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12. April 2017, 06:00 Uhr

Klettergebiete in Europa

Wo es im Frühling an den Felsen geht

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Raus aus der Halle, ran an den Felsen: In einigen Teilen Europas können Sie an Ostern schon im T-Shirt klettern. Wir stellen die schönsten Klettergebiete zwischen Ägäis und Atlantik vor.

Die Hände mit Hornhaut und Schwielen überzogen, die Haut blass, dafür aber klappt endlich der einarmige Klimmzug. Viele Kletterer haben die Wintermonate in der Halle trainiert, um fit zu bleiben - und sich auf die Outdoor-Saison vorzubereiten. Nun ist der Frühling da, und es heißt endlich wieder: raus an den Felsen.

In vielen südlichen Klettergebieten Europas kann beinahe das ganze Jahr über geklettert werden. Doch während die Sommermonate oftmals zu heiß sind und der Winter zu feucht ist, sind Temperaturen und Felsqualität in den Wochen um Ostern meist ideal. Wir stellen einige der schönsten Klettergebiete vor:

Griechenland: Der populärste Spot in Europa

"Es ist aber kein zweites Kalymnos..." - dieser Satz fällt häufig in der Kletterszene. Denn immer wieder werden Klettergebiete mit der griechischen Insel in der Ägäis verglichen und schneiden dabei meist schlechter ab. Kalymnos ist der wohl populärste Kletterspot in Europa, und in der Hochsaison wird die Insel von Sportlern regelrecht überlaufen.

Zahlreiche, gut abgesicherte Routen in den unteren Schwierigkeitsgraden erleichtern den Einstieg für Anfänger. Die Sintersäulen und extremen Überhänge der berühmten "Grande Grotta" locken Fortgeschrittene an. Die Anreise nach Kalymnos ist jedoch ein wenig umständlich und nicht gerade günstig: Es gibt keine Direktflüge, man reist von der Urlaubsinsel Kos oder von Athen aus mit der Fähre an.

Leichter zu erreichen ist das neuere Klettergebiet Leonidio auf der Peloponnes-Halbinsel. Und siehe da: Dem noch recht unerschlossenen Gebiet wird in der Kletterszene ein "Potenzial wie Kalymnos" nachgesagt.

Frankreich: Die "Wiege des Boulderns"

Rund eine Stunde südlich von Paris befindet sich ein magischer Ort: der Wald von Fontainebleau, genannt "Die Wiege des Boulderns". Jeder, der bouldert, sollte einmal mit geschulterten Crashpads durch die ruhigen Kiefernwälder gestreift sein, auf der Suche nach dem perfekten Felsblock. Und davon gibt es viele in Fontainebleau.

Rund 10.000 bis 20.000 erschlossene Boulder aus grauem Sandstein liegen in dem etwa 25.000 Hektar großen Gebiet - teils mitten im dichten Wald, teils eingebettet in feinen, weißen Sand. Die optimale Zeit ist von Oktober bis April, denn die Griffigkeit des Felsens ist bei niedrigeren Temperaturen besser. Im April ist die Wahrscheinlichkeit dazu recht hoch, ein paar wärmere Sonnentage abzubekommen.

Doch natürlich gibt es in Frankreich nicht nur die kurzen, kraftvollen Boulderprojekte, sondern auch die langen Ausdauerrouten: Unter dem Gipfel des Mont Blanc erstrecken sich zahlreiche Sportklettergebiete im Tal von Chamonix. Rotgelber, griffiger Granit, sonnige Wände und sehr gut abgesicherte Alpintouren ziehen Kletterer aus der ganzen Welt an. Mit maximal 15 Grad Celsius ist es hier im April jedoch noch etwas frisch. Dann doch besser auf die französische Mittelmeerinsel Korsika mit ihrem mediterranen Klima.

Deutschland: Mit etwas Glück verzieht sich die Nebelsuppe

Hartgesottene haben sich auch in der kalten Jahreszeit nicht abschrecken lassen und sind zum Klettern ins Frankenjura oder in den Harz gefahren. Doch so richtig attraktiv sind die eiskalten Felsen und das regnerische Wetter im Winter nicht. Im Frühling verzieht sich die Nebelsuppe in den deutschen Klettergebieten allmählich.

Die besten Chancen auf sonnige Felswände hat man wohl in der Fränkischen Schweiz. Zwischen Bamberg, Nürnberg und Bayreuth erstreckt sich eines der größten Klettergebiete Europas mit insgesamt mehr als 7000 Routen. Flach und steil, Löcher und Leisten, leicht und schwer - hier ist für jeden etwas dabei.

Spanien: Kletterprominenz trifft Freizeitsportler

Mit mehr als 300 Sonnentagen im Jahr gibt es in El Chorro in Andalusien quasi Schönwettergarantie. Im Frühjahr gibt es zu den perfekten Bedingungen auch noch frische Orangen und Avocados.

Das nördlicher gelegene Gebiet Siurana in Katalonien ist in der Kletterszene nicht minder beliebt - jedoch eher bei den Fortgeschrittenen. Eine der berühmtesten Routen Spaniens "La Rambla" (Schwierigkeitsgrad 9a+) wurde hier vom Extremkletterer Alexander Huber 1994 erstbegangen. Seitdem gilt sie als Meilenstein der Sportklettergeschichte und zieht die Kletterelite aus der ganzen Welt an.

Die Kanareninsel Teneriffa ist unter Urlaubern vor allem für ihre Wanderwege und die schönen Strände bekannt. Doch in den Schluchten und Tälern auf der Südostseite der Insel versteckt finden sich auch abwechslungsreiche Sportkletterrouten. In vielen davon wurde jedoch mit Bohrhaken gespart. Wer keine Keile und Klemmen zum Selbstabsichern mitschleppen will, sollte sich da vielleicht besser im Deep Water Solo versuchen. Bei dieser nicht ganz ungefährlichen Sportart klettert man ungesichert aus dem Wasser oder einem Boot heraus die Klippen hinauf, bis man nicht mehr kann oder will. Dann springt man ab - und landet im Meer.

Italien: Alpen versus Inselfeeling

Wenn man an Berge und Italien denkt, kommen einem natürlich erst einmal die Alpen in den Sinn. Und ja, in den Dolomiten, in den Tälern Valtellina und Valchiavenna und in Mello finden sich die großen Wände mit Mehrseillängentouren von bis zu 800 Metern. Doch im April kann es in den norditalienischen Alpen noch empfindlich kalt sein. Selbst im Outdoor-Paradies Arco am Gardasee ist das Wetter um Ostern herum noch sehr unbeständig.

Da lohnt es sich schon eher, im April die Mittelmeerinseln Sizilien und Sardinien zu erkunden: In mediterranem Klima kann man hier meist direkt vom Strand losklettern.

Malta und Gozo: Einfache Routen in spektakulärer Klippenlage

Noch nicht so bekannt und daher ein echter Geheimtipp ist Malta, insbesondere die vorgelagerte Insel Gozo. In spektakulärer Klippenlage findet man hier auch in den einfacheren Schwierigkeitsgraden Routen direkt am türkisblauen Meer. Die hellgrauen überhängenden Kalkfelsen eignen sich auch hervorragend für Deep Water Solo.

Bulgarien: Günstige Preise und traditionsreiches Klettern

Bulgarien hofft auf einen Rekordsommer und ist vor allem bei jüngeren Leuten als günstiger Gegenentwurf zu Ibiza beliebt. Doch auch abseits des Partyrummels lohnt sich ein Ausflug in das Schwarzmeerland. Denn das größte und traditionsreichste Klettergebiet wartet am Fuße des Balkangebirges.

Vratza ist in der westeuropäischen Kletterszene nur wenigen ein Begriff, dabei bietet der Spot neben sehr langen Mehrseilrouten auch gut abgesicherte Sportkletterrouten in allen Schwierigkeitsgraden. Hauptsächlich aber ist Vratza der Ort in Europa für traditionelles Klettern, auf Englisch: Trad Climbing. Mobile Sicherungen, wie etwa Klemmen und Keile, werden in Felsspalten und -risse gelegt. Das schont den Felsen, der so frei von Bohrhaken bleibt.

Türkei: Familiäre Kletteratmosphäre unweit von Antalya

Wenn es um dreidimensionales Klettern mit schönen Sinterstrukturen, Überhängen und griffigem Sandstein geht, hat die Türkei eine Antwort: Geyikbayiri. Rund 25 Kilometer vom Touristenort Antalya entfernt liegt ein Areal, das Kletterherzen höher schlagen lässt - und noch dazu den Geldbeutel schont. Nach Antalya kann man von unterschiedlichen Flughäfen in Deutschland schon für rund 100 Euro fliegen, die Unterkünfte vor Ort sind preisgünstig und familiär.

Kroatien: Zwei Schluchten voll Glück

Im Velebit-Gebirge in Kroatien ist schönes Wetter im Frühling und Sommer quasi garantiert. In den zwei großen Schluchten im Paklenica Nationalpark machen anspruchsvolle Mehrseillängentouren, Trad-Climbing-Routen und Boulderblöcke am Fuße des Anica Kuk Kletterer aller Disziplinen glücklich. Das Gebiet ist allerdings nicht ganz einfach zu erreichen und meist mit einer kurvenreichen Fahrt über die adriatische Küstenstraße verbunden.

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