Kisalföld-Tiefebene in Ungarn Gangschaltung rauf für Göbösmajor

Das Schilf raschelt am Neusiedler See, Neuntöter schnattern leise in den Hecken: Die ungarische Kisalföld-Tiefebene ist ein Paradies für Naturfreunde. Fahrradrouten führen durch Steppe und Städtchen - doch wer das Abenteuer sucht, muss die Wege verlassen. Ein Tourenvorschlag.

Kurt F. de Swaaf

Urlauber, Ungarn, Diplomaten aus Wien - im "Raspi" trifft sich die ganze Welt. Nicht weit von der österreichisch-ungarischen Grenze entfernt liegt der Ort Fertörákos, hier betreibt Jozsef Horvath sein Lokal. Er serviert Lammfilet und Pfifferlinge, Wildschweinbäckchen und eigens gepflückte Waldbeeren. Manchmal geht Horvath mit seinen zwei Trüffelhunden in die Wälder - und bringt mit, was Ungarn hergibt. Hat seine Küche einen bestimmten Schwerpunkt, eine Philosophie? Der Wirt stutzt kurz und breitet die Arme aus. "Wir sind in Ungarn." Was braucht man mehr?

Das "Raspi" ist ein echter Geheimtipp - und Horvath ein Besessener. 1992 übernahm der gelernte Koch das Winzerhaus seiner Eltern, seitdem herrscht beharrliche Strebsamkeit. Mit seinen 21 Hektar Rebfläche will er "den besten Wein der ganzen Welt" produzieren - und er meint das ernst. Nur 25.000 bis 30.000 Flaschen jährlich, aber eben vom Feinsten.

Horvath misstraut so manchem Trend, alles sei heute käuflich, sagt er. "Nur Zeit kann man nicht kaufen." Also nimmt er sie sich. Horvaths Rebstöcke sind mindestens 40 Jahre alt. Im Keller des "Raspi" reifen manche Weine schon seit mehr als fünf Jahren in Holzfässern - auch wenn es heißt, Soproner Weine seien nicht lagerfähig. Horvath ist gut für Überraschungen: Seine Weine schmecken hervorragend.

Das Dorf Fertörákos nahe Sopron ist ein kleiner Touristenmagnet. Weinberge und ein schier endloser Schilfgürtel ziehen sich um den Neusiedler See, der zum größten Teil in Österreich liegt, aber mit seinem südlichen Ende nach Ungarn reinragt. Wir sind weit weg von Balaton und Budapest, Paprika und Puszta.

Schönste Umwege im Kisalföld

Wer von Fertörákos aus mit dem Fahrrad über einige Hügelhänge ostwärts fährt, findet hübsche Dörfer sowie eine gute Infrastruktur für einen Urlaub auf zwei Rädern. Die ausgeschilderten Wege führen rund um den Neusiedler See, dessen Natur- und Kulturlandschaft seit 2001 Unesco-Welterbe ist. Alles ist gepflegt und gut erschlossen - doch wer Neues entdecken will, sollte die offizielle Radlerroute schnell verlassen und sich in die Kisalföld wagen, die Kleine Tiefebene, wie die Ungarn sie liebevoll nennen.

Der Weg führt durch steppenähnliche Landschaften. In Fertöd liegt die letzte offizielle Sehenswürdigkeit. Das im 18. Jahrhundert erbaute Schloss Esterházy zeugt vom ehemals immensen Reichtum des gleichnamigen Fürstengeschlechts. Hier gibt es 126 meist prunkvoll ausgestattete Räume und einen großen Park - Esterházy ist das ungarische Versailles. Heute ist in dem Prachtbau unter anderem eine Landwirtschaftsschule untergebracht. Ein Großteil des Schlosses wird zurzeit noch aufwendig restauriert. Über eine Lindenallee kurvt ein Mini-Zug mit fröhlichen, fein gekleideten jungen Leuten an Bord. Schüler, die den Ferienbeginn feiern.

Hinter Fertöd verläuft eine Route entweder nach Norden, zurück nach Österreich, oder weg von den Touristenströmen, in Richtung Südosten - da wollen wir hin. Das Städtchen Fertöendred ist voller Kirschbäume, am schlickigen Bach singt laut eine Nachtigall. Das Dorf döst in der Mittagshitze, vor dem Haus des Bürgermeisters baumelt eine etwas ausgeblichene EU-Fahne.

Der Weg nach Göbösmajor besteht aus Sand und Schlamm, führt durch verwilderte Wiesen und junge Wälder. An den Pfützen laben sich scharenweise Insekten. Leise summende Bienen sitzen Flügel an Flügel mit bunten Schmetterlingen. Eine faszinierende Vielfalt. Arten wie der Große Schillerfalter, die man in Deutschland eher selten zu Gesicht bekommt, flattern hier gleich zu Dutzenden herum. Ein paar hundert Meter weiter schreckt plötzlich eine ausgewachsene Hirschkuh aus dem Gebüsch hoch und flieht. Menschen hat sie wohl nicht erwartet.

Nach Göbösmajor folgen Kiefern- und Eichenwälder. Doch kurz vor Csapod öffnet sich die Landschaft. Am Rande des Ortes verfallen die Überbleibsel kollektiver Landwirtschaft: Stallgebäude, Lager und ein seltsam futuristisch anmutender Wasserturm. Solche sieht man hier öfter.

Bierbestellung ohne Worte

Die Hauptstraße säumen Walnussbäume. Ein sommerlich staubiger Duft streicht um die Nase. Das nächste Dorf trägt den Namen Pusztacsalád. In der Kneipe stehen ein paar Männer am Tresen beim Bier. Nein, Deutsch oder Englisch spricht hier niemand, der Wirt schüttelt bedauernd den Kopf. "Sör?" Der verschwitzte Radwanderer nickt und zeigt mit seinen Händen die Größe des erwünschten Bierglases an. Gelächter. Kommunikation kann so einfach sein.

Bei Iván steht die Luft, flimmert vor Hitze. Die Nachtigallen scheint das nicht zu stören. Immer wieder hört man im Vorbeifahren ihren Gesang. Auf einem dürren Ast oben in einer Hecke sitzt ein Neuntöter. Der Vogel späht misstrauisch umher - auf Touren wie dieser lohnt sich ein Fernglas im Gepäck. Von Iván aus sind es nur noch wenige Kilometer bis Répcelak, einer kleinen Industriestadt. Hier beginnt das Land der Rába, einem Zufluss zur Donau.

Die Rába schlängelt sich weitgehend naturbelassen durch eine ausgedehnte Ackerlandschaft, an ihren Ufern wächst wilder Auwald. Lajos Bokányi kommt jede Woche mindestens einmal hierher - zum Angeln, seine Leidenschaft. Der pensionierte Maschinenbauer liebt die Natur zu jeder Jahreszeit, erzählt begeistert von den Bibern, die hier wieder heimisch sind. Und dass er Eisvögel dabei beobachtet, wie sie ihren Jungen das Fischen beibringen.

Doch auch in dieser stillen Gegend haben sich die Zeiten geändert. Bokányi berichtet von Tausenden Kühen, die früher hier weideten. Die Region lebte hauptsächlich von der Landwirtschaft. Jetzt haben Franzosen die Käsefabrik in Répcelak übernommen und verarbeiten dort importiertes Milchpulver. Viele Arbeitsplätze gingen verloren, aber durch die Ansiedlung von neuen Betrieben in den Städten wurden diese Verluste wieder einigermaßen ausgeglichen, sagt Bokányi.

Landflucht sei dennoch kein Problem. Die Menschen aus den Dörfern pendeln lieber, als in die Stadt zu ziehen. Die Ungarn, meint Lajos Bokányi, leben gerne auf dem Land, vor allem viele Wohlhabende.

Am Abend versinkt die Sonne in gelbroten Wolkenstreifen. Am Stauwehr von Nick gehen ein paar Urlauberfamilien spazieren. Das Gästehaus der Wasserwirtschaftsbehörde bietet Unterkunft in bequemen Zimmern mit Balkon und Flussblick. Auf der Terrasse eines kleinen Restaurants wird Fischsuppe serviert. Nach Einbruch der Dunkelheit legt sich eine samtene Ruhe über die Landschaft. Die Luft ist lau, die Fenster bleiben weit offen. Ab und zu zieht ein Windhauch durch die Pappeln. Und das Gezwitscher im Wald am gegenüberliegenden Ufer? Eine Nachtigall, natürlich.

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