äh? Die sollten das besser folies nennen, bei dem Theater!" Die Gitanes tanzt zu seiner gespielten Entrüstung auf der Lippe, sie brennt seit Tagen nicht mehr. "Fahr zehn Minuten in Richtung des Kirchturms da drüben, dann folge der Stimme des Präfekten. Und hüte dich vor den Gräben, ich habe erst letzten Sommer einen rausgezogen. Ach warte, hier, gib die Ölkanne meinem Schwager, er vermietet die Parkplatzwiese am Gois. Raucht wie ein Schlot, du findest ihn schon."

Der Gois ist die Nabelschnur vom continent – wie das Festland hier heißt – zur Insel Noirmoutier. Die größte Attraktion weit und breit. Viereinhalb Kilometer lang und nur bei Ebbe zu gebrauchen. Alle zwölfeinhalb Stunden teilen sich die Wasser, und der Gois taucht aus dem Atlantik. Jahrhunderte patschten die Bauern mit Holzpantinen bei marée basse über den natürlichen Damm, den heftig widerstreitende Strömungen zwischen Insel und Festland aufgeschwemmt hatten.

Erst vor 80 Jahren pflasterten sie den Weg und erhöhten die Rettungspfähle für saumselige Wanderer. Seit sie weiter südlich die elegante Brücke nach Noirmoutier gebaut haben, braucht man den Gois eigentlich nicht mehr. Außer für die Muschelsammler und Touristen. Und die Foulées.

Die Foulées, die Wasserwettläufe vom Gois, sind der Höhepunkt des Festkalenders im Marais. Vor drei Jahrzehnten hatten ein paar Bauernjungen aus Beauvoir gewettet, wer es als Erster schafft, über den Gois zur Insel zu laufen. Der Witz: Sie liefen erst in dem Moment los, als die Flut am Pflaster leckte. Mit der Zeit hatte sich herumgesprochen, dass es dabei viel zu lachen gibt. Ein Grund zum Feiern. Seitdem laufen sie jeden Frühsommer.

Lauf gegen das steigende Wasser

Der Bürgermeister sagt, es war seine Idee; der Gründer der Association Les Amis du Gois, ein Geschäftsmann, sagt, ohne ihn gäbe es das alles nicht; der Unterpräfekt sagt, wenn er nicht wäre, würden heute nicht so viele kommen.

Wahr ist, dass der Geschäftsmann 1986 zum ersten Mal die Startpistole schoss. Und dass es nur kläglich "klick" machte, weil im Deichkrug jemand ein Glas Wein darauf verschüttet hatte. Da rief er eben laut "À vos marques, prêt …", und bei "partez!" haute er mit einem Hammer auf eine Radkappe. Die Leute aus Beauvoir haben gelacht und sich noch ein Bier geholt.

Heute ist das alles anders. Ein großes, ausgelassenes Landfest ist daraus geworden, mit Volksläufen auf dem Damm, die das Vorspiel zum großen Finale sind: dem Lauf der Profis contre la mer, gegen das steigende Wasser. Die Leute kommen aus dem ganzen Departement. Sogar Autos aus Nantes und Saint-Nazaire stehen auf der Parkplatzwiese hinterm Deich. "Und jetzt auch noch die Weltpresse", seufzt der Geschäftsmann und prüft versonnen den Sitz seines Toupets.

Bald geht es los. Die Anzeige an der Rampe zum Gois kündigt in großen Ziffern die Zeit des nächsten Hochwassers an. Noch drei Stunden. Der Gois biegt sich weit durchs Watt, Algen trocknen an seinen Rändern, die Rettungspfähle lenken das Auge zu dem Schemen der Insel, der schmal den Horizont verdunkelt.

Der Parkplatz am Deichkrug ist ein einziges wimmeliges Gedränge. Zwischen Marktbuden versuchen zwei fluchende Gendarmen, eine Gasse für die Läufer freizuhalten. Jetzt laufen erst einmal die Kinder, dann die Jugend, dann die Erwachsenen, alle trockenen Fußes. Mamas zupfen an den Trikots ihrer Kleinen, Männerbäuche spannen Netzhemden. Il faut la bonne figure, schließlich haben sie seit letztem Jahr eine Videoleinwand; der Spender, ein lokaler Elektrohändler, gibt aufgeregt Anweisungen an begriffsstutzige Monteure. Neben der Rampe schieben Dorfjungs ihr Lieblingssportgerät von Hängern in die Priele, hydros, höllenlaute Luftpropellerboote; ihre nabelfreien Freundinnen sonnen sich auf den kleinen Decks. Fröhliches Lachen überall.

"Viel Glück im Kampf Mann gegen Meer"

Oben am Parkplatz steht die Bühne, der mit Hühnerfutterreklame geschmückte Heuwagen. Gleich werden die Profis präsentiert. "Räh-räh-räh" schnarrt es aus Lautsprechern, kein Wort ist zu verstehen. Ein Techniker nörgelt. Helferinnen mit Mützen und T-Shirts der Landwirtschaftskasse mühen sich mit der Girlande von der Bühne zum Toilettenwagen. Hängt sie eben durch.

Der Bürgermeister klopft ans Mikrofon. Hinter ihm auf dem Heuwagen drängeln sich der Schützenpräsident, der Vorsitzende der Veteranen, der Kassendirektor, der Geschäftsmann, die Chefin vom Touristenbüro und Monsieur le Sous-Préfet. Der Wagen ächzt bedenklich. Der Bürgermeister lobt den Unterpräfekten, Sponsoren, Honoratioren, das Wetter, die Helfer. Am Ende ruft er die Sieger der Amateure auf die Bühne. Großer Beifall bei jedem Namen, launige Sprüche. Der Fotograf vom Lokalblatt hat jetzt viel zu tun. Es folgen die anderen Redner und loben dasselbe.

Dann stellt der Geschäftsmann die 30 Helden vor für das Ereignis des Jahres, den Lauf gegen die Wellen: aus Frankreich, Belgien, Marokko, Algerien, Burundi und Kenia, aus der Slowakei, aus Deutschland. Mittelstreckler, Hindernisspezialisten, Hürdenasse, gute Europaklasse. Er schüttelt jedem die Hand, reißt Zoten, die Zuschauer lachen; seine Frau, ganz in Blau-Weiß-Rot, schlägt die Hände vor den Mund. Im Brustton verkündet er die Börse: 300 Euro für den Ersten, 200 für den Zweiten, 100 für den Dritten. Am Ende wünscht er den Läufern "viel Glück im Kampf Mann gegen Meer" und bittet sie auf die Traktoranhänger, die sie über den Gois zum Start auf der Inselseite fahren. Die Ehrengäste steigen auf Tribünenheuwagen. Noch ist der Gois trocken. Der Rennleiter verteilt Plastikbecher mit Rotwein. "Eigene Produktion!"

Die Profis warten schon in der Gasse und geben sich Tipps. Der belgische Dauersieger rät dem algerischen Neuling: "Wellen lesen! Du musst die Wellen lesen!" Trainer orakeln: "Das Meer entscheidet … Wenn das Wasser hoch kommt, schafft's nur der Belgier … Wenn das Wasser nicht hoch kommt, wird's ein Afrikaner." Die Rettungsboote melden sich einsatzbereit. An der Theke im "Relais du Gois" werden noch Wetten angenommen.

Das Wasser leckt am Pflaster.

Jetzt schnell. Alles an die Startlinie. Der Rennleiter hebt die Pistole. Schuss. "Partez!" ruft er, sicherheitshalber.

Afrikaner schwören auf Hüpflaufen

Leicht sind nur die ersten paar hundert Meter. Knöchelhoch das Wasser, das Pflaster schimmert durch die Wellen. An einem sanften Knick kommt die erste Senke. Jetzt steht das Wasser am Unterschenkel. Das Feld lockert sich auf. Zwei Afrikaner gehen in Führung. Der Dauersieger bleibt im Mittelfeld. Am ersten Rettungspfahl fällt eine Zehnergruppe zurück. Eine lange Gerade, das Wasser steigt nun rasend schnell, jede Minute eine Handbreit. Diesmal wird's nicht so schwer wie letztes Jahr, da waren sie hier schon halb am Schwimmen. Und doch, hinten ist einer gestolpert, er gibt auf und winkt ein hydro herbei, dessen Motor nicht anspringen will. Die Mädchen kichern.

Zur Halbzeit ist das Feld auseinander gerissen. Die Kleinen sind im Nachteil, sie versuchen es mit einer fraulichen Schlenkertechnik. Die langen Afrikaner schwören auf Hüpflaufen. Der Dauersieger geht nach vorne, seine Beine stampfen im Marschschritt. Bei Kilometer 3,5 sind nur noch zwei Drittel unterwegs, der Rest watet erschöpft zu den Pfählen, die Sockel sind im Meer verschwunden. Noch 1000 Meter. Jetzt die letzte Senke. Das Wasser reicht übers Knie. Höher wird’s heut nicht, kein Wind, der die Flut in die Meerenge schieben könnte.

Die Franzosen: abgeschlagen. Die Afrikaner: Ihnen hilft nur noch ein Wunder – dem Belgier ist der Sieg kaum zu nehmen. Wie eine Lok, den rotblonden Kopf hochgereckt, spritzt er durch den Atlantik. Er sieht sich um. Noch die Rampe hoch, an seiner Clique vorbei, Wasser quatscht aus den Schuhen. Er reißt die Arme hoch. 14:53 Minuten, fantastisch. "Encore le Belge!" Ein paar schlagen enttäuscht die Arme Richtung Boden, die meisten jubeln ihm zu. Auf den Rängen folgen ein Algerier, dann der Lokalheld, er hat es an der Rampe noch geschafft.

Glasteller für den Sieger

Die Siegerehrung auf dem Heuwagen. Frédéric, der Belgier, bekommt einen schönen Glasteller vom Bürgermeister. "Wo waren heute die Afrikaner?", fragt er im Tonfall des Sportreporters ins Mikrofon. Der Belgier weiß es nicht und dankt seiner Mutter. Der Geschäftsmann ist nervös – der Bürgermeister stiehlt ihm die Schau. Beim Algerier fällt er ihm ins Wort: "Bravo, Omar, du hast sie alle wie Hummer aussehen lassen!" Bei dem Lokalhelden läuft er zur Hochform auf: Er lässt dessen Kind auf die Bühne heben. Blumensträuße für die Sieger. Dann spricht der Unterpräfekt. Zum Volk, im Futur. Großprojekte, Regionalentwicklung, Nachhaltigkeit. Hinterm Heuwagen knallen Champagnerkorken. Fini. An der Parkplatzwiese stockt die Abfahrt der Autos.

Es dämmert. Die Retter haben die Boote aus dem Wasser geholt, der Toilettenwagen hängt schon am Traktor. Kinder spielen mit Girlanden, zwei Hunde balgen sich um eine Eiswaffel. Die letzten Fotoblitze. Im Deichkrug gehen die Lichter an. Der Bürgermeister zieht den Unterpräfekten an die Bar. "Nächstes Jahr schaffen wir den Durchbruch. Die Großbank hat schon zugesagt, und wenn erst der Minister kommt …"



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