Klosterrepublik Athos Schneller essen, kürzer schlafen, langsamer leben

Die Halbinsel Athos, die schlank in die nördliche Ägäis ragt, scheint dem Himmel näher zu sein als der Erde. Wer heute als Besucher in die autonome Mönchsrepublik reist, hat eine unbestimmte Sehnsucht und viele Fragen im Gepäck - und Zutritt haben nach wie vor nur Männer.

Von Alexander Kanellakis


Blick auf das Kloster Xenophontos: Vier Tage in einer Welt ohne Frauen erwarten mich
A. Kanellakis

Blick auf das Kloster Xenophontos: Vier Tage in einer Welt ohne Frauen erwarten mich

Als ich meinen Freunden erzählte, dass ich auf den Heiligen Berg Athos reisen würde, sahen sie mich zweifelnd an: Noch so einer, der beim Zusammenbruch der New Economy ein paar Aktien verloren hat und jetzt mit der Welt abschließen will? Einer schüttelte den Kopf, einer zuckte die Achseln, einer wollte mit. Schließlich waren wir vier, jeder mit seinen ganz persönlichen Fragen, für die diese Reise Antworten bringen sollte: der Künstler Fritz, 50, aus Rheinland Pfalz, der sich für die Fresken in den unterschiedlichen Klöster interessiert. Mein Vater George, 76, den die einzigartige Landschaft und die Architektur der Klöster fasziniert. Sein Freund Stephanos, 80, der an seinem Lebensabend Ikonen malt und sich an diesem Ort des vollkommenen Friedens Inspiration verschaffen will. Und ich, Alexander, 32, der seine Internetagentur durch schwere Zeiten steuert. Was ich wissen wollte? Ehrlich gesagt interessierte mich besonders, wie Männer in einer Welt ganz ohne Frauen leben können.

Mönche mit Handy im Garten der Mutter Gottes

"Dies ist mein Garten", sprach nach einer uralten Überlieferung einst die Jungfrau Maria, als sie nach dem Tod ihres Sohnes nach Griechenland reiste. Und die Anhänger der damals noch jungen Kirche beschlossen, dass keine andere Frau jemals den Garten der Mutter Gottes betreten sollte. Nur fromme Männer, die ihr Leben Gott weihten, sollten sich hier ansiedeln dürfen, um ein Leben in Askese und Kontemplation zu führen. So entstand die unabhängige Republik Athos. Mitten in Griechenland gelegen, wurde sie im Jahr 972 gegründet und ist heute das letzte theokratische Staatsgebilde der Welt. Seit 1927 untersteht sie dem griechischen Staat, hat aber ihre Autonomie behalten.

Republik Athos: Auf dem östlichen Finger der griechischen Halbinsel Chalkidike
A. Kanellakis

Republik Athos: Auf dem östlichen Finger der griechischen Halbinsel Chalkidike

Man hatte uns geraten, ungewaschen und unrasiert nach Athos zu kommen. Eine leichte Übung, denn schon am frühen Morgen verlässt unser Schiff das Städtchen Ouranoupolis (die Himmelsstadt). Gleich beim Betreten der Fähre müssen wir unser Diamonitrion, das Athos-Visum, vorzeigen. An Bord befinden sich ausschließlich Männer, die meisten sind Mönche. Junge Mönche, alte Mönche, sehr alte Mönche, russische Mönche. Mönche mit Handys, die SMS verschicken, und welche, die Gebetsschnüre durch die Finger gleiten lassen. Alle tragen lange Kutten, lange Haare und lange Bärte. Vom Anlegesteg winken meine Mutter und Stephanos' Frau. Vier Tage werde ich keine Frau mehr sehen. So lange gilt das Visum für "normale" Touristen.

Unser Schiff hält genau auf eine Gewitterfront zu. Der Himmel wird dunkel, der Wind frischt auf. In der Ferne springen Delfine. Wir halten an mehreren kleinen Anlegestegen, die zu den Klöstern gehören. Am russisch orthodoxen Kloster Panteleimonos steigen die russischen Mönche aus. Früher lebten hier 2000 Mönche. Heute sind es knapp über 20.

Byzantinische Uhren ticken anders

Abgeschiedene Idylle: Innenhof des Klosters Xeropotamou
A. Kanellakis

Abgeschiedene Idylle: Innenhof des Klosters Xeropotamou

Mitten im Gewitterregen erreichen wir schließlich den Hafen von Dafni. Hier wartet ein Bus auf uns, der uns in die Nähe des Klosters Xeropotamou (Kloster des trockenen Flusses) bringt. Es wurde im Jahre 424 gegründet. Heute leben 40 Mönche hier. Ein junger Mönch aus Georgien, der seit sechs Monaten im Kloster und für den Empfang von Gästen zuständig ist, begrüßt uns mit einem Gläschen Tsipouro, einem starken Schnaps aus Stängeln der Weinreben, und Loukoumi, einem süßen Gelee aus Früchten mit Puderzucker.

Anschließend erklärt er uns die Uhrzeit. Denn hier auf Athos gehen die Uhren anders. Es gilt der alte byzantinische Kalender, der 13 Tage von unserem abweicht. Und die Uhrzeit wird ab Sonnenuntergang gemessen. Die ersten acht Stunden des Tages dienen der Ruhe. Die zweiten dem Gebet, die dritten der Arbeit. Er drückt uns auch eine Broschüre über den Heiligen Berg in die Hand und ein Faltblatt, in dem erläutert wird, wie man sich in orthodoxer Tradition korrekt bekreuzigt.

Abendessen in zwölf Minuten

Der Gästeflügel ist frisch renoviert. Der georgische Mönch weist uns ein dunkles, aber sauberes Fünf-Bett-Zimmer mit Toilette auf dem Gang zu. Um 15.50 Uhr (weltliche Zeit) beginnt das Abendgebet. Fritz, der das in griechischer Schrift verfasste Faltblatt zu korrekten Bekreuzigung nicht lesen konnte, bekreuzigt sich prompt falsch und wird gebeten, den Hauptraum der Kirche zu verlassen, um im Vorraum bei den anderen unorthodoxen Gästen zu bleiben. Nach der Liturgie gibt es Abendessen. Durch einen überdachten Gang ist der Speisesaal im Hauptgebäude direkt von der Kirche aus zu erreichen.

40 Märtyrer: Deckenfresko in der Kirche des Klosters Xeropotamou
A. Kanellakis

40 Märtyrer: Deckenfresko in der Kirche des Klosters Xeropotamou

Der T-förmige Tisch ist bereits gedeckt. Auf jedem Platz steht ein Teller mit Schwertfisch, zwei weitere mit Salat und einer Scheibe Schafskäse. Außerdem teilen sich je zwei Personen eine Schale Oliven, einen Brotkorb und eine Flasche selbst gekelterter Weißwein. Doch was nach kulinarischem Genuss klingt, soll nichts weiter sein, als die Befriedigung körperlicher Bedürfnisse, und für die ist wenig Zeit vorgesehen. Die Mahlzeit beginnt beim Klang eines Glöckchens, wenn sich der Abt anschickt, den ersten Bissen zu nehmen und endet, knapp zwölf Minuten später, wenn er die Gabel niederlegt. Währenddessen liest ein Mönch von einer Kanzel aus vor. Seine Stimme überdeckt das eilige Kauen der Klostergäste, die etwa in gleicher Zahl zugegen sind wie die hier lebenden Mönche.

Der Tag endet bei Sonnenuntergang. Gegen 3 Uhr (weltliche Zeit) beginnt die große Messe, die bis 7 Uhr dauert. Und nach dem Frühstück (frischer Bergtee, Halva, Oliven und Brot) werden alle Gäste das Kloster verlassen, denn ohne Sondergenehmigung darf niemand länger als eine Nacht in ein und demselben Kloster übernachten.

Am Hafen von Dafni hoffen wir, in Ruhe eine Tasse Kaffee trinken zu können. Doch auch der Milchkaffee wird schwarz und ohne Zucker serviert. "Heute ist Fastentag", erklärt der Café-Besitzer. Wir treffen einen anderen Deutschen, der zum Kloster Xenofontos will. Vor 20 Jahren hatte er dort einen deutschen Mönch getroffen. Jetzt möchte er wissen, was aus ihm geworden ist.

Mit dem Schiff fahren wir nach Agia Anna. Dort sollen in winzigen, ärmlichen Behausungen die berühmtesten Ikonen-Maler Griechenlands leben.

Lesen Sie auch den zweiten Teil der Reportage über die Mönchsrepublik Athos, die zum Ikonen-Maler Pater Ioannis und zum Piratenmönch Pater Arsenios führt:



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