Kaiserstuhl Ein Herbst, den man trinken kann

Herbst ist in Deutschlands sonnigem Südwesten nicht nur eine Jahreszeit, Herbsten heißt dort auch die Weinlese. Als Erntehelfer kann jedermann die Trauben für seinen Lieblingswein lesen - und abends in launiger Runde die guten Tropfen der Vorjahre testen.

Von Susanne Drießle


"Wiißburgunder hemmer grad gmesse, die henn hunderteins," sagt Eckhardt Bercher stolz. Noch vor einer Stunde hätte keiner der Herbst-Gäste ein Wort verstanden, doch jetzt nicken alle anerkennend: Hundertundein Grad Öchsle also haben Berchers Weißburgunder-Trauben. Das ist ein ordentlicher Zuckergehalt, und der verspricht einen guten Wein.

Wir machen im Weingut Bercher beim Herbsten mit. So heißt die Weinlese hier am Kaiserstuhl, und die Gegend ist zu dieser Zeit wie verzaubert: Die Dörfer scheinen ausgestorben, aber in den Weinbergen wuselt es. Wer keine eigenen Reben hat, herbstet bei Nachbarn oder Freunden. Gäste wie wir kommen eigens angereist, um selbst einmal die saftig-süßen Trauben von den Reben zu schneiden und abends volle Körbe nach Hause zu tragen. Hier, zwischen Vogesen und Schwarzwald, unweit der Grenzen zu Frankreich und der Schweiz, sind "Herbst-Ferien" besonders lohnend, denn die Gegend gilt als die wärmste Deutschlands. Die Sonne scheint fast anderthalb Mal so viele Tage wie zum Beispiel in Düsseldorf.

Dieter, ein junger Weinbautechniker, ist unser Lehrer in Sachen Herbsten. Wir sind nicht die einzigen Neuen, auch Yvonne und Reinhardt haben heute ihren ersten Tag in den Reben. Reinhardt kennt sich zwar mit dem Endprodukt gut aus, wie sich später bei der Weinprobe herausstellt, doch eine Rebschere hatte er zuvor noch nie in der Hand. Yvonne freut sich darauf, hier draußen ein paar goldene Oktobertage zu erleben. "Es hat etwas herrlich Nostalgisches, im Weinberg zu stehen und Trauben von Hand zu ernten."

Essig gibt Uhu-Geschmack

Wir Städter werden in unseren romantischen Vorstellungen allerdings ein wenig enttäuscht, denn wir bekommen keinen dieser großen Rucksack-Körbe, wie sie Osterhasen auf alten Abziehbildern tragen. "Auf die Biggi kann ich gut verzichten", sagt Dieter. Wir schauen ihn fragend an. "So heißt der Korb, den Ihr meint", erklärt er grinsend. "Und es ist brutal anstrengend, mit der Biggi zu herbsten." Dieter sagt natürlich "herbschdn". Und zum Thema Biggi hat er sicher Recht.

Wir nehmen also jeder einen Eimer und eine Rebschere. Die ähnelt einer Gartenschere, ist aber spitzer und ziemlich scharf. Wir ernten rote Trauben, Spätburgunder. "Es gibt zwei Dinge, die wir beim Rotwein nicht wollen: 'Essig' und Fäulnis", sagt Dieter. "Das müssen wir aussortieren." Die Guten ins Töpfchen also. "Das ist 'Essig', so ziegelrot, das muss weg. Essig gibt Uhu-Geschmack im Wein." Wir kratzen also mit der Schere einzelne Beeren aus den Trauben. Bei Dieter geht das sehr schnell, wir dagegen fragen bei jeder dritten nach. Mal sind die Beeren schon fast Rosinen, sind also süß und gut. Mal hat sich im Inneren "Essig" versteckt, weil die Beeren so eng hängen.

Mit der Zeit werden wir sicherer, hantieren souverän mit unseren Scheren, lehren "Essig" und "Faule" das Fürchten. Hin und wieder blicken wir auf, streichen mit den Augen über die akkuraten Muster, die die Rebreihen auf das Hügelland zeichnen, und sehen unten im Tal den Rhein glitzern.

Mischen verboten?

Unter einem wunderschönen alten Lindenbaum mitten in Burkheims kuscheliger "Mittelstadt" haben Bärbel Bercher, die Chefin, und ihre Helferinnen unterdessen den Tisch gedeckt.

Das Nachbarhaus mit dem Marionettenladen ist von wildem Wein bewachsen, in allen Schattierungen zwischen Grün und Rot. Wir haben jedoch nur Augen für die dampfenden Spaghetti - und den kühlen Weißen, den wir köstlich erfrischend mit Mineralwasser mischen.

"Weinschorle ist bei uns zuhause verboten", sagt Gaetan aus Frankreich und versucht, ein ernstes Gesicht zu machen. Er kann es nicht gutheißen, Wein mit blubberndem Wasser zu beleidigen. Allerdings kommt er aus der Normandie und ist somit also nur in Sachen Cidre eine Instanz. Er hilft zum ersten Mal hier beim Herbsten - und wohnt in seinem winzigkleinen Wohnwagen auf Berchers Hof.

Scherenduelle an der Rebe

Neben ihm sitzt Rainer aus Thüringen. Er kommt seit Jahren jeden Herbst zwei Wochen nach Burkheim, denn irgendwann hatte er, angesichts seiner vielen Wein-Bücher, beschlossen: "Theorie is' nix." Er kam bei einem Gourmet-Abend mit Eckhardt Bercher ins Gespräch und bald darauf an den Kaiserstuhl. "Hier ist meist schönes Wetter im Herbst, es ist kein allzu großes Weingut, und die Weinberge sind nicht steil. Außerdem ist das Team sehr nett, wenngleich..." - er sieht hinüber zu Jeannine - "...ich letztes Jahr beim Scherenduell den Kürzeren gezogen habe. Ich hab mich leichtsinnig aus der Deckung gewagt..."

Was war passiert? Die Antwort bekommen wir am Nachmittag. Die Sonne gibt noch mal alles, wir krempeln die Ärmel hoch. Die Rebreihen werden von beiden Seiten abgeerntet - oft steht man sich gegenüber und arbeitet am selben Stock. Dabei ist nicht immer ganz klar, wem welche Traube zusteht. So ist es wohl geschehen, dass damals Jeannine dem Rainer die Niederlage mit der Rebschere beigebracht hat. "Revanche gab's noch keine", sagt Rainer. "Noch nicht..."

Unterdessen lehren uns Dieter und Jeannine Winzervokabular. "Lummelig" nennen sie Trauben, die nicht richtig prall und fest sind. Pardon, natürlich nicht "Trauben", sondern "Beeren". So heißen die einzelnen Früchte. Und selbst wenn es Trauben wären, hießen sie nicht so - sondern "Triebl". Fast wie "Triebe". Gar nicht einfach.

Im Fass wirkt die Zeit

Solche Sprachprobleme hätten die Leute im Kelterhaus nur zu gerne. Hier ist die Hölle los, denn jetzt, mitten in der Lese, liegt der Kellermeister in der Klinik. Trotzdem nimmt sich Rainer Bercher, der Bruder von Eckhardt, die Zeit, eine kleine Einführung in die Weinherstellung zu geben. Ein Kran hebt einen der riesigen Bottiche vom Anhänger und kippt die Trauben in einen Trichter. Dort werden die Beeren von den Stielen getrennt - "entrappt".

Für den Weißwein presst man die entrappten Beeren sofort und leitet den Saft ins Edelstahlfass. Für Rotwein liegen sie mit der Schale etwa zwei Wochen im Fass. Sie werden täglich umgerührt, und auf einer Anzeige am Fass kann man die Farbe sehen. Die entsteht in dieser Zeit - denn nur die Schale macht den Wein rot. Nach etwa zwei Wochen wird der Rest gepresst, und der Most kommt ohne Maische ins Fass. Dann beginnt das Werk der Zeit.

Die hat auch draußen in dem mittelalterlichen Städtchen ihre Handschrift hinterlassen. Durch das Kopfsteinpflaster spitzelt Gras, und die uralten Häuser in der Mittelstadt haben sich herausgeputzt. Die Sonne tanzt auf den Fachwerkfassaden in Ockergelb, toskanischem Rostrot und strahlendem Weiß, und aus den Blumenkästen ergießt sich ein Geranienmeer vom zarten Rosa reifer Rieslingtrauben bis zu samtigem Bordeauxrot.

Chardonnay schmeckt grün

Am Abend sitzen wir mit Arne zusammen, einem der Bercher-Söhne, und probieren von den Köstlichkeiten, die der Familienbetrieb herstellt. Reinhardt und Arne fachsimpeln über Mineralik - das Aroma, das der Wein von den Salzen und Mineralien aus dem Boden bekommt -, während wir über die unterschiedlichen Geschmacksgemälde staunen, die der Kaiserstühler Wein malt, und um Worte dafür ringen. Der Chardonnay schmeckt grüner als der Grauburgunder, und in der 2003er Spätburgunder Spätlese vom Burkheimer Feuerberg entdecken wir eine Kakao-Note. Doch Reinhardt übertrifft uns wieder: "Der Geschmack wird hinten breiter", sagt er. "Und er geht auch hinter dem Kopf noch weiter." Arne gefällt das, und wir versuchen, es auch zu schmecken, hinter dem Kopf.

An einem klaren, sonnigen Morgen müssen wir Abschied nehmen von Rebschere und Wein. Das kleine Sträßchen steigt ein wenig an zum Bahnhof, hinter uns erhebt sich Burkheim über die Reben. Die dachlose Schlossruine und der Kirchturm recken sich aus den bunt hingewürfelten Häusern in den Kaiserstühler Himmel, und der Zug kündigt sich mit einem kehligen Pfiff an.

Während wir mit dem Bähnchen um den Kaiserstuhl bummeln, formieren sich die Stare zu ihrer weiten Reise in den Süden. In schwarzen Schwaden wabern sie über den hellblauen Himmel, dann lassen sich die ersten auf einem Stromkabel nieder und ziehen die anderen wie Dominosteine mit sich. Hier in den Weinbergen schlagen sie sich die Bäuche voll, ehe sie in die Sonne fliegen.

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