Kap Arkona Geschichtsreise unter die Erde

Im Inneren von Deutschlands größter Insel Rügen verbergen sich historische Schätze: Bunkeranlagen, vollgestopft mit Fotos und Hinterlassenschaften aus der NS- und DDR-Vergangenheit, laden zur Geschichtsreise ein. Nur wenige Kap-Besucher wissen von dieser Unterwelt.

So kennen Rügen-Besucher das Kap Arkona: Schon von Putgarten aus sind die zwei Leuchttürme und der ehemalige Marine-Peilturm zu sehen. Dass dieser Ort auf der Halbinsel Wittow ganz im Norden Rügens einst für das Militär von großer Bedeutung war, beweisen in direkter Nachbarschaft der Türme zudem zwei Bunker. Der kleinere und ältere stammt noch aus Wehrmachtszeiten, der größere und neuere entstand von 1979 bis 1986.

Nur wenige Kap-Besucher wissen von dieser Unterwelt, die auch im Winter besichtigt werden kann: Mehr als die Hälfte der Anlagen sind durch das Engagement eines Fördervereins inzwischen in einen öffentlichen Ausstellungsraum verwandelt worden.

Kap Arkonas Unterwelt ist rund 2000 Quadratmeter groß und besteht aus drei großen und neun kleinen Bunkern, die durch einen Gang verbunden sind. Seit dem 3. Oktober 1990 ist die Militäranlage stillgelegt. "In dem 76 Meter langen Gang zeigen wir eine Fotoausstellung", sagt Sigrid Pötsch vom Förderverein Kap Arkona. "In einem der kleinen Bunker wird die Geschichte der 6. Flottille, dem Schnellbootverband der Volksmarine, erzählt." Orden, Flaggen, Warnschilder, Gasmasken, aber auch Karten und Literatur gehören zur Ausstellung. Fundstücke wie alte rote Telefone und Funktechnik aus dem ehemaligen Nachrichtenbunker können Besucher ebenfalls sehen.

Keramikkunst im Marine-Peilturm

Die strategische Bedeutung des Kaps hatten nicht erst Wehrmacht und DDR-Marine erkannt: Als Deutschlands größte Insel im Jahr 1815 von Schweden an Preußen abgegeben wurde, rieten pommersche Kaufleute wegen der gefährlichen Untiefen am Kap Arkona zur Errichtung von Leuchtfeuern.

1827 wurde an der Stelle einer ehemaligen Leuchtbarke ein Leuchtturm nach Entwürfen von Karl Friedrich Schinkel erbaut. Er gilt als eines der ältesten Leuchtfeuer an der Ostseeküste. 1902 kam dann der neue Leuchtturm dazu. Der ehemalige Marine-Peilturm entstand schließlich 1928 in Ziegelbauweise und diente als Seefunkfeuer. Auch der Peilturm ist heute ein Museum. Von seiner Plattform können die Besucher den Blick auf das Kap, die Ostsee und die Kreidefelsen genießen.

"Die meisten Ausstellungsstücke, auch in den Bunkern, stammen von der Ostseeinsel Rügen. Teilweise sind es Leihgaben, andere hat der Förderverein gekauft", erzählt Sigrid Pötsch. Im Frühjahr werden neue Exponate erwartet: "Die Ausstellungen wachsen ständig." Weitere Räume befinden sich im Marinesignalhaus. Dort ist noch bis März die Exposition "Junge Keramik" von Künstlerinnen aus Rügen zu sehen.

Ziel des Fördervereins ist die Erhaltung der Museen sowie des "Flächendenkmals Arkona". Er hat von der Gemeinde die ehemalige Matrosenbaracke, den Marineführungsbunker, die Nebelsignalstation und das Werkstattgebäude mit den Außenflächen gepachtet. Zudem betreut er die Ausstellungen zur Seenotrettung an der deutschen Ostseeküste sowie zur Geschichte des "Flächendenkmals", zu dem neben den Bunkern auch die Reste der slawischen Jaromarsburg aus dem sechsten Jahrhundert gehören. Der "Schinkel-Leuchtturm" dient heute auch als Standesamt, in der Nebelsignalstation gibt es ein Künstlerhaus mit Galerie.

Atombombensicherer Touristenmagnet

Die Idee vom "Flächendenkmal Arkona" ist der Versuch der Gemeinde Putgarten und des Fördervereins, ein ehemaliges Militärgebiet sinnvoll zivil zu nutzen, ohne die Geschichte des Ortes zu vergessen. Denn heute kommen die Touristen nicht nur, um durch die Natur der Steilküste zu wandern, sondern auch, um unter der Erde eine Reise in eine Zeit zu erleben, als dieses Stück Land für Urlauber tabu war.

"Natürlich ist Mecklenburg-Vorpommern gewöhnlich für lange Sandstrände und Ostseewellen bekannt", sagt Tobias Woitendorf, Sprecher des Tourismusverbandes Mecklenburg-Vorpommern in Rostock. "Dennoch freuen wir uns auch über solche Initiativen. Sie wenden sich an Urlauber mit einem Spezialinteresse an der DDR-Geschichte."

Woitendorf weist auch auf ein weiteres Ziel dieser Art hin: den letzten zu DDR-Zeiten errichteten Bunker in Eichenthal. Dort hatte die Nationale Volksarmee einst die "Troposphären-Funkstation 302" errichtet, eine von drei atombombensicheren Nachrichtenzentralen in der DDR. "Solche Orte sind in unserem Land von historischer Bedeutung. Oft rücken sie erst durch das Engagement von Vereinen oder Privatpersonen ins Blickfeld des Urlauberinteresses", so Woitendorf.

Katja Müller, dpa