Klettern in Süditalien Am Fels des unbeweglichen Esels

Erst den Fels hochkraxeln, dann im erfrischenden Meer abkühlen: Im Cilento in Süditalien hat ein Pilot eine Kletterroute direkt am Strand eingerichtet. Nicht jeder Einheimische kann Enrico Positanos Begeisterung verstehen.

Barbara Schäfer

Von Barbara Schaefer


Eigentlich ist Enrico Positano Pilot. Vor sechs Jahren saß er im Flieger in Richtung USA - privat, nicht beruflich. Froh, das Flugzeug mal als Passagier zu erleben, zappte er sich durchs Bordprogramm und landete bei einem Dokumentarfilm über das Yosemite Valley in Kalifornien. Da war ein junger Kletterer zu sehen, der auf einer schmalen Leiste in einer Felswand stand - ungesichert.

Positano war fasziniert. Ihm fiel wieder ein, wie er als Jugendlicher bei Palinuro in den Felsen am Meer herumgekraxelt war. "Das war alles 'free solo'", sagt er. Nur dass er und seine Freunde damals nicht gewusst hatten, dass das so heißt. Das war in den Achtzigerjahren, als Kletterer mit atemberaubenden Fotos für Aufsehen sorgten.

Doch Enrico Positano hatte sich damals nicht weiter für den Sport interessiert. "Das waren Hippies, das war nicht meine Welt", sagt der heute 45-Jährige. Wenn er Deutsch spricht, hört man ein gepflegtes Bayerisch. Er war 16 Jahre alt, als seine Familie von Süddeutschland zurück in den Cilento ging, in den Süden Italiens.

Klippen über dem Meer

Im südlichen Cilento zeigt sich die Landschaft von ihrer schroffen Seite. Felswände ragen senkrecht aus Wiesen empor, steigen direkt am Meer in die Höhe. Spektakuläre Felsformationen wie der Arco Naturale bei Palinuro zählen zu den Sehenswürdigkeiten der Region, im Meer davor dümpeln Boote und Yachten. Und Kletterer nutzen die Klippen als Abenteuerspielplatz.

Als Enrico Positano von diesem USA-Flug nach Italien zurückkam, rief er Oreste Bottigliere an, der im Cilento und an der Amalfiküste Kletterrouten in den Felsen einrichtet. Seither fährt er an freien Tagen ans Meer. Nicht zum Bootfahren, nicht zum Sonnenbaden - sondern zum Klettern.

Auf dem Weg zum Meer fährt Positano erst noch ins Mingardo-Tal, vorbei am verlassenen Dorf San Severino di Centola, in Richtung Strand. Dort gebe es eine "super Nordwand", sagt der italienische Bayer, "da scheint nie die Sonne rein". Was ansonsten eher abschreckt, ist hier ein Vorteil. Denn in Felswänden, in die die Sonne im Sommer des Südens reinknallt, ist an Klettern kaum zu denken.

Während Positano die Vorteile der Nordwand preist, spaziert ein alter Mann die Straße herauf. "Buona sera, signore", grüßt Positano ihn freundlich. Ah, der Kletterer, sagt der Alte. Er trägt eine Jeans mit großen Flicken, ein kariertes Wollhemd und eine Baskenmütze. Ob man heute wieder klettern wolle, fragt er und sieht zum Felsen hinüber. Wir schauen nur, sagt Positano.

Ein Streifen Strand und senkrechte Felswände

Vor sechs Jahren sind Oreste Bottiglieri und Positano wochenlang jeden Tag zum Strand gekommen, um im Fels die Routen einzubohren. Sportkletterer sichern sich an sogenannten Bohrhaken, diese werden in die Wand zementiert. Dafür ließen sich Bottiglieri und Positano von oben an Seilen in die Wand herunter.

Der Alte hatte sich das angesehen, kopfschüttelnd. Wer bezahlt euch denn für diese Arbeit, fragte er. Ihm jedenfalls sei es in seinem ganzen Leben nie in den Sinn gekommen, diese Wand, die er seit seiner Kindheit kennt, hochzuklettern.

Kletterrouten tragen Namen, manche sind selbsterklärend, manche versteht kein Mensch. So heißt eine Route in dieser Wand "Il ciuccio immobile", der "unbewegliche Esel". Weil die ganze Zeit, als sie mit dem Bohrhammer lautstark zugange waren, der Esel des alten Mannes unbeweglich am Fuß der Wand stehen geblieben war.

Um zu den Kletterwänden am Strand Isca delle donne von Palinuro zu gelangen, spaziert man auf sandigen Wegen durchs Gestrüpp. Flipflops verhaken sich in Wurzeln, Äste piksen in Waden. Von einer kleinen Anhöhe sieht man das Meer, einen schmalen Streifen Strand und dahinter senkrechte Felswände. Heller Kalk, durchzogen von dunkleren Streifen, ein Überhang, Risse, die schräg nach oben verlaufen. Alles, wovon Kletterer träumen.

Der Vater klettert, die Kinder spielen

Enrico Positano wirft seinen Rucksack auf den Boden, packt Klettergurt, Seil und Karabiner aus. Ein Boot schippert heran, bringt Urlauber an den Strand, nach zwei Stunden werden sie wieder abgeholt. Eine junge Familie aus Bergamo kommt dazu. Der Mann hat im Internet von dieser Klettermöglichkeit gelesen - "so praktisch am Strand, meine Frau und die Kinder halten es hier stundenlang aus". Er steigt mit Positano in eine Route ein, das Geklimper der Karabiner klingt am Strand entlang.

Später begrüßt Positano freudig ein junges Paar aus Neapel: die Hippies von heute. Die Frau hat die Oberarme tätowiert, trägt eine Schlabberhose und die langen Locken offen, ein Haarband hält ihr die Mähne aus den Augen. Sie klettert besser als ihr Freund und steigt vor, der gefährlichere, anspruchsvollere Part in diesem Sport. Sie haben nicht nur Kletterzeug dabei - sie wollen am Strand zelten.

Beim Klettern haben alle die Zeit aus den Augen verloren. Man packt schnell zusammen, die Kinder stolpern den holprigen Weg zurück zum Parkplatz. An den Händen der Kletterer klebt Magnesium. Sie werden noch bis in die Nacht hinein von Touren und Routen reden. "Ciao ciao", bis morgen dann.

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