Kinder-Skikurs in St. Anton Der Stemmbogenkurvenkrieger

Es fährt! Zum ersten Mal steht das Kind auf Skiern. Und auch Papa lernt einiges. Dass Schneepflug heutzutage Pizza heißt, zum Beispiel. Und Parallelschwung? Pommes, ist doch klar.

TVB St. Anton am Arlberg / Wolfgang Ehn

Von Thomas Heinloth


Jetzt also Pistenraupenfahrer. Normalerweise sind Berufswünsche eines Fünfjährigen flüchtig wie die Eisblumen an unserem Pensionsfenster in der Morgensonne. Diesmal aber scheint es ernst zu sein. "Papa", seufzt er, "das ist das Coolste vom Coolen".

Am Vortag saß er tatsächlich oben auf dem Pisten-Bully, einer faszinierenden Kreuzung aus Monstertruck und Weihnachtskutsche, berauscht von Dieselschwaden und dem Pulverschnee. "Der Luca", sagt er, "durfte sogar mal richtig lenken."

Dabei sollten sie doch eigentlich auf eigenen Kufen Kurven fahren. Sieben Pistenritter aus dem Geschlecht "Absolute Beginners" in bonbonfarbenem Rüstzeug, Ski- und Schicksalsgemeinschaft für eine ganze Woche und das erste Mal auf Brettern. Auch für meinen Sohn eine Premiere.

"Papa, ich muss Skifahren lernen", hatte er verkündet, im Hochsommer, an einem Badesee, und schließlich ein Versprechen ertrotzt, das nicht so leicht zu halten ist. Welcher Winter ist denn noch kalkulierbar und fügt sich geschmeidig in ein eng getaktetes Kinder-Ferienjahr?

Wir versuchen es also mit St. Anton kurz hinter der österreichischen Grenze. Der Ort unterhalb des Arlbergs, auf 1300 Metern, soll eines der schneesichersten Skigebiete der Alpen sein - zur Not auch dank seiner fast flächendeckenden Beschneiungsanlagen. Nach einer langen Fahrt durch matschbraunes Deutschland unter bleigrauem Himmel präsentiert sich St. Anton tatsächlich als Winterwonderland.

"Aus der Bahn!"

Auf dem dunkelroten Zwiebelturm der Kirche liegt eine mächtige weiße Haube, der ganze Ort glitzert wie der Lieblingsflummi meines Kindes. "Wiege des alpinen Skilaufs" - mit diesem Titel schmückt sich der Ort, seit 1908 gibt es hier Kurse, seit 1921 die Skischule Arlberg, die für sich reklamiert, die älteste der Welt zu sein. An die Anfänge erinnern sepiafarbene Fotos von gestrengen Alpinisten in Wollzeug und auf Vollholzbrettern. Heute ist der Betrieb eine Skifahrlernmaschine mit rund 400 Lehrern.

Für die Großen gibt es Personal Trainer, für die Kleinen den "Kiki Club". Ein Hase in Skistiefeln heißt uns willkommen, und dann ist da Jack: Neuseeländer, Piercing, Zahnlücke und Ziegenbärtchen, der Mann, der meinem Sohn das Fahren beibringen soll. "Gimme five", sagt er. Mein Kind schlägt ein.

Ein paar Worte Theorie, ein letzter Check an Helm und Bindung, dann hat mein Sohn seinen ersten alpinen Auftritt. Wie ein Pinguin in viel zu großen Schuhen stakst er durch den Schnee, gleitet wackelig die ersten ein, zwei, drei, vier Meter, fädelt den rechten Ski hinter der linken Ferse ein, sortiert ihn wieder aus, gewinnt rasch an Fahrt, brüllt lauthals "Aus der Bahn!", umrundet sportlich ein Indianer-Tipi, dann brettert er am Hangende ungebremst in Jacks Meniskus. Und lacht sich scheckig.

Zeit also, das Feld zu räumen und sich selbst Richtung Piste aufzumachen. 340 Kilometer Abfahrten gibt es, 97 Lifte und heute gut 2,50 Meter Schnee - ein alpines Skifahrerparadies, auch für Eltern. Das war der Plan: den Buben morgens in die Obhut eines Profis geben, um ihn dann spätnachmittags wieder in Empfang zu nehmen, einen bettfertigen Fünfjährigen, der handzahm in die Heia geht.

Was aber bettelt das Kind, als es sich, so gegen drei, mit roten Backen und Highfive von Jack verabschiedet? "Papa, lass uns noch ein paar Mal fahren." Dass man selbst schon Pudding in den untrainierten Beinen hat, ist kein Gegenargument. Gut also, dass eine Stunde später Liftschluss ist, endlich, und der kleine Skifahrer an meiner Seite im breitbeinigem Abfahrerschritt zum Skidepot marschiert, um dort routiniert seine Bretter einzustellen.

Pizza-Style und Pommes-Schwung

So geht das eine Woche. Ich am Sessel- und das Kind am Tellerlift, er mit Kriegsbemalung zum Indianertag, ich mit Sonnenbrand auf Stirn und Nase. Die Oberschenkel und die Technik machen sich, wir lernen tagsüber, dass Pflug heutzutage Pizza heißt und Parallelschwung Pommes, abends, dass in Österreich Wiener Frankfurter sind und Spinatnockerl eine großartige Spaghetti-Bolognese-Alternative. Wir frühstücken Vinschgerl mit Marillenmarmelade und spazieren anschließend die paar Kehren runter bis zum Skikurstreff, wo sich unsere Wege trennen.

Am letzten Kurstag aber kommandiert Skilehrer Jack seine kleine Gefolgschaft durchs das Drehkreuz an der Talstation. Nach oben geht's zur Kurskrönung: der großen Talfahrt. Dass heute satter, schwerer Nebel überm Berg liegt und man an der Bergstation auf 1600 Metern kaum die Hand vor Augen sieht, kümmert weder Jack noch die "Absolute Beginners".

Im Schneetreiben kämpfen sich sieben Neu-Skifahrer talwärts, Stück für Stück, tapfere Stemmbogenkurvenkrieger auf einem kalten Abenteuerspielplatz. Fast zwei Stunden dauert es, bis sie endlich unten sind, atemlos und glücklich. "Der Weltmeisterhang", seufzt mein Kind, "wir sind sogar ein Stück über den Weltmeisterhang gefahren!"

Mein Sohn hat skitellergroße Augen vor Begeisterung. Pistenraupen-Fahrer? Interessant. Er aber wird jetzt doch Weltmeister im Riesenslalom und vielleicht im Super-G.

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insgesamt 21 Beiträge
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Seite 1
hagr 17.11.2015
1. Werbung
Hübsche Werbung! Bei mir wirkts :))) SKIIIII FOARN , jajajajaja
El pato clavado 17.11.2015
2. der Nachwuchs übt
trotzdem Skiunfälle sollten weder von den Privaten noch den Gesetzlichen Krankenkassen übernommen werden,wie alle anderen Risikosportarten auch nicht Zur körperlichen Ertüchtigung und fitness gibt es sanftere Methoden
kastenmeier 17.11.2015
3.
Zitat von El pato clavadotrotzdem Skiunfälle sollten weder von den Privaten noch den Gesetzlichen Krankenkassen übernommen werden,wie alle anderen Risikosportarten auch nicht Zur körperlichen Ertüchtigung und fitness gibt es sanftere Methoden
Was gibt es Sinnvolleres und Gesundheitsfördernderes als sich von solch unfassbarem Unsinn bei einer Schussfahrt auf einer schwarzen Piste zu erholen. Ich kenne übrigens niemanden, bei dem die körperliche Ertüchtigung im Vordergrund eines Skiurlaubes steht. Es geht um den Spaß - ein Begriff, der Menschen, die Kommentare wie Ihren absondern, meiner Erfahrung nach eher fremd ist.
Sibylle1969 17.11.2015
4. Sankt Anton...
... ist beileibe kein Schnäppchenziel. Skiurlaub mit Kindern ist teuer, insbesondere wenn man auf die Schulferien angewiesen ist. In Orten wie Sankt Anton sind nicht nur Skipässe und Unterkunft teurer als anderswo, sondern auch Skiverleih und Skikurs. 300 Pistenkilometer braucht es eigentlich nicht, wenn die Kinder die ersten Gehversuche auf Skiern machen sollen. Das geht auch billiger, gerade in Österreich.
cor 17.11.2015
5. Da bin ich dabei
Zitat von El pato clavadotrotzdem Skiunfälle sollten weder von den Privaten noch den Gesetzlichen Krankenkassen übernommen werden,wie alle anderen Risikosportarten auch nicht Zur körperlichen Ertüchtigung und fitness gibt es sanftere Methoden
Einverstanden. Aber nur unter der Bedingung, dass die Krankenkassen auch die Kosten für die psychische Belastung, die ich beim Lesen von Beiträge wie den Ihren ertragen muss, übernimmt. Was kommt als nächstes? Reduzierung Ihrer KFZ-Steuer, weil die Strassen unter anderem von Freizeitlern benutzt werden, um Spass zu haben? Manche Leute wollen einfach nicht begreifen, dass wir in einer Gesellschaft - im Miteinander - leben. Ich empfehle daher ein Leben als Eremit. Da haben Sie solche Probleme dann nicht.
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