Klettergebiet Fuchskarspitze Gratwanderung für Alpen-Gourmets

Zum Kraxelvergnügen gibt es hier noch eine Geologie-Lehrstunde: Die Fuchskarspitzen gehören zu den besten Kletterbergen der Allgäuer Alpen. Für Gaby Funk war die selten begangene Überschreitung der Gipfel wie ein mehrgängiges Gourmet-Menü.


Tau überzieht die Wiesen, kühle Morgenluft steht noch im tief eingeschnittenen Bärgündele-Tal, als wir den Bach überqueren und durch den Wald aufsteigen zum Prinz- Luitpold-Haus.

Es duftet nach feuchtem Moos, Pilzen und Moder, nur hin und wieder ist Vogelgezwitscher zu hören, ein leises Rascheln im Gebüsch, ein Knacken oder Knirschen unterm Schuh. Wir genießen den Aufstieg und die bezaubernde Herbststimmung, sind ganz versunken und haben dennoch alle Sinne "auf Empfang".

Erst als uns die Sonne erreicht, werden wir munter und unterhalten uns. Patrick Jost, Bergführer und Leiter der Bergschule Hindelang, mein Nachbar, der Fotograf Gerd Heidorn, und ich sind auf dem Weg zu einer außergewöhnlichen Klettertour in einem der spektakulärsten Winkel der Allgäuer Alpen: zur Überschreitung der Fuchskarspitzen.

Diese technisch leichte Tour, die eigentlich den Ruf hat, brüchig zu sein, interessiert mich schon lange, da mir sowohl sehr gute Sportkletterer als auch Kletteranfänger und "alpine Fossile" begeistert von ihr erzählt haben. Sie muss schon etwas ganz Besonderes sein.

Prächtige Felsformationen über dem Felsenkessel

Schon stehen wir vor dem Prinz-Luitpold-Haus. Auch dort ist es heute still. Diese beliebte Hütte der DAV-Sektion Allgäu-Immenstadt schmiegt sich nicht an einen Kamm und duckt sich auch nicht unter dem alles beherrschenden Hochvogel dahin. Trotzig freistehend ragt sie in diesem Felsenkessel empor, der zu den schönsten Naturschauplätzen der Allgäuer Alpen gehört.

Vor allem durch zwei prächtige Felsformationen: rechts der Wiedemerkopf mit seiner von Bändern durchzogenen, vielfach gefältelten, gequetschten und gebogenen Ostflanke. Und auf der anderen Seite das breite, mehrgipfelige Fuchskarspitz-Massiv, ein sehr vielseitiges Kletterrevier, dessen steile Westflanke ebenfalls mit einer wunderschönen Fältelung glänzt.

Anschaulicher kann keine Geologie-Lehrstunde über Gebirgsfaltung sein. Und nirgends wird einem in den Allgäuer Alpen so deutlich gezeigt, welche gewaltigen mechanischen und thermischen Kräfte einst gewirkt haben müssen, damit diese Kunstwerke der Natur entstehen konnten.

Bei Andi Berktold und seinem Team werden wir auf jeden Fall nach Beendigung der Tour gemütlich einkehren. Jetzt zieht’s uns weiter Richtung Hochvogel. Unterhalb der Wegverzweigung Balkenscharte / Kreuzspitze bleibt Patrick stehen und erklärt die Route: Wir steigen nicht wie üblich von der Balkenscharte über die Ostflanke und den Südgrat zum Gipfel der Südlichen Fuchskarspitze, sondern über den Westgrat.

Diese Route sei interessanter, der Fels kompakter und mit der Schlüsselstelle IV– etwas schwieriger als die "klassische" Route, verspricht Patrick. Wir queren ins steile, weglose Schrofengelände, erreichen aufsteigend den Einstieg und krabbeln durch die linke von zwei markanten Rinnen hinauf zur Scharte am Westgrat. Der Fels ist angenehm kühl und griffig, Freude an der Bewegung steigt auf, ruckzuck stehen wir oben am Grat. Neben der Scharte eine Wand, dicht gefolgt von einem steilen, frei stehenden Zahn – der Zwischenraum ideal zum Hinaufspreizen.

Seillänge um Seillänge zum Gipfelkreuz

Die Felskomposition erinnert an Motive aus dem Alpinismus des 19. Jahrhunderts und an Bilder aus dem Montblanc-Massiv des berühmten Bergführers Gaston Rébuffat. Das reizt zum Spielen: Patrick spreizt hoch, es sieht klasse aus, doch er schimpft über die elende Brüchigkeit und steigt wieder ab. Wir lenken unseren Spieltrieb nun auf die Route, die vor uns liegt: In leichtem Gelände (II+) geht’s hinauf in eine Nische und über einen mit Bohrhaken abgesicherten Riss in bestem Fels über die bauchige Schlüsselstelle (IV–)hinweg zum zweiten Absatz.

Dann weiter, Seillänge um Seillänge bis zum Gipfelkreuz der Südlichen Fuchskarspitze. Ich bin hellauf begeistert: Wir sind ganz allein am Berg, was den ganzen Tag so bleiben wird.

Über uns wölbt sich ein strahlend blauer Himmel, das ganze Ambiente wirkt wild, einsam, rau und schön. Alle Drei strahlen wir um die Wette. Ich blättere im Gipfelbuch:

Über Jahre hinweg relativ wenige Eintragungen, einige Bekannte von mir waren hier, darunter auch Gaby Hupfauer, die erste Deutsche, die auf drei Achttausendern stand. Immer wieder taucht der Name Kristian Rath auf – im Sommer und im Winter, meist allein. Rath hat zusammen mit Tobias Burger den Wander- und Kletterführer rund ums Prinz-Luitpold-Haus verfasst und seit den 90er-Jahren zahlreiche Routen hier saniert.

Alpines Menü für Wander-Gourmets

Er hat auch die Haken an den Standplätzen und die Abseilringe bei dieser Überschreitung gesetzt. Nur an den wichtigsten Stellen, nicht zu viel – so bleibt die Lust oder Last des Legens eigener Sicherungsmittel, was hier überhaupt nicht schwer fällt, aber Vorsicht und Umsicht verlangt.

Während wir die Route nach der 15-Meter-Abseilstelle vom Südgipfel über den schmalen Kamm und einen weiteren Zacken Richtung Madonna fortsetzen, erzählt Patrick, dass er diese Tour wegen des einzigartigen Ambientes öfter mal allein mache. Ich bin völlig überrascht darüber, dass sie gar nicht so brüchig ist, wie ich erwartet hatte.

Auf Anhieb fallen mir mehrere klassische Routen ein, die um einiges brüchiger sind. Bei der Rast auf der Nördlichen Fuchskarspitze bin ich nur noch am Schwärmen über diese Tour, die auf mich wie ein mehrgängiges Menü der jungen Wilden wirkt.

Der schöne Zustieg ist das Amuse-Gueule. Zur Vorspeise gibt’s einen herzhaften alpinen Einstieg. Die Schlüsselstelle und die Wandkletterei in bestem Hauptdolomit sind ein appetitanregendes Entremets, gefolgt vom Hauptgericht des gezackten, luftigleichten Grats mit dem weiten Rundumblick und dem exponierten Gehgelände. Nie langweilig.

Ständig gibt’s irgendwelche Überraschungen. Mal ist es eine spezielle Passage, dann der gruselig-schöne Tiefblick in einen Kessel. Oder der Blick zum Gipfelaufbau des Hochvogel oder zu den anderen Zacken all der Bergketten, die sich eine nach der anderen aufreihen zur großen Parade.

Und jetzt freue ich mich aufs Dessert: eine herrliche Komposition aus dem leichten, kurzen Abstieg zur Hütte, einer fruchtig-anregenden Einkehr und dem Abstieg ins Tal, der das ganze Menü beschaulich abrundet.

Insgesamt also ein Festschmaus für alpine Genießer mit der perfekten Mischung aus Salz auf der Haut, Sonne im Gesicht, Glanz in den Augen und Jubel im Herzen.



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