Conero-Nationalpark in den Marken
Conero-Nationalpark in den Marken
Foto: giannitriggiani / iStockphoto / Getty Images

Cilento statt Amalfiküste, Marken statt Toskana Italien, wie es immer noch kaum einer kennt

Genauso schön, weniger überlaufen und oft günstiger: vier Gegenden in Italien, die Sie sich merken – und am besten bald selbst entdecken sollten.
Von Dela Kienle

Andiamo! Reisen ist wieder einfacher geworden – auch ins Land, wo die Zitronen blühen und selbst gemachte Gnocchi duften. Italien ist und bleibt eines der Lieblingsreiseziele der Deutschen. Doch nach Corona wird es dort mancherorts schon wieder richtig voll. In Florenz drängeln sich die Massen vor den Uffizien, an der Amalfiküste stehen Autos im Stau  und Venedig will ein neues Anmeldesystem für Touristinnen und Touristen einführen.

Dabei hat der Sommer noch nicht einmal begonnen – und wir sind noch weit entfernt vom Ferragosto-Trubel. In den Wochen rund um den 15. August herrscht in Italien Ausnahmezustand, weil fast alle Einheimische selbst im Urlaub sind – und zwar gern auch im eigenen Land. Wer kann, sollte diese Reisezeit also meiden. Aber auch sonst lohnt es sich, den Massen eben nicht hinterherzureisen. Denn: Es gibt sie noch, die unbekannteren, besonders schönen Ecken Italiens!

Statt Toskana: die Marken entdecken

Ein Name zum Merken: Die Riviera del Conero

Ein Name zum Merken: Die Riviera del Conero

Foto: Claudio Stocco / iStockphoto / Getty Images

Le Marche – die Marken? Viele Deutsche haben noch nie von dieser Region gehört. Dabei liegt sie gut erreichbar auf der Höhe der Toskana und ist mindestens ebenso vielseitig – hier gibt es alles zu entdecken, was Italien so einzigartig macht. Zunächst einmal: das Meer! Besonders pittoresk ist etwa die Riviera del Conero, wo kleine Ortschaften mit breiten, familienfreundlichen Sandstränden locken. Noch schöner sind verborgene Traumbuchten, die man erst nach einem schweißtreibenden Abstieg erreicht, wie etwa den Strand von Mezzavalle .

Die Versuchung ist groß, nur an der Küste zu bleiben. Und doch ist es das Hinterland, das die Marken so einmalig macht! Dort leuchten Sonnenblumenfelder, thronen verwinkelte Dörfer auf den Hügeln. In Trattorien duftet es nach frischem Fenchel, nach den typischen panierten und frittierten Ascolanischen Oliven und vor allem nach hausgemachten Tagliatelle al tartufo – denn die kostbaren Trüffelknollen wachsen keineswegs nur im Piemont, sondern auch in vielen Wäldern der Marken.

Nationalpark Monti Sibillini: Alles so schön bunt hier

Nationalpark Monti Sibillini: Alles so schön bunt hier

Foto: ROMAOSLO / iStockphoto / Getty Images

Kalorien wieder abzutrainieren ist hier kein Problem. Wanderer können im einsamen Nationalpark Monti Sibillini  Bergkämme überqueren, Wasserfälle bestaunen und auf blühenden Wiesen picknicken. Doch die Marken sind vor allem auch ein Paradies für Radfahrerinnen und Radfahrer. Eine neue Plattform namens »Marche Outdoor«  erleichtert ihnen die Planung: Dort finden sie Panoramarouten, Fahrradverleiher – und Unterkünfte. Schließlich gibt es auch eine Karte mit urigen Agriturismi, Bed & Breakfasts und kleinen Landhotels.

Was jetzt noch fehlt? Natürlich Kultur! Und auch hier müssen die Marken den Vergleich mit der benachbarten Toskana keineswegs scheuen. Urbino etwa ist der Geburtsort Raffaels und gilt als »Idealstadt« der Renaissance. Trotzdem ist es hier nicht touristisch, sondern wimmelt vor allem von Studierenden.

Perfekter Platz: Die Piazza del Popolo in Ascoli Piceno

Perfekter Platz: Die Piazza del Popolo in Ascoli Piceno

Foto: Den Polyakov / iStockphoto / Getty Images

Ebenso prächtig ist Ascoli Piceno, die mittelalterliche »Stadt der hundert Türme« ganz im Süden der Region. Mittelpunkt ist die travertingepflasterte Piazza del Popolo. Mit etwas Glück ergattert man dort einen Tisch im Traditionscafé Meletti . Hier dann nur noch einem der smokingtragenden Kellner zuwinken – und sich einen Spritz servieren lassen, der mit dem Anislikör »Anisetta Meletti« gemixt ist.

Gut zu wissen: Die offizielle Tourismusseite der Marken  enthält – auf Englisch – viele gute Empfehlungen.

Statt Amalfiküste: auf in den Cilento

Kultur an der Küste: Tempel von Paestum

Kultur an der Küste: Tempel von Paestum

Foto: SimonSkafar / iStockphoto / Getty Images

Kein Zweifel: Die Amalfiküste ist spektakulär, mit ihren bonbonfarbenen Städtchen und schwindelerregenden Aussichten auf den Golf von Salerno. Doch vor allem im Sommer nerven Autoschlangen, hohe Preise und das Schickimicki-Volk. Zum Glück kann man einfach ein Stück weiter Richtung Süden fahren – und tief durchatmen. Hier beginnt nämlich der Cilento, ein etwa hundert Kilometer langer, zauberhafter Landstrich, der immer noch als Geheimtipp gilt.

Ein Großteil des Cilento ist als Nationalpark geschützt und zählt zum Unesco-Weltkulturerbe. Berg oder kristallklares Meer? Wandern oder nur den Wellen zuschauen? Hier hat man die Wahl. An der Tyrrhenischen Küste wechseln sich langgezogene Sandstrände mit versteckten Felsbuchten ab. Ernest Hemingway liebte vor allem das mittelalterliche Fischerdorf Acciaroli. Dort ruderte er mit dem runzligen Antonio Masarone hinaus und fand Inspiration für sein Meisterwerk »Der alte Mann und das Meer«.

Etwas weiter südlich, im Örtchen Palinuro, kann man selbst ein flaches Boot namens gozzo  besteigen und zu den geheimnisvollen Meereshöhlen schaukeln. Die »Grotta azzura« hier ist sogar größer als die gleichnamige Höhle auf Capri – und gut besucht, aber nicht völlig überlaufen. Unbedingt lohnt sich auch ein Besuch bei den gut erhaltenen Tempeln von Paestum , die griechische Siedler bereits 600 vor Christus erbaut haben.

Nicht weit entfernt von dort grasen die Büffel der Biofarm Vannulo . Ihre Milch wird erhitzt, geknetet und gezogen, bis weiß glänzender Büffelmozzarella entsteht. Der ist würzig und schmeckt unendlich viel besser als die plastikverpackten Kugeln, die ins ferne Deutschland exportiert werden. Im Hofgeschäft gibt es auch köstlichen Büffelmilchjoghurt und Eis.

Ausflugsziel: Das »Geisterdorf« Roscigno Vecchia

Ausflugsziel: Das »Geisterdorf« Roscigno Vecchia

Foto: Alessandro Barone / Pacific Press / picture alliance

Landeinwärts im Cilento locken grüne Wälder, Hügel und winkelige Bergdörfer wie etwa Morigerati. Es ist der Ausgangspunkt für eine Wanderung, die auch an heißen Sommertagen und mit Kindern Spaß macht – zu den Grotte del Bussento . Der WWF pflegt die spektakuläre Schlucht, in der ein kühler Wildbach rauscht und bemooste Bäume wachsen, die wie Fabelwesen aussehen.

Spannend ist auch ein Ausflug ins Geisterdorf Roscigno Vecchia , das vor gut hundert Jahren verlassen wurde. Nur ein schnurrbärtiger Wächter wohnt dort noch, pumpt Wasser aus dem Brunnen – und zeigt Besucherinnen und Besuchern, wie das Leben früher im Cilento aussah.

Gut zu wissen: Viele weitere deutschsprachige Tipps stehen hier .

Statt oberer Adria: im kristallklaren Meer im Salento abtauchen

Am Stiefelabsatz von Italien: Gallipoli

Am Stiefelabsatz von Italien: Gallipoli

Foto: REDA&CO / Getty Images

Nichts spricht gegen Bequemlichkeit – und es ist natürlich bequem, nur bis zur oberen Adria zu fahren, ein Hotelzimmer an einem der breiten Sandstrände zu beziehen und sich in den Liegestuhl fallen zu lassen. Aber wenigstens einmal im Leben sollte jeder ganz in den Süden Italiens reisen, bis zum Absatz des Stiefels, bis in den Salento. »Finis Terrae« nannten die Römer diese Gegend, das Ende der Welt. Ein passender Name – weil hier eine Art Paradies beginnt. Die Sonne flirrt, die Grillen zirpen. Olivenbäume krallen sich in die rostrote Erde, und das Meer schimmert so türkis, dass es oft mit der Karibik verglichen wird.

Die Halbinsel Salento besitzt 250 Kilometer Küste. Eine kurze Fahrt genügt, um von der zerklüfteten Adria im Osten zum Ionischen Meer im Westen zu gelangen. Wer will, kann also auf der einen Seite des Stiefelabsatzes morgens die Sonne über dem Wasser aufgehen sehen – und abends auf der anderen Seite im Meer den Sonnenuntergang beobachten.

Welcher Strand am schönsten ist? Unmöglich zu sagen! Wer beispielsweise im Naturschutzgebiet Porto Selvaggio  20 Minuten durch den Pinien-Eukalyptus-Wald spaziert, erreicht eine wunderschöne Bucht. Und gleich hinter der »Spiaggia della Salina dei Monaci« neben dem Dorf Torre Colimera stehen rosa Flamingos, als hätte man sie für ein Fotoshooting bestellt.

Klares Wasser im Nationalpark Porto Selvaggio

Klares Wasser im Nationalpark Porto Selvaggio

Foto: minoandriani / IMAGO

Wer ein (Miet-)Auto hat, muss sich auch gar nicht entscheiden, sondern kann jeden Tag einen anderen Strand ausprobieren. Dann bietet es sich auch an, gar nicht direkt an der Küste zu wohnen. Etwas weiter im Landesinneren gibt es viele masserie , also historische Bauernhöfe zwischen Weinreben und Olivenbäumen, die in den vergangenen Jahren in Ferienwohnungen oder Hotels umgewandelt wurden.

Oder wie wäre es, zeitweise in eine Kleinstadt wie Corigliano d'Otranto zu ziehen und auf der Dachterrasse eines authentisch renovierten palazzo  zu frühstücken? Überhaupt: die Städte! Lecce etwa gilt dank seiner Barockpracht als »Florenz des Südens«.

Lecce: Das »Florenz des Südens«

Lecce: Das »Florenz des Südens«

Foto: e55evu / iStockphoto / Getty Images

Und in Gallipoli lohnt es sich, schon früh morgens am Fischmarkt aufzukreuzen – oder eine alte Ölmühle  wie den Frantoio di Palazzo Granafei zu besuchen, die in unterirdischen Gewölben der Altstadt verborgen sind. Wer's grün und ökologisch mag, kann sich von Einheimischen helfen lassen: Puglia Eco Travel  ist ein neuer Zusammenschluss für nachhaltige Erlebnisse, der unter anderem maßgeschneiderte Workshops und Touren anbietet.

Gut zu wissen: Viele gute, deutschsprachige Salento-Tipps bietet diese Seite .

Statt Dolomiten: in den Abruzzen wandern

Urlaub mit Weitsicht: Wandern im früheren »Armenhaus« Italiens

Urlaub mit Weitsicht: Wandern im früheren »Armenhaus« Italiens

Foto: Carolin Kertscher / Getty Images

Dolce vita? Mit so etwas muss man den wettergegerbten, einsilbigen abruzzesi – den Einheimischen – gar nicht kommen. Bis vor wenigen Jahrzehnten galt die Gebirgsregion nordöstlich von Rom als das Armenhaus Italiens. Und noch immer ist das Leben hier rau und ursprünglich. Mondäne Urlaubsorte oder perfekte Infrastruktur wie in den Dolomiten sollte man hier also nicht erwarten.

Dafür gibt es Dorfgasthöfe, die über dem offenen Feuer kleine Lammspieße namens arrosticini braten, Wolfsgeheul am Abend, Stachelschweine, die plötzlich über den Wanderweg huschen, und natürlich eine atemberaubende Bergwelt!

Das Gran-Sasso-Massiv etwa ist das höchste Gebirge der Apenninen. Mit rund 2912 Metern ist der Corno Grande fast genauso hoch wie die Zugspitze. Aber auch Ungeübte finden passende Touren, beispielsweise auf der spektakulären Hochebene Campo Imperatore. Sie wird oft »Klein Tibet« genannt und ist im Frühjahr und Sommer von Blumen überzogen.

Pacentro: Zwischen Majella-Massiv und Peligna-Tal thront das hübsche Bergdorf

Pacentro: Zwischen Majella-Massiv und Peligna-Tal thront das hübsche Bergdorf

Foto: REDA&CO / Universal Images Group / Getty Images

Auch das majestätische Majella-Massiv ist ein Paradies für Wanderer. Sie verschnaufen anschließend gern im mittelalterlichen Pacentro, das als eines der schönsten Dörfer Italiens gilt.

Nicht nur Kinder freuen sich über Gesellschaft beim Wandern: Die deutsch-italienische Familie Turavani  verleiht ihre niedlichen, aber robusten Esel. Die tragen auch den Rucksack, wenn man einen Nachmittag oder gleich für mehrere Tage mit ihnen loszieht.

Wer wildere Kreaturen bevorzugt, bricht mit den Guides von Ecotur  auf – und spürt in der Abenddämmerung den Braunbären nach, die immer häufiger durch die Abruzzen streifen. Es gibt sogar eine zweitägige Tour, bei der man in einer Berghütte übernachtet. Abenteuer garantiert!

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