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Italien: Kommerz an der Küste

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Badevergnügen für alle Italiener protestieren gegen teuren Strandzutritt

Ein Tag am Meer gehört in Italien zum Sommer wie Hitze und Gelato. Doch 12.000 Strandabschnitte zwischen Ligurien und Sizilien sind inzwischen kostenpflichtig - immer weniger Menschen können sich das Badevergnügen leisten. Aktivisten kämpfen gegen die Kommerzialisierung der Küsten.

"Stehen Sie bitte auf, Signora, Sie können hier nicht bleiben." Am Strand von Alassio im Norden Liguriens vertreibt ein Badeaufseher eine Schwangere, die ihrem kleinen Sohn beim Spielen zuschaut. Grund ist eine städtische Verordnung, die die Nutzung des Ufers an Privatstränden untersagt. Wer hier nicht für einen Sonnenschirm bezahlt, darf höchstens durchspazieren, aber nicht Halt machen. Die Szene Mitte Juli erhitzte die Gemüter in ganz Italien. Sie steht symbolisch für die zunehmende Privatisierung der Strände des Landes.

Seit 2006 gilt in Italien zwar ein Gesetz, das "freien und kostenlosen" Strandzugang für alle garantiert. Doch zugunsten Einzelner wird dieses zunehmend ausgehöhlt, immer mehr Strände kann man nicht betreten, ohne Geld zu bezahlen. Nach Angaben der Naturschutzorganisation WWF stieg die Zahl privat betriebener Strandabschnitte von 5568 im Jahr 2001 auf mehr als 12.000 heute. Strandbäder mit Miet-Sonnenschirmen und -Liegestühlen für durchschnittlich 15 bis 20 Euro täglich belegen inzwischen 900 der 4000 Kilometer Badestrände.

Ein Jahresabo für 1800 Euro

"Strandbäder florieren, und ans Meer zu gehen ist zum Luxus geworden", sagt Grünen-Chef Angelo Bonelli. Für städtische Regionen, die von der Privatisierung besonders betroffen sind, verlangt er eine "Wiederherstellung des Gleichgewichts von 50 Prozent öffentlich und 50 Prozent privat". Die Italiener sollten "die Meeresküste zurückerobern, damit sie sich kostenlos auf eine Bank setzen und den Sonnenuntergang anschauen können".

Das Geschäftemachen mit diesem kollektiven Gut habe einem kleinen Kreis enorme Profite gebracht, sagt Gaetano Benedetto von der italienischen Sektion des WWF. "Gleichzeitig hat es die Küsten-Ökosysteme geschwächt."

Viele Bürger haben sich damit abgefunden, fürs Baden bezahlen zu müssen. In Ostia in der Region Latium geht Marina mit Mann und Tochter jeden Dienstag ans Meer. Dort, am Hausstrand Roms, bezahlen sie 20 Euro pro Tag für Liegestuhl, Sonnenschirm und Duschmöglichkeiten. "Ich bin keine Stammkundin, aber ich bin bereit, einmal in der Woche für die Annehmlichkeiten zu zahlen", sagt sie. Strandbadkundin Sabrina hat für ein Sechs-Personen-Jahresabo mit Kabine, Sonnenschirm und zwei Liegestühlen sogar 1800 Euro hingelegt. Das ist es ihr wert: "Die Atmosphäre ist familiär und ruhig", sagt die junge Frau.

Strand für alle

Die Römerin Elisabetta besucht seit ihrer Kindheit die Privatstrände von Ostia. An den öffentlichen, "von den Behörden aufgegebenen Stränden" will sie ihr Handtuch nicht ausbreiten: "Der Staat ist unfähig, die öffentlichen Räume zu bewirtschaften. Es gibt keine Alternative." Ein Strandbadbetreiber sieht dies ebenso: "Verantwortlich für diese Situation ist der Staat, der die Verwaltung seines Vermögens nicht gewährleisten will und sie lieber in private Hände gibt."

Doch der Protest formiert sich. In Rom, wo laut Bonelli "80 Prozent der Badezonen privatisiert sind", starteten die Grünen ein Referendum gegen private Strandabschnitte. In Neapel begannen Bürger mit der Einrichtung eines öffentlichen Strandes auf einem verlassenen Industriegelände. "Wir vertreten die 98 Prozent Neapolitaner mit Badehose, die gezwungen sind, fürs Baden zu bezahlen, gegen die zwei Prozent Privilegierten mit einem Boot", sagt Mauro Forte von der Bürgerinitiative "Ein Strand für alle", die die wachsende Zahl von Hafenanlagen anprangert.

Auch Bonelli betont: "In Rio de Janeiro ist der Zugang zur Copacabana kostenlos, für den Millionär wie für die Bewohner der Favelas." In Italien hingegen könnten sich zahlreiche von der Krise betroffene Bürger einen Tag am Meer nicht mehr leisten.

jus/AFP
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