Valle del Jerte in Spanien Kirschen sind ihr Leben

Zwei Millionen Kirschbäume stehen im Valle del Jerte im Westen Spaniens. Wenn es Frühling wird, verwandeln sie das ganze Tal in ein Meer aus Weiß und Rosa. Für die Obstbauern bedeuten die farbenfrohen Blüten weit mehr als nur Arbeit.

TMN

Plasencia - Als Gustavo Izquierdo Elizo im Blütenlabyrinth seines Gartens einen einzelnen Kirschzweig erblickt, schaut der Obstbauer so glücklich auf, als hätte er einen Goldschatz entdeckt. Fast ehrfürchtig wischt er sich die Finger am Kittel sauber und zeigt auf die rosa Blüten, die sich gerade erst aus dem schützenden Knospenmantel gewagt haben. "Eine uralte Sorte", sagt er. "Mein Schwager hat sie mir vergangenes Jahr geschenkt, und ich habe einen meiner ältesten Bäume damit veredelt."

Wenn Ende März bis Mitte April die zwei Millionen Kirschbäume des Valle del Jerte im Westen Spaniens blühen, kann man als Besucher leicht den Überblick verlieren. Die Vielfalt ist beachtlich: Während sich einige Bäume mit kleinen Blüten in Weiß begnügen, recken andere die Köpfchen gleich als Blütenbüschel und in den unterschiedlichsten Rosatönen dem Himmel entgegen.

"Mehr als 200 Sorten bauen wir im Tal an", sagt Izquierdo. Tagsüber pflegen die Bauern ihre Früchte, abends trifft man sich in der Dorfbar und redet - oft über Kirschen, wie er gesteht. "Die bestimmen einfach unser Leben hier. Und manchmal ist es ein richtiger Wettbewerb um die ungewöhnlichsten Sorten."

Kirschblütenduft bis in 1275 Meter Höhe

Wer von Osten, aus Richtung Madrid, anreist, wird mit dem spektakulärsten Ausblick ins Tal belohnt. Lange Zeit führt die Straße fast schnurstracks über die karge, baumlose Hochfläche der Extremadura, über die auch tagsüber noch eine frische Brise weht. Doch dann endet die Eintönigkeit abrupt am Aussichtspunkt von Puerto de Tornavacas: Tief eingeschnitten wie ein Canyon liegt einem das blühende Tal zu Füßen.

Zusammen mit der warmen Luft weht der Kirschblütenduft hinauf bis zum Mirador auf 1275 Metern Höhe. 40 Kilometer weit erstrecken sich tief unten die Blüten. Erst vor den mittelalterlichen Stadttoren von Plasencia ist Schluss. An den höheren Hängen wachsen Eichenwälder, die von den flachen, baumlosen Zweitausendern des Gredo-Gebirges überragt werden. Die Gipfel tragen auch Ende März noch dicke Hauben aus Schnee.

Geschützt durch die Berge gedeiht die Natur im Tal in einem besonderen Mikroklima. Die Winter in den Tieflagen sind vergleichsweise mild, danach sorgt Schmelzwasser bis in den Frühsommer hinein für üppiges Wachstum. Ein uraltes Netz aus Wasserläufen wird gespeist von den Wasserfällen, die tosend durch die steilen Seitentäler hinabstürzen.

Am lautesten donnert es oberhalb des Dörfchens Navaconcejo: Garganta de Nogaledas heißen die Fälle, die hier über drei hohe Stufen gewaltige Wassermassen befördern und sich erst zwischen den Obstgärten beruhigen. Ein Wanderweg führt an den Kaskaden den Berg hinauf.

Theklalerche, Berglaubsänger, Blauelster und Zwergspecht

Die südlichen Hochlagen gehören zum Naturreservat Garganta de los Infiernos, wo es noch Iberische Luchse geben soll, die Miniausgabe der europäischen Großkatze. Wenn unten im Tal die Kirschbäume blühen, kann man hier einer seltenen Piepshow lauschen. Mit etwas Glück zeigen sich dann Theklalerche, Berglaubsänger, Blauelster oder Zwergspecht. Auch ein Blick in den Himmel lohnt: Oft weiten die Mönchs- und Gänsegeier aus dem nahen Nationalpark von Monfragüe ihre Thermikflüge bis über das Valle del Jerte aus.

Wanderer trifft man nur selten. Zwar ist das blühende Tal vielen Spaniern ein Begriff, doch die meisten Besucher bleiben im Auto, mit kleinen Stopps für Fotos. Am Wochenende zeigt sich entlang der Hauptstraße überall das gleiche Bild: Kinder, Familien, Brautpaare vor Blüten. Und hier und da Fernsehteams. Die Kirschblüte ist fast allen Kanälen eine Nachricht wert: Der Frühling ist da, und nirgendwo im Land sieht er so schön aus wie hier!

Am Abend sausen Schwalben durch die engen Gassen von Jerte. Auf der winzigen Plaza vor der Kirche hat man ihnen ein baufälliges Haus überlassen. Durch die offenen Fenster fliegen im Sekundentakt Eltern, um die Schnäbel der Brut mit Insekten zu stopfen. Derweil ist auf dem Kirchturm ein Storchenpaar mit dem Hochzeitstanz beschäftigt. Es gibt so viele in der Gegend, dass es auch in der Altstadt von Plasencia von fast jedem Turm und höheren Hausdach klappert.

Plasencia, Stadt der Störche, Paläste und Tapas

Da es im Valle del Jerte nur wenige Hotels gibt, kann man es den Störchen gleichtun und sich in dem Ort am westlichen Ausgang des Tals ebenfalls eine Unterkunft suchen. Ein Besuch lohnt sich nicht nur wegen der Tapas-Bars. Obwohl schon seit Römerzeiten als Handelsort beliebt, ist Plasencia mit seinen heute 40.000 Einwohnern zwar weniger bekannt als andere Städte der Extremadura wie Mérida oder Cáceres, doch es gibt viel zu sehen, prächtige Adelspaläste der Renaissance, zwei Kathedralen und eine der ältesten Weinkellereien Spaniens.

Ihren Reichtum in früherer Zeit hatte die Stadt seiner Lage an der Via de la Plata zu verdanken, die die Iberische Halbinsel bereits vor 2000 Jahren als gepflasterte Handelsstraße von Süd nach Nord durchquerte. Offiziell gegründet wurde sie im 12. Jahrhundert als wichtiges militärisches Bollwerk bei der Reconquista, der Rückeroberung Festland-Spaniens von den Mauren.

In diese Zeit fällt der Bau der mächtigen Stadtmauer. Ein besonders schöner Aussichtspunkt ist im Garten des Convento de San Vicente Ferrer. Das Kloster aus dem 15. Jahrhundert, das heute ein Hotel beherbergt, steht auch Tagesgästen offen. Zwischen den Zinnen können sie zum Fluss schauen, an dessen Ufer sich am Abend die Störche versammeln. Wenn die tiefstehende Sonne die Dächer Plasencias in goldenes Licht taucht, legt sich ein süßes Frühlingsaroma über die Stadt: Kirschblütenduft aus dem Valle del Jerte.

Dietmar Denger/dpa/emt

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