Kanalfahrt in Nordengland Hausboot für Anfänger

Lauschiges Grün, Steinbrücken und prachtvolle Industriebauten: Eine Fahrt mit einem Kanalboot führt mitten hinein in Nordenglands Metropolen und Hügellandschaften. Beim Freizeitkapitän sorgt der Verkehr auf den engen Wasserstraßen für heftige Adrenalinschübe.

VisitEngland / BathTourisPlus / Colin Hawkins

Von Edgar Klüsener


"Nicht so schnell, runter vom Gas!" Irritiert schaue ich auf den Kapitän, bin ich doch gerade von zwei gemächlich ausschreitenden Spaziergängern auf dem Pfad neben dem Kanal überholt worden. Trotzdem werde ich nun des Rasens bezichtigt. "Wenn du an ankernden Kanalbooten vorbeifährst, musst du schön langsam bleiben", sagt Malcolm Allcard, der Kapitän. "Sonst schlägst du zu hohe Wellen und die Leute in den Booten verschütten ihren Tee. Also runter mit dem Tempo!"

Gehorsam drossele ich die Geschwindigkeit weiter. Vom Motor ist jetzt kaum noch was zu hören, beinahe lautlos gleitet unser Boot an der am Uferrand ankernden "Ellie" vorbei. Die Wasserstraße ist sehr eng, die Gefahr, andere Schiffe versehentlich zu schrammen, daher durchaus vorhanden.

Allcards "Big Boat" ist hundert Meter lang - gefühlt. Mit einer Gruppe von Freunden habe ich sie für einige Stunden gemietet, um die stille Schönheit des Macclesfield-Kanals zu erkunden. Nun stehe ich am hinteren Ende, und der Bug scheint meilenweit entfernt. Ich klammere mich ans Ruder, bemühe mich, es so ruhig wie möglich zu halten. Aus dem Inneren des Bootes klingen Musik, Stimmengewirr, das Klirren von Gläsern.

Meine Mitpassagiere scheinen die Reise zu den Parklandschaften Cheshires und der Hügelkette Pennines zu genießen. Dass diese streckenweise mitten durch die urbanen Vororte von Greater Manchester geht, kann man an Bord nur erahnen. Böschungen schirmen den Kanal auf beiden Seiten ab. Zu sehen ist selten mehr als lauschiges Grün, massige Steinbrücken, alte Industriebauten und andere Boote, die uns gemächlich entgegentuckern oder am Ufer angeleint sind.

Hausboot statt Reihenhäuschen

Die Kanäle durchziehen England kreuz und quer, größtenteils wurden sie während der industriellen Revolution als schnelle und verlässliche Transportrouten gebuddelt. Mit dem Niedergang der einstigen Zentren britischer Textil- und Schwerindustrie sind aber die plumpen Lastkähne von den meisten Wasserwegen verschwunden.

Ihren Platz nehmen nun die Narrowboats ein. Ursprünglich hießen so die schmalen Frachtboote, die im späten 17. und frühen 18. Jahrhundert speziell für die neuen engen Kanäle gebaut wurden. Heutzutage werden ganz allgemein auch die modernen Haus- und Freizeitboote so bezeichnet. Billig sind sie nicht - so ein Schiff wie die "Big Boat" kann voll ausgestattet um 27.000 Euro kosten. Für den Preis gibt es allerdings auch etwas Komfort: eine Bordtoilette und eine gut ausgestattete Kombüse sowie separate Schlaf- und Wohnbereiche.

Rund 15.000 Briten haben mittlerweile das Reihenhaus oder die Mietwohnung gegen ein Kanalboot eingetauscht, schätzt die britische Tageszeitung "The Independent". In ganz England verbringen Touristen ihre Ferien auf dem Wasser und mieten Boote für Tage oder Wochen. Und die Ruhe, die die Kanäle mitten in urbanen Ballungsräumen bieten, zieht auch immer mehr Städter für kurze Ausflüge mit Freunden und Familien in gemietete Narrowboats.

Oder sie laden zu Partys auf die Boote. Ein Trend, der zum Beispiel im traditionell feierwütigen Manchester den Wasserwegen neues Leben schenkt. Im Herzen der Stadt liegen auch die Castlefield Docks: Der zentrale Kanalknotenpunkt und Liegeplatz für Kanalboote hat sich zu einem Vergnügungszentrum am Wasser mit vielen Bars, Cafés und einer Open-Air-Arena entwickelt.

Untergang in der Schleusenkammer

Ausgerechnet in einer Kurve kommt mir jetzt die "Sunderland" entgegen. "Jetzt nur keine Panik", sagt Malcolm Allcard. Vom Heck sieht es so aus, als würde sich der Bug der "Big Boat" langsam, aber unaufhörlich in die Seite der "Sunderland" rammen. Tatsächlich aber trennen die beiden Boote noch gut 15 Zentimeter schmutziggraues Wasser, sie gleiten berührungsfrei aneinander vorbei. "Das war die Härteprüfung", sagt der Kapitän. "Jetzt können wir dich auf die Kanäle loslassen."

Malcolm Allcard selber schippert seit mehr als 50 Jahren über die englischen Wasserwege, gut drei Jahrzehnte davon als Kapitän für kommerzielle Fracht- und Passagierunternehmen. Heute ist er zugelassener Ausbilder für hoffnungsvolle Bootsführer. Er nimmt auch die Prüfungen ab, die Urlaubskapitäne benötigen, wollen sie eigenhändig ihr gemietetes Boot in den Sonnenuntergang steuern. Ein Schnellkurs macht sie mit den Regeln der Wasserwege vertraut, mit der Handhabung des Bootes und mit den Ankerbestimmungen.

Vor allem aber wird die Bedienung der unzähligen Schleusen trainiert, die das gemächliche Hingleiten häufig genug unterbrechen. Das stellt die größte Herausforderung für Freizeitkapitäne dar. Immer wieder mal schafft es einer - und nicht zwangsläufig ein Anfänger -, sein Boot in einer Schleusenkammer zu versenken. In der Regel kommen Bootsführer und Passagiere in solchen Situation mit dem Schrecken und einem gehörigen Sachschaden davon. Es gab aber auch schon Schwerverletzte oder Tote.

Der Sprung über den großen Kanal

Über Meilen geht es jetzt einfach nur geradeaus, und so lässt Allcard mich zum ersten Mal allein am Steuer, um sich in der Kombüse mit Kaffee zu versorgen. Eine Viertelstunde später steht er wieder neben mir und erzählt von seiner Liebe zu den Kanälen, von der Faszination des Lebens auf dem Wasser, der er voll und ganz erlegen ist. Und auch von den waghalsigen Touren, die Narrowboat-Kapitäne immer wieder mal unternehmen.

Er kenne einige, erzählt der gestandene Kapitän, die in ihren Kanalbooten den "großen Kanal", nämlich den zwischen England und dem Kontinent, überquert haben und seitdem dort die Flüsse und Kanäle entlangschippern. Er sagt das mit einem abwesenden, gedankenverlorenen Blick. Will er auch? "Vielleicht", sagt er, "vielleicht fahre ich eines Tages ebenfalls los. Andererseits, ich würde sie vermissen, meine englischen Kanäle."


Information:

Ein guter Anlaufpunkt für Freizeitkapitäne ist die Website Canaljunction.com, die über die Besonderheiten vieler Kanäle und Regionen informiert und die Möglichkeit bietet, direkten Kontakt mit lokalen und regionalen Bootsverleihern aufzunehmen. Auch der Canal and River Trust bietet eine Fülle weiterer touristischer Informationen rund um die englischen Kanäle.



insgesamt 9 Beiträge
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spon-4fe-gopr-2 10.10.2013
1. gibt's in London auch
Dafuer muss man nicht bis nach "Nordengland" fahren. Wenn man schon in London ist, kann man zB in Camden einsteigen und eine Runde bis nach Little Venice machen. Ist sehr angenehm, insbesondere bei schoenem Wetter, auch nicht besonders teuer.
theodorheuss 10.10.2013
2. Zugegeben, tolle
Zitat von sysopVisitEngland / BathTourisPlus / Colin HawkinsLauschiges Grün, Steinbrücken und prachtvolle Industriebauten: Eine Fahrt mit einem Kanalboot führt mitten hinein in Nordenglands Metropolen und Hügellandschaften. Beim Freizeitkapitän sorgt der Verkehr auf den engen Wasserstraßen für heftige Adrenalinschübe. http://www.spiegel.de/reise/europa/kanalfahrt-in-nordengland-hausboot-fuer-anfaenger-a-925303.html
Bilder die Wehmut nach Freiheit und Flexibilität aufkommen lassen. NUR, gerade Nordengland ist nicht bekannt für sein sonniges Ganzjahreswetter. Wies in den tristen Herbst, Winter, Frühlingsmonaten auf so beengtem Raum unter Deck dann zugeht? Dann vielleicht doch lieber das Reihenhaus behalten oder soetwas in Südfrankreich durchziehen. Nur zum Spaß und gemietet ist das allerdings sehr hübsch, aber auch nicht wirklich neu. Gibts von der Mecklenburgischen Seenplatte über die Niederländischen Kanäle überall in Europa. Dann schon lieber ein nicht ganz so "narrow ship" mit etwas mehr Komfort und ganz piano im Spätsommer durch die Kanäle in Südliche Gefilde zum Überwinter und im Frühjahr retour.
derpolokolop 10.10.2013
3. Vorurteile.
Zitat von theodorheussBilder die Wehmut nach Freiheit und Flexibilität aufkommen lassen. NUR, gerade Nordengland ist nicht bekannt für sein sonniges Ganzjahreswetter. Wies in den tristen Herbst, Winter, Frühlingsmonaten auf so beengtem Raum unter Deck dann zugeht? Dann vielleicht doch lieber das Reihenhaus behalten oder soetwas in Südfrankreich durchziehen. Nur zum Spaß und gemietet ist das allerdings sehr hübsch, aber auch nicht wirklich neu. Gibts von der Mecklenburgischen Seenplatte über die Niederländischen Kanäle überall in Europa. Dann schon lieber ein nicht ganz so "narrow ship" mit etwas mehr Komfort und ganz piano im Spätsommer durch die Kanäle in Südliche Gefilde zum Überwinter und im Frühjahr retour.
Hatte 2 Wochen Urlaub in England dieses Jahr, Sonne pur. Eine Woche MeckPom, nur Regen. Ich glaube es hat niemand behauptet das die Idee neu sei, und natürlich kann man das gleiche vielerorts machen, auch an den Norfolk Broads. Bin aber nicht ganz sicher ob ich durch den Mecklenburgischen Mückenplagen durchkämpfen möchte. Auch in Deutschland ist Sonne nicht garantiert.
byxelkrok 10.10.2013
4. Das entschleunigt wirklich
Dieses Jahr in Nordengland (leider nur) eine Woche ausprobiert. Es war die erste aber bestimmt nicht die letzte Narrowboat-"Erfahrung". Man tuckert schön durchs Land und kann trotzdem auch mitten in Städten festmachen, so zentral, wie man sonst keinen Stellplatz für das Auto finden würde. Was nützt mir Deutschland, wo die Menschen unentspannt sind, was Frankreich, dessen Sprache ich nicht beherrsche. Zudem ist das Wetter in England besser als sein Ruf. Das Kanalsystem ist eine Reminiszenz an die Zeit, in der uns England industriell noch voraus war. Wer sich intensiv an den rein mechanisch betriebenen Schleusen betätigt, braucht keine Muckibude mehr. Ein zeitgemäß neu gebautes Narrowboat kann allerdings auch bis sechsstellig kosten. Jedenfalls ist diese Urlaubsform absolut zu empfehlen.
FairWinds 10.10.2013
5. Just Fun & Birtish Lifestyle pur ...
Narrowboat fahren ist Kult und ist ein perfekter Familienurlaub! Wir lieben diese Mischung aus easy-going und Fitness, englischen Landschaften und dem Besuch szeniger Metropolen und können es nur jedem empfehlen. Wer sich für solch einen Urlaub interessiert, kann sich gene mal bei uns auf der Website umschauen - wir bieten Narrowboat-Touren mit deutschem Vertrag an und geben umfassend Tipps! www.FairwindsYachtcharter.de Beste Grüße aus Hamburg, A. Bortfeld
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