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08. August 2006, 06:02 Uhr

Irland

Der Geschmack der grünen Insel

Von Deborah Knür

Aristokratische Vergangenheit trifft auf modernen Chic: An der irischen Atlantikküste können Gäste zwischen prächtigen Schlössern und kühnen Designhotels wählen. Dort fordern junge Köche mit frischen Ideen die Tradition heraus. Und mittendrin steht James Bonds Hochzeitsbett.

Der glutrote Schein der Abendsonne taucht die Landschaft am Ufer in ein romantisches Licht. Irland ist nicht nur für Gourmets, sondern auch für Verliebte wie geschaffen. Vor allem den Westen hat längst auch die Hollywood-Prominenz entdeckt. John Wayne kämpfte Anfang der 50er in dem Klassiker "Der Sieger" im beschaulichen Örtchen Cong um seine Liebe, 50 Jahre später schloss dann Pierce Brosnan in der Film-Kirche St. Mary’s ganz real den Bund fürs Leben. Und der Codename 007 verpflichtet: Für die Feier wurde das imposante "Ashford Castle" nebenan gebucht.

Herberge mit Stil: Das historische "Moy House" in Lahinch ist mit Antiquitäten ausgestattet
Götz Wrage

Herberge mit Stil: Das historische "Moy House" in Lahinch ist mit Antiquitäten ausgestattet

Der Mann hat Geschmack – das Haus ist eines der schönsten Schlosshotels Irlands und gehört zur Gruppe der Leading Hotels. Der älteste Teil mit Türmen, Zinnen und den stilvollsten Zimmern und Suiten (Himmelbetten) stammt aus dem 13. Jahrhundert, der fast identische neue aus den 1970ern: Drei Jahre haben die Architekten passende Steine für den rechten historischen Look gesucht.

In der Ausstattung des 19. Jahrhunderts erhalten ist das stimmungsvolle Gourmetrestaurant "The Connaught Room" mit seinen Kristalllüstern und üppigen Holzschnitzereien. Seit 2003 kreiert der Wuppertaler Stefan Matz hier in der Saison allabendlich ein siebengängiges Degustationsmenü. Die ausführliche Weinkarte mit Frankreich-Schwerpunkt bietet viele gute Begleiter dazu.

"Wir haben hier tolle Produkte, bei denen die Qualität oft für sich sprechen kann", schwärmt der Wahl-Insulaner, der eine zeitgemäße irisch-französische Küche zelebriert: topfrische Jakobsmuscheln auf warmem Salat von Karotten- und Kartoffeltalern, ein Steinbuttfilet, das durch geräucherte Austern perfekt ergänzt wird, Suprême vom Connemara-Lamm, auf Torf geräuchertes Rinderfilet oder ein dreischichtiges Dessert, das Matz bescheiden coffee parfait nennt. Dabei spielt die Küche gekonnt mit Aromen, Temperaturen, Texturen des Kaffees. Danach vor dem Torffeuer im Kamin ein Single Malt Whiskey, 16 Jahre in Bourbon-, Sherry- und Port-Fässern gereift – da könnte selbst James Bond dem Wodka-Martini untreu werden.

Irland ist eine Insel für Genießer. Vom Süden weiß man das spätestens, seit vergangenes Jahr Cork europäische Kulturhauptstadt war. Aber der wilde Westen holt auf. Eine neue Generation von Köchen hat zwischen Westport und Shannon-Mündung eine moderne irische Küche etabliert. Überall werden köstliches hausgebackenes Brot und bester irischer Käse serviert. Mit Stolz und Fantasie verarbeitet man Spitzenprodukte von Land und Meer, die so manchen Connaisseur in Südeuropa neidisch machen. Und der Hintergrund dazu könnte nicht schöner sein: Wohl nirgendwo sonst auf der Insel ist die Landschaft so spektakulär, vielseitig und geheimnisvoll wie im seenreichen Connemara mit üppig grüner Natur, schroffen Bergen und zerklüfteten Küsten oder in der Mondlandschaft des Burren mit seinen mystischen Steinwüsten und jahrtausendealten Zeugnissen einer reichen Geschichte. Überdies ist hier ein Paradies für Muschelfans: Jeden September feiert die Stadt Galway ihr berühmtes Austern-Festival (2006 vom 29. September bis zum 1. Oktober).

Vibrierender Mix aus Moderne und Tradition

Die quirlige Küstenmetropole boomt – die Immobilienpreise steigen derzeit schneller als in Dublin. Das Universitätsstädtchen mit seinen bunten Häusern besticht durch einen jungen, vibrierenden Mix aus Moderne und Tradition. In Kopfsteinpflastergassen reihen sich Fischgeschäfte an Designerläden, Juweliere an Kunsthandwerker, moderne Restaurants an urige Pubs. Der samstägliche Markt rund um die mittelalterliche St. Nicholas Church ist Treffpunkt der Gourmets: Verkäufer binden Sträuße aus Bärlauchblüten und wildem Knoblauch, es gibt Foie gras und Bioprodukte, derzeit der Trend auf der Insel.

Wer da keinen Appetit bekommt, sollte trotzdem die saftigen tartes im Coffeeshop "Goya’s" so wenig verpassen wie einen kulinarischen Pionier der Region. Das Restaurant "Kirwan’s Lane" ging vor zehn Jahren als erstes neue Wege, heute wird in freundlich-hellem Bistro-Ambiente eine schmackhafte irisch-mediterran-asiatische Fusion-Küche serviert: Killary-Muscheln im aromatischen Kokos-Chili-Koriander-Sud, Heilbutt cajun style mit Zitronenöl oder Foie gras mit Connemara black pudding, einer Art Blutwurst.

Design mit Schwung: Lobby und Salon sind in Galways neuem Hotel "The G" futuristisch-schrill herausgeputzt
Götz Wrage

Design mit Schwung: Lobby und Salon sind in Galways neuem Hotel "The G" futuristisch-schrill herausgeputzt

Ebenfalls in Galway bietet seit 2005 Irlands spektakulärstes Hotel Einblicke in eine architektonische Zukunft. Der Hutdesigner Philip Treacy hat nicht nur die Kopfbedeckungen der britischen Königsfamilie entworfen, sondern auch die neue Luxusherberge "The G" in ein bonbonfarbenes Gewand voller Glamour und Kunst gekleidet. Hinter transparenter Front öffnet sich die mit schwarzem Glas gestaltete Lobby; eine weiße, muschelförmige Skulptur umhüllt den Concierge. Weiße Plüsch-Eleganz dominiert die Grand Lounge, anderswo herrschen kräftige Farben vor: Pink Salon und Blue Lounge tragen ihre Namen zu Recht. Purpurner Samt, riesige Sofas und bunte Stühle machen das Restaurant "Santini" zum Hotspot der Stadt, mehr als die italienische Küche, die dort geboten wird. Jede Lampe ist ein Blickfang, auch im extravaganten Spa und in den eleganten Zimmern, die mit Plasma-TV, guten Betten und Spitzenbädern reichlich Komfort bieten.

Wer am nächsten Morgen aus dem pulsierenden Galway über die beängstigend schmalen Straßen durch das wilde Connemara aufbricht, begibt sich, so scheint es, auf eine Reise in die Vergangenheit. Schafe weiden zwischen endlosen Steinwällen, Ruinen tauchen hinter Hügeln auf (wie auch manchmal Kühe auf der Straße), die Besitzer kleiner, charmanter und manchmal herrlich altmodischer Landhäuser laden herzlich zum Tee.

Connemaras Hauptort ist Clifden, ein Marktstädtchen, dessen Restaurants wie fast alle an der Küste frischeste Meeresfrüchte bieten. Die Preise sind so hoch wie oft in touristischen Zentren, aber die Qualität stimmt versöhnlich. Im "Mitchell’s" überzeugt bodenständige Küche: eine lockere tarte von geräuchertem Lachs, fangfrischer, saftig gebratener Dorsch mit Frühlingslauchpürree und beurre blanc oder warmer apple pie.

Fisch wird nach alter Familientradition geräuchert

Der Lachs ist übrigens auch ein schönes Souvenir, das sich fachgerecht verpackt problemlos mitnehmen lässt. Graham Roberts vom "Connemara Smokehouse" in Ballyconneely weiß, wie das geht, und hat neben dem selten gewordenen Wildlachs als einziger Räucherer auch schonend gefangenen Tunfisch im Angebot. "Der Fisch wird nach alter Familientradition heiß oder kalt geräuchert und bekommt durch Buchenholz sein feines Aroma", erklärt er stolz. Fischfang ist ein Nationalsport auf der Insel, deren Rhythmus das Wasser bestimmt, ob es nun von oben oder von unten kommt. Im idyllisch gelegenen Hotel "Ballynahinch Castle" in Recess wird in eigenen Gewässern geangelt. An der Treppe stehen die Ruten, und im Hotelpub, wo Profifischer neben Touristen ihr Guinness trinken, wird die Beute gewogen und in einem großen ledergebundenen Buch vermerkt – seit 1947 lückenlos.

Natürlich spielen Fisch und Meeresfrüchte auch in der neuen irischen Küche weiter eine Hauptrolle, nicht nur an der Küste, sondern auch im Hinterland. Wer von Dublin aus mit dem Auto die Insel durchquert, kann sich davon in der "Wineport Lodge" überzeugen: Irlands erstes Weinhotel bietet sich auf halbem Weg in Glasson bei Athlone als Station an. Die modernen Zimmer am See sind nach Weinregionen benannt; in der "Taittinger Lounge" werden namhafte Champagner glasweise serviert. Am Herd kombiniert Feargal O'Donnell gekonnt Krebsscheren mit hoisin-Pfannkuchen, deren Teig die asiatische Würzsauce enthält, zarte Jakobsmuscheln mit kräftigem black pudding, Seeteufel mit Pernod und Limette. Auch Fleisch wie Lamm-confit mit karamellisierter Minzsalsa gelingt gut.

"Sommer ist, wenn der Regen wärmer wird"

Südlich von Galway, am Tor zum Burren und nicht weit entfernt von den Cliffs of Moher, hat sich John Sheedy in "Sheedy’s Restaurant" einen Namen gemacht. In dem charmanten Haus mit elf Hotelzimmern pflegt der stämmige Bilderbuch-Ire eine sorgsam zubereitete, unprätentiöse Küche, zum Beispiel Seehecht mit Krebsrisotto oder Suprême vom Lachs auf Kohl mit geräuchertem Speck und Schnittlauchsauce.

"Sheedy’s Country House" hat eine lange Geschichte, wie so viele familiengeführte, gastfreundliche Herbergen auf der Insel, die den Reiz der alten Zeit lebendig halten. Das "Moy House", das mit seiner weißen Fassade in Lahinch über der windumtosten Küste thront, gehört auch zu dieser Gattung. Im geschmackvoll restaurierten und mit Antiquitäten eingerichteten Inneren gibt es den Aperitif vor dem Kamin im drawing room, und auch sonst ist man liebevoll aufs Detail bedacht. Ein Zitat als Abendpräsent beruhigt, wenn die Natur die Jahreszeit mal wieder Lügen straft: "Man merkt, dass es in Irland Sommer ist, wenn der Regen wärmer wird."

Auf eine lange Tradition kann ganz in der Nähe auch Michael Vaughan verweisen, dessen Familie einst das erste Hotel in Lahinch besaß. Im vergangenen Jahr hat er mit seiner Frau die "Vaughan Lodge" eröffnet, rauchfrei, wie seit 2004 fast alle Hotels, Restaurants und Pubs; viele Wirte haben zum Ausgleich Pavillons in Gärten und Höfen aufgestellt. Die moderne Lodge besticht nicht nur in den geräumigen Zimmern mit lässiger Countryhouse-Atmosphäre und viel Komfort, das Restaurant bietet überdies die beste Küche am Ort. Sein Chef Philippe Farineau ist nahe Paris geboren, aber längst irischer als mancher Einheimische.

Der Geist der aristokratischen Vergangenheit

Der 35-Jährige setzt auf regionale Produkte und kreiert daraus etwa eine Variation von Galway-Langustinen mit crème brûlée, Risotto, bisque und wan tan. Farineau verfeinert Krebsfleisch mit frischem Koriander und Ingwer, geräucherte Fische mit Grapefruit-Reduktion, und er kombiniert Kabeljau mit Garnelen-crème-brûlée. Fleischgerichte wie Rinderfilet mit Estragon-Sabayon verraten seine klassische Schule, die er früher in Cork und im südlich gelegenen "Dromoland Castle" gepflegt hat.

Dieses Schlosshotel an der Shannon-Mündung steht mit seiner bewegten Geschichte, aber auch in Exklusivität und Angebot "Ashford Castle" kaum nach. Mächtige Holzvertäfelungen, riesige Ölporträts und pompöse Dekorationen verkörpern filmreif den Geist der aristokratischen Vergangenheit. Wer hier nicht nur zum klassischen afternoon tea einkehren will, reserviert im "Earl of Thomond Restaurant". Dort bürgt der Küchenchef David McCann für eine französisch-internationale Küche mit irischen Produkten in den Hauptrollen: Tatar von Lammfilet mit Limette und Koriander, Wildlachs mit Speck-Fondant und Schalotten-Dill-Sauce. Eine prächtige Kulisse für Gourmets und auch für Flitterwöchner – jenseits von Hollywood-Glamour und Bond-Euphorie.

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