Italienischer Pilgerort Cocullo Das Dorf der Schlangen

Jedes Jahr am ersten Donnerstag im Mai pilgern Tausende in das italienische Bergdorf Cocullo, um den "Rito dei serpari" zu feiern. Die Prozession der Schlangenfänger ist eines der ungewöhnlichsten Feste Europas - das Verhalten der Tiere gilt als wichtiges Omen für die Zukunft.

REUTERS

Von Oliver Lück


Träge wie ein Gartenschlauch hängt die Schlange um den Hals des blonden Mädchens. Nur manchmal wiegt das Reptil seinen ovalen Kopf hin und her, wobei die schlanke Zunge hervorschnellt und im nächsten Moment schon wieder verschwunden ist. Das Mädchen hat die Natter furchtlos mit beiden Händen gepackt, als wäre sie ein Kuscheltier. Einige Meter weiter schlängeln sich zwei Vipern zwischen den knochigen Fingern eines zahnlosen Alten. Einer Frau winden sich gleich mehrere Äskulap-Nattern über die Schultern und durch das lange Haar. Einem Mann im karierten Sonntagszwirn hat sich eine Vierstreifennatter in ihrer ganzen Länge viermal um den Arm gewickelt.

Es herrscht ein Andrang wie bei einem Fußballspiel der italienischen Serie A, nur tragen die Anhänger anstelle der Fanschals lebende Schlangen als Zeichen ihrer Zugehörigkeit. Noch vor Sonnenaufgang sind die Straßen nach Cocullo, das auf halber Strecke zwischen Rom und Pescara liegt, zugeparkt. Bis ins 20 Kilometer entfernte Sulmona staut sich die Karosseriekarawane. Stoßstange an Stoßstange windet sich die Autoschlange die kurvenreiche Strecke hinauf, durch die karstigen und von Schluchten zerschnittenen Abruzzen, bis in das unscheinbare Bergdorf in 900 Meter Höhe.

Jährlich am ersten Donnerstag im Mai wird der "Rito dei serpari" gefeiert, das Fest der Schlangenfänger. In der örtlichen Bäckerei gibt es "Serpente dolce" und "Cervone", schlangenförmiges Gebäck, das mit grünen Augen und roter Zunge dekoriert ist. Mobile Händler verkaufen eingeschweißte Schlangenimitate und Postkarten mit Schlangenmotiven.

Die Fruchtbarkeitsgöttin und der Heilige

Das Fest geht zurück auf die Marsen, ein etruskisches Volk, das vor rund 4000 Jahren die Schlangen beschwörende Fruchtbarkeitsgöttin Angizia verehrte. Zu Beginn des 16. Jahrhunderts vermischte sich der heidnische Mythos mit einem katholischen Zeremoniell, als die Menschen begannen, den Heiligen Domenikus zu lobpreisen, einen Kapuzinermönch, der vor über tausend Jahren in den Abruzzen lebte, aber erst lange nach seinem Tod heilig gesprochen wurde. Um San Domenico ranken sich verschiedenste Legenden. So habe er giftige Schlangen in Fische verwandelt und so die Gegend von einer Plage befreit, heißt es. Bis heute gilt er als Schutzheiliger der Bauern und Schäfer.

364 Tage im Jahr ist das Dorf mit seinem mittelalterlichen Charme und seinen 300 Bewohnern eines unter vielen. Einzig die im 13. Jahrhundert gebaute Kirche gibt erste Hinweise dafür, dass Cocullo an einem Tag im Mai zu einem ganz besonderen Wallfahrtsort wird. Nicht nur sind über dem Eingang des kleinen Gotteshauses Schlangen aufgemalt, auch im Innern schlängeln sich gepinselte oder in Stein gehauene Reptilien. Marmorengel halten Vipern in den Händen, unter dem Altar wird in einer Vitrine eine ausgetrocknete Natter, die sich um einen verdorrten Ast wickelt, verwahrt.

Gegen Mittag beginnt der traditionelle Bittgang. Vier Männer heben die lebensgroße, hölzerne Statue des Heiligen Domenikus vom Altar, schultern sie und tragen sie über die ausgetretenen Steinstufen hinaus auf die kleine Piazza in das gleißende Licht der Mittagssonne. Schwaden aus Weihrauch entweichen der Kirche und verhüllen den Vorplatz mit einem süßlichen Duft. Sofort drängen die Schlangenfänger zur Figur und behängen sie mit den in den Tagen zuvor gefangenen Tieren, die sich nun um den Kopf mit dem schwarzen Haarkranz und dem Heiligenschein winden.

Die Schlangen sind die Hoffnung einer ganzen Region. Ihr Verhalten wird als Zeichen für die kommende Ernte gewertet: Räkeln sie sich um den Kopf und die Schultern, bleibt Hagel und Unwetter aus. Kriechen sie aber um den Unterkörper oder gar ins schwarze Gewand hinein, droht Ungemach.

Prozession mit Blasmusik

Eine Blaskapelle beginnt zu spielen, als der Pilgerzug sich gemächlich in Bewegung setzt. Polizisten schreiten voran und sorgen für eine schmale Schneise in der Masse. Die Augen der Gläubigen sind starr auf San Domenico gerichtet, Einzelne weinen. Kinder werden aus der Menge gehoben und auf Schultern gesetzt, um freie Sicht zu haben.

Mehrere Stunden quillt die Menschenschlange durch die verwinkelten Gassen und hinaus auf die umliegenden Felder, stets gefolgt von über zehntausend Pilgern und Schaulustigen, die wie die Statisten im Schauspiel einer höheren Macht wirken. Einige halten kleinere Vipern wie Rosenkränze zwischen ihren Fingern, beten, bekreuzigen sich und wispern beständig ein "San Domenico beschütze uns vor dem Gift der Schlangen". Andere bewegen lautlos ihre Lippen oder schweigen andächtig.

"Machen Sie ein Erinnerungsfoto mit einer Schlange", ruft der Mann und wedelt mit einem fast zwei Meter langen Exemplar. Vincenzo Marelli vermietet Schlangen an Touristen. Bereits Wochen zuvor war er auf den umliegenden buschbestandenen Hügeln auf Reptilienjagd gegangen. Ende März sind die gerade aus dem Winterschlaf erwachten Tiere noch einfacher zu greifen. Dann ist ihre Körpertemperatur, die sie während des Winters gesenkt hatten, noch zu niedrig für schnelle Bewegungen. Viele liegen dann steif in ihrem Versteck unter Steinplatten und in Felsspalten.

Vincenzo Marelli ist in Cocullo aufgewachsen und lebt heute in Pescara, 80 Kilometer entfernt an der Ostküste. Jedes Jahr kommt der 37-Jährige für einige Wochen zurück, um seine Eltern zu besuchen, die Prozession zu begehen und zugleich etwas Geld zu verdienen. Er greift in eine Holzkiste, in dem sich ein Knäuel aus 30 Streifennattern windet, ineinander verschlungen wie Spaghetti. Die giftigen Kreuz- und Wiesenottern hat er vorsorglich aussortiert. Doch auch die für den Menschen ungefährlichen Äskulapnattern beißen gelegentlich blitzschnell zu. Mit einem Lächeln zeigt Marelli zwei winzige Wunden an seinem Handgelenk.

Fünf Euro Leihgebühr

Er holt ein Tier heraus und reicht es einer aus Mailand angereisten Frau, die das züngelnde Reptil zögerlich entgegennimmt und festhält, als würde sie mit rohen Eiern hantieren. Ihr Mann hält den mutigen Moment auf Video fest. Keine fünf Minuten später steckt die Natter schon wieder im Sack und die Frau stakst in ihren hochhackigen Schuhen ungelenk davon. Der Mann folgt ihr und begutachtet die Qualität der Aufnahme. Und Vincenzo Marelli ist fünf Euro reicher und widmet sich bereits dem nächsten Passanten.

Am frühen Abend erreicht der Strom der Pilger den Vorplatz der Kirche, die Prozession geht zu Ende. Erschöpft berühren einige noch ein letztes Mal das Gewand der Statue und dann die eigene Stirn, bevor San Domenico von den Schlangen befreit wird. Diese sind längst zu einem gewohnten Bild in den Straßen geworden. Einige räkeln sich bereits herrenlos unter den Tischen zwischen den Füßen der nun ausgelassenen Festgemeinde.

Die Nacht gehört den Siegern. Einer der Höhepunkte ist die Ehrung der Schlangenfänger. Es werden die Serpari mit Pokalen bedacht, die die längste Schlange, die mit dem schönsten Rückenmuster oder die meisten Nattern mitgebracht haben. Vor Jahren mal gewann auch Vincenzo Marelli eine Trophäe. Niemand hatte mehr Schlangen gefangen als er. 103 waren es. Der Pokal steht noch heute auf dem Ofen seiner Eltern, was ihm aber nicht mehr wichtig ist. "Die Siegerehrung gehört zur Abendunterhaltung, nicht zur Prozession", winkt er ab.

Die Straßen sind menschenleer, als er am nächsten Morgen mit geschultertem Leinensack in die Berge geht. Einzeln zieht er Schlange für Schlange aus dem Beutel, um sie wieder in die Freiheit zu entlassen. Dabei begutachtet er jedes Tier, als wolle er es hypnotisieren. Jedes Mal bekreuzigt er sich und flüstert ein "San Domenico beschütze uns". Fast wirkt es so, als würde er die Natur beschenken. "Nun haben die Schlangen wieder ein ganzes Jahr Ruhe", sagt er, als die letzte Natter ausgesetzt ist, "und wir in unserem Dorf auch".



insgesamt 3 Beiträge
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Frau Wutz, 03.05.2010
1. Schlangen fangen
Warum nicht auch in Rom? In unmittelbarer Umgebung des Regierungschefs wimmelt es doch von Nattern.
hajoschneider 03.05.2010
2. Die Bildauswahl
... hätte durchaus etwas mehr Abwechslung vertragen.
popcornhexe 03.05.2010
3. Schöner Artikel...
und tolle Fotos, was wieder mal beweist, dass eine entspannte Schreibe aus einer Marginalie eine interessante Geschichte machen kann. Auf zum Schlangenfest!
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