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Museumsfriedhof Kramsach: "Aufigschtieg'n, obagfall'n, hin gwös'n"

Foto: Martin Cyris

Grabkreuz-Museum in Tirol Ein Friedhof zum Totlachen

"Hier liegt Martin Krug, der Kinder, Weib und Orgel schlug": Solch skurrile Inschriften zieren historische Grabkreuze aus dem Alpenraum. Für ihren Museumsfriedhof im Tiroler Kramsach hat eine Kunstschmiedfamilie bisher 900 davon gesammelt - Lachen ist erwünscht.
Von Martin Cyris

Ein stiller Herbstnachmittag im Unterinntal in Tirol, Friedhofsruhe im Örtchen Kramsach. Kein Sterbenswort zu hören. Gelbgrüne Lärchen und weiß gepuderte Bergspitzen künden vom November. Dem Monat des Totengedenkens an Allerheiligen und Totensonntag.

Ein Mann mit weißem Haarkranz schreitet an schmiedeeisernen Kreuzen vorbei. Er wirkt in sich gekehrt. Er macht ein paar Schritte, dann kniet er nieder. Doch nicht etwa zum Gedenken an einen Verstorbenen. Nein, Hans Guggenberger klaubt ein paar dürre Zweige auf. Die hat der Wind von einer alten Eiche geweht. Nach der Putzaktion hat nun alles wieder seine Friedhofsordnung. Besser gesagt: Museumsfriedhofsordnung. Aufgestellt vom Chef Guggenberger.

Nicht in jedem Erdendasein ist freilich alles so in Ordnung. Auch in den Alpen strauchelte im Lauf der Jahrhunderte so mancher im Leben. Oder segnete das Zeitliche durch ein Unglück, wovon die rund 60 Inschriften auf dem historischen Schaufriedhof in Kramsach zeugen.

Einige fassen sich kurz und bündig: "Aufigschtieg'n, obagfall'n, hin gwös'n". Die meisten sind eher skurril und in Reimform: "Hier ruht der Brugger von Lechleithen, er starb an einem Blasenleiden, er war schon je ein schlechter Brunzer, drum bet für ihn ein Vaterunser." Viele stammen aus dem 18. und 19. Jahrhundert, fast alle aus dem Alpenraum. Gereimt und gemalt haben sie sogenannte Täfelemalern. Manchmal waren es die Einzigen in ihrer Umgebung, die des Schreibens halbwegs mächtig waren.

"Die versoffene Kupferschmied Nasen"

Hans Guggenberger beobachtet die Mimik der Besucher. Und freut sich wie ein großer Lausbub über amüsierte Gesichter. Er ist Seniorchef eines Kunstschmied- und Steinmetzbetriebs für Grabmale. Sein Vater begann mit der Sammelei der Grabkreuze. "Weil ihm die alte Schmiedekunst zu schade war", sagt Guggenberger. Nicht selten landen ausgediente, Jahrhunderte alte Kreuze im Altmetall. Oder verstauben auf Dachböden. Nachdem die Verträge auf den Gottesackern ausgelaufen sind und Familiengräber aufgelöst werden, weiß niemand so recht wohin mit ihnen.

Solche historischen Kreuze zu erhalten lohnt sich nicht nur wegen des teuren Schmiedehandwerks, sondern auch weil sie zur Erheiterung der Lebenden beitragen. "Unter diesem Rasen liegt die versoffene Kupferschmied Nasen", verrät etwa eine Inschrift, die ursprünglich den Friedhof in Jenbach/Tirol schmückte.

Auf einem anderen Kreuz prangt: "Hier liegt mein Weib Gott seis gedankt, oft hat sie mit mir gezankt. O lieber Wanderer geh gleich fort von hier, sonst steht sie auf und zankt mit Dir." Wem entlockt so viel posthume Freimütigkeit - die Verstorbene konnte den Gatten anscheinend kreuzweise - nicht wenigstens ein Schmunzeln?

Doch die Inschriften regen auch zum Nachdenken an. Weil sie Einblicke in die Denkweise früherer Generationen geben und in den kargen und mühevollen Alltag in den Bergen. Die Partnerwahl etwa erfolgte weniger aus romantischen Motiven. Eheleute fungierten als Teile von Zweckgemeinschaften, wovon folgender emotionsloser Spruch aus dem Oberinntal zeugt: "Es liegt begraben die ehrsame Jungfrau Nothburg Nindl, gestorben ist sie im siebzehnten Jahr just als sie zu brauchen war."

"Die kürzesten Lebensläufe, die man sich vorstellen kann"

Da bleibt einem das Lachen fast im Halse stecken. Wie auch beim - laut Guggenberger - Lieblingsspruch vieler Besucher: "Hier ruht Martin Krug, der Kinder, Weib und Orgel schlug". Hans Guggenberger nennt solche Sprüche die "kürzesten Lebensläufe, die man sich vorstellen kann". Daseins- und Wirkungsstätte des handgreiflichen Tiroler Organisten war die Ortschaft Wiesing.

Vom dortigen Friedhof kam das Memorial in die Hände der Familie Guggenberger. Im Laufe der letzten 50 Jahre kamen rund 900 weitere Kreuze aus dem gesamten Alpenraum hinzu. Die allermeisten lagern in unrestauriertem Zustand in einem Depot. Das Aufpolieren ist aufwendig und teuer. Die wenigsten bekommt Guggenberger zudem umsonst. Für sein teuerstes hat er 4500 Euro berappt. Das Restaurieren hat ihn weitere 7000 Euro gekostet.

"Ich hätte mir wahrscheinlich längst eine Yacht kaufen können", sagt Hans Guggenberger. Ob er sein Hobby bereue? "Nein. Die Kreuze sind unsere Geschichte und Kultur. Eine Yacht aber säuft irgendwann ab." Was vielleicht halb so schlimm wäre, denn vermutlich hätte Guggenberger auch für Seebestattungen ein passendes Kreuz auf Lager.

Trotz des traurigen Themas ist Lachen erlaubt auf dem Museumsfriedhof. Man muss nicht schweigen wie ein Grab. "Hier liegen sowieso keine Toten begraben", stellt Hans Guggenberger klar. Wohl gebe es gelegentlich Besucher, die sich über die vermeintliche Pietätlosigkeit der Zurschaustellung makaberer Grabkreuze mokierten. "Aber das sind Ausnahmen", sagt er.

Der Steinmetz und Museumsfriedhofsdirektor selber habe es nicht eilig mit dem Sterben, sagt er. Trotzdem habe er schon einen Reim verfasst, welcher eines Tages auf seinem Grabkreuz stehen soll. Er lautet: "Wanderer steh still und weine, hier ruhen meine Gebeine. Ich wollt' es wären deine."

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