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Wandern im Innerdalen: Fotogenes Norwegen

Foto: Mattias Fredriksson/Visitnorway.com/dpa-tmn

Instagram-Spot Innerdalen in Norwegen Sie kamen, sahen, likten

Klare Seen, karge Felsen, Gletscher und Holzhäuser: Innerdalen gilt als das schönste Tal Norwegens. Soziale Medien haben es sogar in Asien berühmt gemacht. Zu Recht?

Wenn ein Bergführer aus dem Häuschen ist, muss etwas wirklich Großartiges passiert sein. "Unglaublich", stammelt Pål Røsrud. "Das habe ich noch nicht erlebt." Keine zehn Meter vor ihm ist gerade ein Adler gestartet, mitten auf der Bergschulter, aus Beerenbüschen und Gras. Mit schwerem Flügelschlag ist er aufgeflogen, hat eine Runde gedreht und ist in jenes Tal gesegelt, das als schönstes in Norwegen gilt.

Ein Tourist namens Ingvar Nielsen soll der Erste gewesen sein, der das Innerdalen im 19. Jahrhundert derart gelobt hat. Die Tourismuswerbung Norwegens hat den Superlativ aufgegriffen. Ist es wirklich das schönste Tal des Landes? "Die Leute weiter im Norden und Süden von Norwegen würden da widersprechen", sagt der 36-jährige Røsrud. Zumindest aber sei Innerdalen sehr grün. Und seine Gletscher seien hier in der Fjordregion ungewöhnlich.

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Wandern im Innerdalen: Fotogenes Norwegen

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Als unkundiger Ausländer sollte man sich lieber nicht in solch heikle Geschmacksfragen einmischen. Eines kann man aber bereits bei der kurzen Wanderung zu den einzigen beiden Herbergen festhalten: Innerdalen sieht so aus, wie Urlauber sich das perfekte skandinavische Tal erträumen. Zwei klare Seen eingefasst von bewaldeten Hängen, aus denen Felsburgen emporschießen. Die ans Ufer gestreuten Holzhäuser sind mit Gras gedeckt, gegenüber rauscht ein Wasserfall herab, und in der Höhe glänzt das Gletschereis.

Seit vier Jahren kommen immer mehr Urlauber

Seit 1967 ist dieses Idyll geschützt, wenn auch nicht als Nationalpark. Zum Glück der Gäste von Eystein Opdal, dessen Familie das Tal vor rund 280 Jahren nach einem Krieg vom bankrotten König kaufte. Denn so dürfen seine Kühe und Schafe hier weiden, und die Besucher bekommen Sauerrahm aus Hofmilch zu den Waffeln. Und selbstgemachte Johannisbeermarmelade.

Etwa 300 dieser Waffeln serviert Opdal, 42, mittlerweile an Spitzentagen in der Renndølsetra. "In den letzten vier Jahren hat die Zahl der Gäste jeweils um 30 Prozent zugenommen", sagt Opdal. Selbst aus China, Dubai und den USA kämen sie.

Der Grund: die vielen Fotos auf Instagram und Facebook. Und eine Reality-Show im norwegischen Fernsehen, bei der Prominente auf den Innerdalstårnet geklettert sind, den Berg, den manche im Land das Matterhorn Norwegens nennen. Wie eine Pyramide ragt das Horn über dem Tal empor. Oder wie ein Schiffsbug, von der Terrasse der Turisthytte aus betrachtet.

Die zweite Herberge liegt nur ein paar Gehminuten talaufwärts. Die Waffeln sind hier nicht ganz so hinreißend, dafür ist die Lage noch schöner. Vor Terrasse und Rasenhang ruht ein kleiner See. Im Wasser spiegeln sich der Berg und der gegenüberliegende Wasserfall.

"In meiner Kindheit reichten die Gletscher fast bis zum See herab", erzählt Hausherr Iver Innerdal, 68. Sein Urgroßvater hatte 1889 die alte Hütte gebaut, die Gammelhytta. Sein Vater renovierte das neue Haus nebenan. Im Wohnzimmer knistert der Kamin, durch Sprossenfenster sieht man auf die Berge, während Innerdal vom harten, freien Leben seiner Kindheit hier erzählt.

Den weiten Weg zur Schule im nächsten Dorf lief er zu Fuß und im Winter auf Skiern. "Bis 1963 hatten wir nur Öllampen", sagt er. Nach dem Abendbuffet - Schafsschinken, Kötbullar und Rentiergeschnetzeltes - legt er eine DVD ein und zeigt eine Dokumentation des norwegischen Fernsehens in Schwarzweiß. Man sieht den Vater, wie er Heu einfährt, angelt und mit nacktem Oberkörper den Berg besteigt. "Er war Wanderführer", erzählt Innerdal. "Viele Kletterrouten hier hat er erschlossen."

Iver Innerdal stieg mit fünf oder sechs Jahren zum ersten Mal auf den Innerdalstårnet - mit einem Touristen. Damals kamen vor allem Kletterer hierher. Heute dagegen sind die meisten Gäste Wanderer, die für einen Tag oder das Wochenende anreisen. Und viele wollen auf den Felsturm, den sie auf den Bildern im Netz gesehen haben.

"Im vergangenen Jahr waren an einem Tag 200 Leute oben", sagt Innerdal. "Zu viele." Es gab Unfälle, Touristen mussten mit dem Helikopter gerettet werden. Der Innerdalstårnet ist zwar nur 1452 Meter hoch, aber nicht zu unterschätzen. Besonders wenn es regnet.

Klettern bis zum Innerdalstårnet-Gipfel

"Das Wetter hier ist sehr wechselhaft", sagt Pål Røsrud am nächsten Morgen. "Weht der Wind aus Nordwest, gibt es starken Regen oder Schnee. Bei Südostwind ist es eher sonnig." Heute ist einer der vielen Nordwesttage. Dunkle Wolken hängen tief in den Bergen. Durch Farne und Vogelbeeren geht er voran auf dem matschigen Weg um den See. Auf einem Schild steht "Dusj" - es weist zu einem überhängenden Felsen, von dem Wasser rieselt. "Die Dusche", sagt Røsrud, früher für alle Gäste, heute noch für die Selbstversorger in der Gammelhytta.

Auf einem Steg aus Planken balanciert man über das Moor und durch ein Birkenwäldchen. Blaubeeren wachsen am Wegesrand. Moos überzieht Felsen, tote Bäume und die Mauerreste eines Seters, einer norwegischen Alm. Vorbei an den Kaskaden geht es bergauf, bis der Pfad nach einer Stunde aus dem Wald führt.

Auf einer Felskuppe steht ein Steinmann. "Bis hierher gehen viele Familien und drehen dann um", sagt Røsrud. Von nun an wird es ungemütlicher. Der Wind pfeift durch das Hochtal, dazu Regen. Das Flatvaddalen bleibt bildschön: ein langgestreckter See mit steilen Felsflanken zu beiden Seiten. Rechts leuchten Gletscherreste in der Wand des Trolla-Massivs.

In steilem Zickzack schlängelt sich der Weg links bergan, durch einen Farnteppich. Die Felswände darüber sehen aus wie Basalt, kantig gegliedert in Pfeiler und Stufen. Immer häufiger kommen nun die Hände zum Einsatz, das Wandern geht in Kraxeln über. Der Gneis ist nass, aber griffig.

"Das ist ein Alpen-Säuerling", sagt Røsrud in einer Verschnaufpause und zeigt auf eine Pflanze. "Er enthält viel Vitamin C, deshalb hat man ihn früher gegen Skorbut gegessen." Die Rosenwurz werde in China verwendet , um die Libido zu steigern. Ach ja, und die Konzentration. Das würde auf den letzten Metern nicht schaden. Kein Farbklecks markiert die Ideallinie zum Gipfel. "Der Berg soll rau und naturnah bleiben", erklärt Røsrud. "Und man will nicht noch mehr Leute anlocken." Nun ja. Der Effekt ist, dass einige Besucher sich verlaufen und umdrehen müssen.

Ihnen entgeht ein Rundumblick auf das Tal und die Seen, auf Gletscher und die Gipfel ringsum. Hinter dem Steinturm namens Varde, der in Norwegen anstelle eines Kreuzes auf Bergen steht, ist es erstaunlich windstill. Und so lässt sich die Aussicht entspannt genießen, während feine Flocken fallen.

"Auf dem Berg gegenüber ist der Blick noch schöner", sagt Røsrud. Klingt wie ein Versprechen - das sich nach einer weiteren Wanderung am nächsten Tag bestätigt. "Selbst an Tagen, wenn auf dem Innerdalstårnet Hunderte Leute sind, ist kaum jemand hier", sagt der Guide auf dem Gipfel. "Alle wollen nur auf den Turm." Dafür muss man Instagram schon fast dankbar sein.

Information Innerdalen

Florian Sanktjohanser, dpa
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