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Marzipan-Kunstwerke: Köstliches aus Königsberg

Foto: Maik Brandenburg

Königsberger Marzipankunst Drache ist süß

Eine vergessene Süßigkeit erlebt ihr Comeback in Kaliningrad: Dort stellt ein kleines Familienunternehmen nun wieder original Königsberger Marzipan her. Die Macher kommen der Nachfrage kaum hinterher - am besten laufen die Motive Schlange, Drache und Nixe.

Vor etwa fünf Jahren öffnete Alexandra Toropova den Herd der elterlichen Küche und holte ein dampfendes Süßgebäck heraus. Diesen Moment kann man gut historisch nennen. Denn bei dem Gebäck handelte es sich um Marzipan.

Das gibt es auch an anderen Orten, in Deutschland wird es reichlich verkauft. Hier aber lag die Sache anders: Das runde Stückchen nämlich - braun, etwas unförmig und kaum handtellergroß - war das erste echte Königsberger Marzipan, das seit Ende des Zweiten Weltkrieges produziert wurde. Denn es wurde in Kaliningrad hergestellt, dem einstigen Königsberg.

Vor dem Krieg gab es in der ostpreußischen Stadt an der Ostsee zahlreiche Konditoreien. Das einheimische Marzipan war die wichtigste Leckerei im Angebot. Sie unterscheidet sich von anderen Sorten vor allem darin, dass sie an der Oberfläche gebrannt, also karamellisiert ist. Außerdem schmeckt das Marzipan aus Königsberg weniger süß als beispielsweise das Lübecker Marzipan. Schließlich gehören neben den obligatorischen Mandeln sowohl Puderzucker als auch ein paar Tropfen Rosenwasser in ein echtes Königsberger Marzipan.

Doch während die andere Spezialität der Gegend, die Königsberger Klopse, zu den berühmtesten deutschen Gerichten zählen, ist das Marzipan kaum noch bekannt - geschweige denn in aller Munde.

Nach dem Krieg verließen die meisten Deutschen Königsberg. Die Stadt und das Gebiet drumherum, das etwa so groß ist wie Schleswig-Holstein, gehörten danach zur Sowjetunion, sie sind heute eine russische Exklave zwischen Polen und Litauen. Die Stadt war zu großen Teilen zerstört, der berühmte Dom und die Universität lagen in Trümmern.

Zerstört waren auch viele Konditoreien. Einige Besitzer, so sie überlebt hatten, wagten einen Neuanfang fern der alten Heimat. In den Auslagen von Konditoreien in Berlin, Hamburg oder Wuppertal lagen jetzt die Köstlichkeiten, die immer noch Königsberger Marzipan hießen. Nur an seinem Ursprungsort wurde es nicht mehr produziert.

Welche Form darf es sein?

Darüber wunderte sich Alexandra Toropova, als sie für ein Schulprojekt über ihre Heimatstadt forschte. "Hier hatte man das Marzipan vergessen - eine Schande", sagt die heute 20-Jährige. In anderen Marzipan-Städten dagegen sei man sich seiner kulinarischen Tradition bewusst. "In Lübeck, im estnischen Tallinn oder in Szentendre in Ungarn gibt es Museen zum Marzipan. Bei uns nicht." Alexandra beschloss, das zu ändern.

Im Internet suchte sie nach den ursprünglichen Rezepten . Die waren schnell gefunden. Allerdings wusste sie nicht, ob seinerzeit auch spezielle Formen existierten. Die Lösung fand sie im Museum Friedländer Tor in Kaliningrads Innenstadt. In einer dort archivierten Ausgabe der "Königsberger Allgemeinen Zeitung" von 1924 stand ein Artikel zum Marzipan. Neben einer Einladung der "ehemaligen Kameraden des Garde-Korps" zum "Tanzkränzchen" fand Alexandra den entscheidenden Satz: "Und dann sollten Sie Ihren Produkten die Form Ihrer Phantasie geben."

Genau das tat Alexandra. Besser, ihr Vater. Der nämlich ist ein Künstler und professioneller Industriedesigner. Als Student hatte er Tonmedaillons entworfen, vorwiegend mit Stadtmotiven. "Die verkauften sich aber sehr schlecht", erinnert sich Pjotr Toropov. Doch seit diese Medaillons essbar sind, boomt sein Geschäft.

Nixen aus Mandeln und Puderzucker

Noch ist das Angebot beschränkt. Ein paar Kilogramm können die Toporovs wöchentlich herstellen. Während die Tochter den Teig knetet und an der Rezeptur feilt, entwerfen Vater Pjotr und Mutter Elena neue Motive für die Medaillons. Gerade arbeiten sie an einem mittelalterlichen Bestiarium - der Darstellung tierischer Wesen aus Sagen und Legenden. "Schlangen, Drachen und Nixen gehen am besten", sagt Elena Toropova.

Verkauft wird über Buschfunk, eine eigene Webseite ist in Arbeit. Kürzlich durften sie für ein Hochzeitspaar ein großes Marzipanbrot backen, es sollte ein exklusives Geschenk sein. Einige Konditoreien bieten die Naschereien nun wieder an. Derzeit ist Alexandra mit der Abteilung für Stadtmarketing im Gespräch. "Man muss ja nicht immer nur Kugelschreiber mit dem Stadtlogo verschenken. Ein Medaillon aus Marzipan ist doch viel origineller."

Außerdem träumt sie von einem eigenen Museum in Kaliningrad, gewidmet der leckeren Spezialität. "Es soll 'Marzipanhaus' heißen. Und drinnen soll es eine Ausstellung über alle Konditoreien Königsbergs geben, die das Marzipan mal produzierten." Ihr Hobby hat Alexandra jetzt zum Geschäft gemacht und es beim Finanzamt angemeldet. Alexandra: "Der Beamte wollte erst nicht glauben, dass mal ein berühmtes Marzipan aus seiner Stadt kam."

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