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Klosterrepublik Athos: Der heilige Berg als Zuflucht

Foto: © Grigoris Siamidis / Reuters/ REUTERS

Griechische Mönchsrepublik Athos Krisenflucht ins Kloster

Frauen müssen draußen bleiben, nur eine Nacht pro Kloster ist erlaubt: Mit diesen Regeln zieht die autonome Mönchsrepublik Athos im Nordosten Griechenlands seit Jahrhunderten orthodoxe Pilger an. Wegen der Finanzkrise ist der Andrang so groß wie lange nicht.

Der Morgen auf dem Heiligen Berg beginnt mit lauten Schlägen. Ein Mönch steht vor der Klosterkirche von Agiou Andrea und hämmert auf ein Stück Holz. Simantron nennt sich das mittelalterliche Schlaginstrument. Es ist der Weckruf für den ersten Gottesdienst des Tages. Eilig huschen einige schwarz gekleidete, bärtige Männer über den Hof. Es ist vier Uhr morgens und stockdunkel, in der Luft liegt Zikadengerassel.

In wenigen Minuten werden in Agiou Andrea die Öllampen entzündet. Das Chorgestühl ist bis auf den letzten Platz besetzt. Hinter den singenden, psalmodierenden Mönchen sitzen die Pilger. Griechen, Russen, Rumänen. Sie haben ein paar Stunden auf kargen Pritschen geschlafen, auf Strom und warmes Wasser verzichtet und sich die Nacht über mit Mücken herumgeschlagen.

In Agiou Andrea ist kein Luxus zu erwarten. Aber dafür ist auch keiner gekommen. "Ich bin hier, um mich von meinen Sünden rein zu waschen", sagt Ilie, ein junger Rumäne, der in Deutschland lebt, "hier sind wir dem Himmel so nahe wie nirgendwo sonst." Nikos, ein griechischer Geschäftsmann ist im Kloster, um zu sich selbst zu finden: "Einfach abschalten, meditieren, die materielle Welt vergessen."

Der Heilige Berg von Athos: ein Sehnsuchtsort für orthodoxe Christen. Eine Halbinsel im Nordosten Griechenlands, knapp 350 Quadratkilometer groß, dicht bewaldet, felsig, fast menschenleer. Der Legende nach soll hier die Jungfrau Maria an Land gegangen sein, auf ihrem Weg nach Zypern und von der Schönheit des Ortes überwältigt. Gott habe ihr daraufhin den Berg als Geschenk vermacht. Und weil der sogenannte Garten der Jungfrau Maria nur der "reinsten aller Frauen" gewidmet sei, dürfen ihn andere Frauen nicht betreten. So begründen es jedenfalls die Mönche, die den Athos seit dem 10. Jahrhundert als autonome Klosterrepublik regieren. Selbst weibliche Tiere haben keinen Zutritt, mit Ausnahme von Katzen.

Leben nach dem Julianischen Kalender

Wann immer EU-Beamte versuchten, gegen das Frauenverbot vorzugehen, verwiesen die Mönche auf über 1000 Jahre alte byzantinische Schriftstücke, die ihnen bis in alle Ewigkeit Souveränität versprachen. Von der Außenwelt läßt man sich auf dem Heiligen Berg nichts vorschreiben - von der Europäischen Union erst recht nicht. Die Mönche leben in einer anderen Zeit. Noch immer werden die Namen byzantinischer Kaiser beschworen, noch immer gilt der Julianische Kalender.

In Dafni, dem einzigen Hafen des Athos, weht neben der griechischen auch die Flagge des vor 559 Jahren untergegangenen Byzantinischen Reiches. Es ist diese trotzige Abkehr von der Außenwelt, die viele Pilger fasziniert. Doch neuerdings kommen nicht nur die Frommen. Viele Griechen entdecken den Athos als Ort, an dem sich wunderbar die Krise vergessen läßt.

Die Mönche melden einen Besucherandrang, wie es ihn seit Jahren nicht gegeben hat. Wer kurzfristig ein Athos-Visum ("Diamonitirion") für maximal vier Tage erhält, um mit dem Boot auf die Halbinsel überzusetzen, darf sich glücklich schätzen. Mehr als zehn nicht-orthodoxe Besucher pro Tag werden nicht geduldet.

Ilie, der Rumäne, hat eine Sondergenehmigung, er will mindestens drei Monate bleiben. Dafür hat er sich als Freiwilliger in Agiou Andrea gemeldet, er hilft in der Küche und der Wäscherei. Er sagt, es gebe für ihn kein größeres Glück, als sich am heiligsten Ort der Welt nützlich zu machen. Als Nicht-Orthodoxer muss man sich von ihm eine kleine Belehrung gefallen lassen: "Die meisten Christen im Westen nehmen die Religion auf die leichte Schulter. Sie glauben nicht mit vollem Herzen." Außerdem seien da noch die Kreuzzüge, die Plünderung Konstantinopels, die Überfälle auf orthodoxe Kloster. Das sei zwar alles vor Jahrhunderten geschehen, habe sich aber im historischen Gedächtnis der Mönche eingebrannt.

Viele Mönche, warnt Ilie, seien Fremden gegenüber mißtrauisch. Das Mißtrauen gilt aber nicht nur den Unorthodoxen. Auf dem Heiligen Berg ist man auch schlecht auf griechische Politiker zu sprechen. Das hat vor allem mit dem Immobilienskandal um das Kloster Vatopedi zu tun. Ende 2005 hatte sich der Vorsteher des Klosters, Abt Efraim, mit der damaligen Regierung von Kostas Karamanlis auf ein zwielichtiges Geschäft verständigt: ein See im Nordosten Griechenlands, der mitsamt seiner sumpfigen Ufergrundstücke dem Vatopedi-Kloster gehören sollte (zur Begründung legte man abermals byzantinische Urkunden vor), wurde gegen wertvolle Staatsimmobilien eingetauscht.

Aus Luft und Wasser Gold gemacht

Der Abt wollte sich eigentlich auszahlen lassen, konnte aber auch gut mit der Aussicht leben, ein lukratives Immobilienimperium aufzubauen. Der Verkauf der Gebäude brachte dem Kloster einhundert Millionen Euro. Abt Efraim, schrieben später Zeitungen, habe es verstanden, "Luft und Wasser in pures Gold" zu verwandeln.

Die Affäre kostete zwei Regierungsmitglieder das Amt, Karamanlis musste Neuwahlen ankündigen. Efraim wurde im Dezember 2011 verhaftet, woraufhin die Mönche scharf protestierten. Die wahren Schuldigen, sagten sie, seien in Athen zu suchen. "Es gibt viele böse Menschen, die den Padres etwas anhängen wollen", ist Ilies einziger Kommentar zu der Affäre. Politik ist kein Thema für die Pilger. Der Rumäne hat außerdem beschlossen, Gott in möglichst spartanischer Umgebung zu dienen. Und Vatopedi gehört nicht dazu.

Vor der Kirche von Agiou Andrea dämmert der Morgen. Fast zwei Stunden dauerte die Messe, erst jetzt gibt es ein einfaches Frühstück für die Besucher. Wen die Mönche unter ihrem Dach schlafen lassen, der muss sich an ihre Regeln halten - und viel Weihrauch auf nüchternen Magen zu ertragen, ist nur eine davon. Ilie erklärt, wie man sich richtig bekreuzigt, und wie man im schlaftrunkenen Zustand Ikonen hinter blank geputztem Glas küsst, ohne sich gleich den Kopf einzuschlagen. "Das passiert mir selber ständig", sagt er und lächelt nachsichtig.

Nach dem Frühstück verabschieden sich die Pilger. In jedem Kloster gewähren die Mönche nur eine Nacht Gastfreundschaft. So geht es zu Fuß weiter zum nächsten Kloster, vorbei an kleinen Hügeln und Tälern, Olivenbäumen, Obstplantagen. Die Landschaft flimmert und schweigt. Es ist die perfekte Ruhe.

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