Kampf gegen Kreuzfahrtschiffe Zoff um Venedigs Lagune

Wieder einmal kündigt Italiens Regierung harte Maßnahmen gegen die gigantischen Kreuzfahrtschiffe an, die Venedig überfrachten. Doch die Tourismussparte wächst - und damit auch ihr Einfluss auf die Politik.
Neue Regelungen für Kreuzfahrtschiffe in Venedig: viel Lärm um nichts

Neue Regelungen für Kreuzfahrtschiffe in Venedig: viel Lärm um nichts

Foto: Stefano Rellandini/ REUTERS

Unwirklich, fast unheimlich schiebt sich die gewaltige weiße Wand am gotischen Dogenpalast vorbei. Die Menschen auf der Mole davor und auf der Piazzetta San Marco, gerade noch ein großes Gewusel, halten inne und sehen gebannt zu, wie das etwa 300 Meter lange Kreuzfahrtschiff sich in den Giudecca-Kanal schiebt und dort langsam verschwindet.

Bald soll der Spuk vorbei sein, das fordern Protestler ebenso wie der Bürgermeister und andere Politiker. Allerdings war das vor Jahren schon genauso. Bereits 2013 kündigte die italienische Regierung nach einem Treffen mit Vertretern aus Venedig an, von 2014 an sollten "deutlich weniger Kreuzfahrtschiffe" auf dieser Route fahren dürfen. Und bald, berichtet die Deutsche Presseagentur damals weiter, dürften überhaupt "keine Kreuzfahrtschiffe, die mehr als 96.000 Tonnen wiegen, in den Kanal einfahren". Binnen zwei Jahren sollten dann alle Schiffe über alternative Routen zum venezianischen Hafen fahren, ohne den Markusplatz zu verdunkeln.

Realisiert wurde von den damaligen Verheißungen gegen die problematischen Schiffsfahrten durch das Unesco-Weltkulturerbe: nichts. Da konnten Anwohner, die um die Stabilität ihrer Häuser fürchten und Umweltschützer, die das gesamte Ökosystem der Lagune in Gefahr sehen, protestieren wie sie wollten. Die Politik versprach, stritt ausdauernd über mögliche, richtige und falsche Lösungen und machte am Ende stets dasselbe: nichts.

Ausblick 2020: 30 Millionen Kreuzfahrer weltweit

Freiwillig verzichten manche Reedereien inzwischen darauf, mit ihren ganz dicken Pötten direkt am Markusplatz vorbei zu fahren. Viel ändere das aber nicht, sagen die Protestierenden. Jährlich steuern laut dem Branchenverband The Association of Mediterranean Cruise Ports über 400 Kreuzfahrtschiffe Venedig an und bringen etwa 1,4 Millionen Passagiere mit. Viele von ihnen steigen nur für ein paar Fotos aus, andere lassen Geld in Restaurants und in Andenkenläden. An manchen Tagen kommen bis zu neun jener Ungetüme an.

Und die globalen Passagierzahlen steigen weiter an: Gab es vor zehn Jahren rund 18 Millionen Urlauber an Deck der schwimmenden Riesenhotels, waren es nach Angaben des internationalen Kreuzfahrtverbands Clia im vorigen Jahr mehr als 28 Millionen. Im nächsten Jahr, schätzt die Cruise Lines International Association, werden es rund 30 Millionen sein. Die wollen zwar nicht alle nach Venedig, aber viele von ihnen. Zu viele, stöhnen die Anwohner.

Zudem ist die Schiffspartie nicht ungefährlich. Gleich zwei Unfälle machten das in diesem Sommer deutlich. Anfang Juni rammte ein mehr als 60.000 Tonnen schwerer Kreuzfahrer eine Anlegestelle und ein Touristenboot. Dass dabei nur vier Menschen leicht verletzt wurden, ist wohl ein kleines Wunder.

Einen Monat später geriet ein anderer Riesenkahn, der von zwei Schleppern gezogen wurde, bei schweren Gewittern mit Hagel und stürmischem Wind außer Kontrolle und verfehlte nur knapp eine Yacht und andere Boote, die auf dem Kurs des Havaristen lagen. Auch in diesem Fall ging die Sache vergleichsweise glimpflich aus.

Die Zwischenfälle reichten dennoch, um die Politik wieder auf den Plan zu rufen. Allen voran den zuständigen Verkehrsminister, Danino Toninelli, vom MoVimento 5 Stelle, der EU-skeptischen Fünf-Sterne-Bewegung. Der hatte zuletzt im Kompetenzstreit mit dem Lega-Chef und Innenminister Matteo Salvini um die Frage, wer die Häfen schließen oder öffnen darf, wenn schiffbrüchige Migranten und deren Retter um Einlass bitten, immer verloren. Nun sucht Toninelli ein Thema, wo er vielleicht ein bisschen "bella figura" machen kann.

Schwimmende Paläste mit Skandalen und Risiken

Vorigen Mittwoch verkündete der Verkehrsminister der britischen Wirtschaftszeitung "Financial Times" zufolge forsch, er wolle nicht länger "Zeuge einer wachsenden Invasion dieser schwimmenden Paläste ... mit den Skandalen und Risiken" sein. Darum würden die Kreuzfahrtschiffe jetzt Zug um Zug von ihrer jetzigen Venedig-Route durch den Giudecca Kanal, auf andere, weniger problematische Strecken umgeleitet. Ab September müssten die ersten an den Terminals in Fusina und Lombardia andocken, bis zum kommenden Jahr würde dann schon ein Drittel der Dickschiffe verlegt werden. Die anderen zwei Drittel sollen dann an neuen, noch zu bauenden Kais im weit entfernten Chioggia, am Südende der Lagune, oder draußen auf der Adria-Seite, am Lido San Nicolò, ihre Menschenfracht entladen.

Venedigs Bürgermeister Luigi Brugnaro hält von den Plänen wenig. Der Geschäftsmann und konservativ-populistische Politiker will die ungeliebten Pötte lieber nach Marghera umleiten, dem Industrie- und Öl-Hafen am Festland. Das wiederum lehnt Toninelli ab.

Die Protestierenden halten keinen der Vorschläge für akzeptabel. Sie argumentieren: Die Lagune sei ein verbundenes System, das man nicht schützen können, indem man die Riesenschiffe von einem Ufer zum anderen verlege. Man müsse sie grundsätzlich durch kleine Boote ersetzen, fordert etwa die Umweltexpertin Jane da Mosto (Lesen Sie hier ein Interview).

Dem widersetzt sich die einflussreiche Kreuzfahrtbranche massiv. In Venedig unterhält der Sektor rund 4.300 Arbeitsplätze und bringt fast 300 Millionen Euro jährlich nach Venedig und Umgebung.

Verkehrsminister Toninelli will nun eine Expertenkommission ins Leben rufen. Am Ende, davon muss man wohl ausgehen, wird alles genauso ausgehen wie 2013: mit viel Lärm um nichts.