Island Lichterschau der Götter

Die Füße im Thermalwasser, der Blick Richtung Sterne: Wer in Island Polarlichter jagt, riskiert eine üble Nackenstarre. Doch wenn am dunklen Firmament die Funken zucken, entschädigt das für Minusgrade und stundenlanges Warten. 2012 soll ein ganz besonderes Nordlicht-Jahr werden.

Olgeir Andresson

Von Alva Gehrmann


Elegant fließen die grünlich schimmernden Bögen über den sternenklaren Himmel, sie formen ständig neue, kunstvoll geschwungene Muster. Es sieht so aus, als würde jemand mit einem riesigen Pinsel Bilder auf die Himmelsleinwand zeichnen. Seit einigen Wochen schon erhellen immer wieder Nordlichter die Winterabende Islands - ein Spektakel, das selbst Menschen entzückt, die nur schwer zu beeindrucken sind.

Wo die Erde fast täglich bebt und regelmäßig Vulkane ausbrechen, muss sich die Natur schon etwas Besonderes einfallen lassen, um die Inselbewohner aus ihren gemütlichen Häusern zu locken. Erscheint aber nordurljós, das Nordlicht, schauen sie gerne gen Himmel. Sogar aus den Bars kommen die Leute heraus, in T-Shirt und Minirock stehen sie dann bei klirrender Kälte draußen und genießen das Naturphänomen. Genauso plötzlich wie es auftaucht, kann es auch schon wieder weg sein. Manchmal nach fünf Minuten, manchmal erst nach zwei Stunden.

Die Bewohner der Vulkaninsel sind es gewohnt, den Moment zu nutzen und verabreden sich bei wolkenfreiem Himmel mit Freunden zu einer abendlichen Fahrt in die Dunkelheit. Denn fernab der weihnachtlich beleuchteten Ortschaften sind die Nordlichter am besten zu sehen.

Fußbad bei minus zehn Grad

Das wissen auch die jungen Pärchen, die an diesem Dezemberabend mit ihren Jeeps in die Finsternis gedüst sind, raus nach Seltjarnarnes, an die Spitze der Halbinsel Reykjanes. Vom Parkplatz in der Nähe des Leuchtturms Grótta hat man einen wunderbaren Blick auf den Nordatlantik und die funkelnden Lichter der Hauptstadt Reykjavík.

Bei minus zehn Grad Celsius verlässt Olga Gudrún Sigfúsdóttir ihren Geländewagen und spaziert mit einer kleinen Taschenlampe an die Küste. Dort liegt etwas versteckt ein Fußbad, das mit 40 Grad heißem Wasser gefüllt ist. In dicke Winterjacken gehüllt, setzt sie sich an den Beckenrand, zieht Schuhe und Socken aus und steckt ihre Füße ins geothermale Wasser. Olga packt eine Kanne Kakao und einen Flachmann mit österreichischem Schnaps aus. "Das wärmt von innen", sagt sie. In der Ferne liegt der schneebedeckte Berg Esja; von Zeit zu Zeit blinkt der Leuchtturm am Meer. Und dann, als hätte Olga neben dem Fußbad einen Knopf gedrückt, beginnt auf einmal die Lichterschau.

Das bunte Flackern entsteht, wenn geladene Sonnenwind-Teilchen an den Polen auf die Erdatmosphäre treffen - dann sprühen die farbenfrohen Funken. Das Phänomen existiert zwar das ganze Jahr über, zu sehen ist es aber nur in der Dunkelheit. Nördlich des 60. Breitengrads gelegen, hat die Insel genug Finsternis zu bieten, zumindest im Dezember: Gerade mal viereinhalb Stunden lang ist es dann hell.

Nasa-Wissenschaftler sagen für 2012 eine besonders gute Sicht auf die Aurora Borealis - so heißen die Polarlichter - voraus. Nicht nur, dass dann wie alle elf Jahre ein solares Maximum herrscht; die Aktivitäten sollen sogar so hoch sein wie seit 50 Jahren nicht mehr.

Die Isländer nutzen die günstigen Prognosen, um den Wintertourismus anzukurbeln: Fluggesellschaften wie Iceland Express und Icelandair locken mit Nordlicht-Sonderangeboten, Whale-Watching-Boote jagen nun nicht nur die Säugetiere, sondern auch das mystische Licht, und Guides suchen auf Touren nach dem Naturphänomen, von dem die Wikinger einst dachten, es seien Botschaften der Götter. Die ersten Siedler Islands glaubten, die schimmernden Lichter seien Spuren der Walküren, die die gefallenen Helden in die Götterwelt führten.

Weniger fahren, mehr wandern

Ósk Vilhjálmsdóttir kennt all diese Legenden und ist bis heute von dem Naturschauspiel fasziniert. "Manchmal kann man die Nordlichter sogar hören", sagt sie. "Es klingt wie ein Krachen oder Rumpeln." Wie die meisten Isländer hat auch die 49-Jährige gleich mehrere Jobs: Sie ist Künstlerin, Umweltaktivistin und Touristenführerin. Seit Jahren organisiert Ósk individuelle und kinderfreundliche Hiking-Touren fernab der klassischen Routen. Neuerdings bieten sie und ihre Kollegen von Wanderlust Ausflüge an, zu denen auch die Suche nach dem Polarlicht gehört.

"Unser Motto ist Slow Travel, also 'weniger fahren, mehr wandern'", erzählt sie auf dem Weg in den Süden Islands. Es schneit ununterbrochen, die Region ist in Weiß gehüllt. Auf den Feldern weiden stoisch ein paar Pferde und fressen das letzte Gras unter der Schneeschicht weg.

Der heutige Wintertag ist ein Probelauf für die neue Tour, eine der Stationen ist der Besuch bei einem befreundeten Künstler, der zum Abendessen ins traditionelle Torfhaus einlädt. Der 56-jährige Hannes Lárusson ist noch in einem solchen traditionellen Wohnhaus geboren und aufgewachsen. Im badstofuna (auf Deutsch: Wohnzimmer) stehen auf jeder Seite des Esstisches zwei Betten nebeneinander. Während seine Gäste es sich hier gemütlich machen, servieren seine Frau und er als Vorspeise getrocknetes Seegras mit Butter und Trockenfisch. Als Hauptgang wird es in Zukunft Lamm und im heimischen Garten gezüchtete Kartoffeln geben.

Auf dem einsam gelegenen Hof Austur Medalholt bei Selfoss ist am frühen Nachmittag die Sonne untergegangen, es schneit und stürmt. Nordlichter werden wir an diesem Abend nicht mehr sehen, dafür bleiben wir länger bei dem Ehepaar und lauschen seinen Geschichten. Bald haben wir das Gefühl, die ganze Familiensaga zu kennen.

Flucht vor der Lichtverschmutzung

Da sich das Wetter auf der Insel im hohen Norden schnell ändert und Polarlichter nur schwer genau vorhersagbar sind, bieten alle Reiseveranstalter Kombi-Touren an. Die einen besuchen Torfhäuser und wandern, die anderen binden in die Tagestour einen Besuch im Thermal- und Dampfbad Fontana in Laugarvatn ein. Die Icelandic Mountain Guides haben sich bei ihren Tagestouren auf Gletscherwanderungen im Süden Islands spezialisiert - eine Jagd nach den Aurora Borealis inklusive.

"Ich weiß, ihr alle sucht nach Nordlichtern", sagt der Guide Jón Yngvi Gylfason am Anfang der zwölfstündigen Tour. "Wir können glücklich sein, wenn wir welche sehen." In den vergangenen Wochen war es sehr wolkig, doch für diesen Tag wird ein unerlässliches Kriterium prognostiziert: ein klarer Abendhimmel. Jetzt, zur Mittagszeit, strahlt die Sonne auf die schneebedeckten Lavalandschaften.

Nach einer Wanderung über eine Gletscherzunge am Nachmittag und einer wärmenden Suppe in einem kleinen Fischerort beginnt gegen 21 Uhr die langersehnte Nordlichtersuche. Guide Jón fährt in die Dunkelheit, um der "Lichtverschmutzung" zu entkommen. "Nun brauchen wir ein bisschen Geduld", sagt er. In der Zwischenzeit erklärt er das Naturphänomen, erzählt ein paar Anekdoten über die Namensgebung in Island und dass seine Tochter Katla heißt, genau wie ein aktiver Vulkan, der schon seit einiger Zeit rumort. "Bisher ist der Vulkan nicht ausgebrochen, meine Tochter dagegen bricht zweimal täglich aus."

Wir starren aus dem Auto und wischen immer wieder die beschlagenen Scheiben frei. War das ein Nordlicht? Oder ist es nur eine Reflexion aus dem Auto? Es ist nun stockdunkel. Jón fährt einen Berg hinauf. Nichts. Dann tuckert der Bus weiter nach Krýsuvík, einem geothermalen Gelände mit blubbernden, grauen Schlammtöpfen. Die Gruppe schaut wieder in den Himmel, es ist bitterkalt. "Die Bedingungen sind ideal", sagt Guide Jón.

Ein zarter Schimmer ist zu sehen, ansonsten die volle Sternenpracht. Dann geht die Jagd andernorts weiter. Gegen 23.30 Uhr werden die meisten müde. Auf der Rückfahrt sind viele zwar traurig, dass sie keine Aurora Borealis gesehen haben, aber auch froh über den ereignisreichen Tag. Ausgerechnet, als wir in Reykjavík, dem Zentrum der Lichtverschmutzung, ankommen, tanzen sie auf einmal über uns.

Bei Nordlichtern ist es eben ein bisschen wie mit der Liebe: Wenn man nicht mehr nach ihnen sucht, tauchen sie plötzlich auf.



insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
hs76 21.12.2011
1. Lichterschau der Götter
Man fragt sich was das mit "Göttern" zu tun haben soll. Alles wissenschaftlich zu erklären... Quelle Wikipedia: Polarlichter entstehen, wenn elektrisch geladene Teilchen der Magnetosphäre, hauptsächlich Elektronen, aber auch Protonen (Sonnenwind) und einige schwere Ionen (Sauerstoff und Stickstoff), auf die oberen Schichten der Erdatmosphäre treffen und dort die Luftmoleküle zum Leuchten anregen. Der Aufprall eines Teilchens bewirkt bei den Molekülen/Atomen eine Elementare Anregung entsprechend einer geänderten Elektronenkonfiguration. Bei der nach kurzer Zeit wieder erfolgenden Abregung wird Licht ausgesandt, allgemein als Fluoreszenz bezeichnet.
winnie1970 21.12.2011
2.
Zitat von hs76Man fragt sich was das mit "Göttern" zu tun haben soll. Alles wissenschaftlich zu erklären... Quelle Wikipedia: Polarlichter entstehen, wenn elektrisch geladene Teilchen der Magnetosphäre, hauptsächlich Elektronen, aber auch Protonen (Sonnenwind) und einige schwere Ionen (Sauerstoff und Stickstoff), auf die oberen Schichten der Erdatmosphäre treffen und dort die Luftmoleküle zum Leuchten anregen. Der Aufprall eines Teilchens bewirkt bei den Molekülen/Atomen eine Elementare Anregung entsprechend einer geänderten Elektronenkonfiguration. Bei der nach kurzer Zeit wieder erfolgenden Abregung wird Licht ausgesandt, allgemein als Fluoreszenz bezeichnet.
Und der Besserwisser-Award 2011 geht an (Trommelwirbel): hs76! Glückwunsch!
ojc 21.12.2011
3. Das ist ja richtig
Zitat von hs76Man fragt sich was das mit "Göttern" zu tun haben soll. Alles wissenschaftlich zu erklären... Quelle Wikipedia: Polarlichter entstehen, wenn elektrisch geladene Teilchen der Magnetosphäre, hauptsächlich Elektronen, aber auch Protonen (Sonnenwind) und einige schwere Ionen (Sauerstoff und Stickstoff), auf die oberen Schichten der Erdatmosphäre treffen und dort die Luftmoleküle zum Leuchten anregen. Der Aufprall eines Teilchens bewirkt bei den Molekülen/Atomen eine Elementare Anregung entsprechend einer geänderten Elektronenkonfiguration. Bei der nach kurzer Zeit wieder erfolgenden Abregung wird Licht ausgesandt, allgemein als Fluoreszenz bezeichnet.
und kein Mensch zweifelt an dieser Erklärung. Aber was spricht dagegen, diesen schönen Lichterzauber poetisch höheren Mächten zuzuschreiben? Das ist wie mit dem Kajalstift, der die schönen Augen einer attratiktiven Frau optisch betont - und doch wird niemand ernsthaft annehmen, daß der Lidstrich Bestandteil der Augen ist...
celsius234 21.12.2011
4. Sie sind arm dran
Zitat von hs76Man fragt sich was das mit "Göttern" zu tun haben soll. Alles wissenschaftlich zu erklären... Quelle Wikipedia: Polarlichter entstehen, wenn elektrisch geladene Teilchen der Magnetosphäre, hauptsächlich Elektronen, aber auch Protonen (Sonnenwind) und einige schwere Ionen (Sauerstoff und Stickstoff), auf die oberen Schichten der Erdatmosphäre treffen und dort die Luftmoleküle zum Leuchten anregen. Der Aufprall eines Teilchens bewirkt bei den Molekülen/Atomen eine Elementare Anregung entsprechend einer geänderten Elektronenkonfiguration. Bei der nach kurzer Zeit wieder erfolgenden Abregung wird Licht ausgesandt, allgemein als Fluoreszenz bezeichnet.
kein Weihnachten, ist eh nur ein tage wie jeder andere, kein Ostern, auch ihr Geburtstag ist nicht bei Wikipedia wichtig. Irgendwie zwar sachlich richtig. Aber ihre Kinder sind nicht zu beneiden. Oder sind sie unverheiratet, denn: die absolute Wahrheit ist der Tod jeder Beziehung. Also bitte etws milder mit uns Dummerchen, di sich aber auch am Nordlicht noch freuen können und an Weihnachten, Ostern, Sylvester, etc.
janubio02@gmx.de 21.12.2011
5. Live dabei :-)
...vielleicht ist ja der eine oder andere Leser in diesem oder nächsten Winter im Norden unterwegs zur Nordlichtjagd. Es ist in der Tat ein faszinierendes Schauspiel und auch eine Herausforderung in Hinsicht auf Fotos. Auf www.ploarlichtfotografie.de gibt es jede Menge Info zu Nordlichtern und eine "Anleitung" für´s fotografieren...
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