Kürzester internationaler Linienflug Nach dem Start geht's abwärts

Für die einen ist es praktisch, für die anderen grenzwertig: Wer von der Schweiz über den Bodensee fliegt, muss beim kürzesten internationalen Linienflug auf Boardservice verzichten. Wer braucht den auch, bei acht Minuten Flugzeit?
Flugzeug von People's Viennaline (Embraer 170)

Flugzeug von People's Viennaline (Embraer 170)

Foto: Felix Kästle/ dpa

Auf eines müssen Passagiere auf der kurzen Strecke über den Bodensee schon mal verzichten: Zeit für Tomatensaft bleibt auf den acht Minuten Flug zwischen dem schweizerischen St. Gallen-Altenrhein und Friedrichshafen nicht. Zumindest nicht in der Luft, denn natürlich dauert in diesem bizarren Fall der Weg zu und von Start- und Landebahn länger als der eigentliche Flug.

Rund 20 Kilometer liegen zwischen den beiden Regionalflughäfen - das österreichische Unternehmen People's Viennaline  bietet die Strecke künftig zweimal täglich an. Zum Vergleich: Mit dem Auto bräuchte man etwa eine Stunde. Am Mittwoch startete der erste Flieger um 6.30 Uhr in der Schweiz und landete kurze Zeit später planmäßig in Friedrichshafen.

Das Unternehmen wirbt auf seiner Homepage mit dem "kürzesten internationalen Linienflug der Welt". Der Verweis auf die Grenzüberschreitung ist nötig, denn tatsächlich gibt es noch weit kürzere Linienflugverbindungen - bei manchen Regionalflügen kann man schon beim Abheben die Landebahn sehen (siehe Kasten unten). Sinnvoll ist das eigentlich nur, wenn es über das Wasser geht, und tatsächlich ist das in der Regel so.

Eine Flugverbindung als Nebenwirkung einer Flugverbindung?

Ob es auch immer nötig oder auch nur vertretbar ist, ist eine ganz andere Frage, auf die man höchst unterschiedliche Antworten bekommt - je nachdem, wen man fragt.

Daniel Steffen, Geschäftsführer von People's Viennaline, findet den Flug auf jeden Fall sinnvoll. Ihm ist es aber auch wichtig, zu betonen, dass es vor allem darum gehe, Altenrhein und Friedrichshafen mit Köln und Bonn zu verbinden: "Als Nebeneffekt kann man natürlich auch den Teil zwischen Altenrhein und Friedrichshafen buchen."

Die Airline verfügt zurzeit über zwei Flugzeuge: Eine Embraer 170  für bis 76 Passagiere und eine geleaste Embraer ERJ 145  für bis zu 50 Passagiere. Für den kleinen Hüpfer über den See kommt die kleinere Maschine zum Einsatz: Die Kosten für die kurze Strecke über den Bodensee liegen bei 50 Schweizer Franken oder 40 Euro. Wer in 55 Minuten weiter nach Köln fliegen möchte, zahlt rund 99 Euro.

Ökonomisch interessant, ökologisch desaströs?

Nicht alle sind von dem Miniflug begeistert. Die wenigen Minuten bestünden vor allem aus Start und Landung - gerade dabei würde aber unverhältnismäßig viel Treibstoff verbraucht und CO2 ausgestoßen, sagt etwa die BUND-Landesgeschäftsführerin in Baden-Württemberg, Sylvia Pilarsky-Grosch. "Es gibt keinen vertretbaren Grund dafür."

Stattdessen sei es viel sinnvoller, eine gute Zugverbindung zwischen den beiden Orten zu schaffen. "Friedrichshafen liegt ja nicht auf dem Mond", sagt Pilarsky-Grosch. "Wenn wir so weiter machen, fangen wir an, kleinste Strecken auch innerhalb Deutschlands mit dem Flugzeug zu verbinden. Aber jeder Fluggast verschlechtert den Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs. Das ist eine Spirale, die sich fortdreht."

Stopp: Umweltverbände und Grünen-Politiker würden die Flüge über den Bodensee gern unterbinden

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Foto: Felix Kästle/ dpa

Auch in der Schweiz stößt die Verbindung auf Kritik: Der Grünen-Politiker Meinrad Gschwend hat Ende September im St. Gallener Kantonsrat einen Vorstoß eingereicht, in dem er unter anderem die eidgenössische Regierung auffordert, das Überfliegen von schweizerischem Hoheitsgebiet möglichst zu unterbinden, "falls die Flüge nicht ganz verhindert werden können".

Eine Antwort stehe bislang noch aus, sagt Gschwend. Er rechne aber in den nächsten Wochen damit. "Es haben sich in der letzten Zeit auch extrem viele Leute aus der Schweiz gemeldet und ihren Unmut ausgedrückt. Sie wollen und können nicht verstehen, dass man so etwas anbietet."

Linienflüge: Wer hat den Kürzesten?

Stimmt alles nicht, sagt die Airline

Die People's Air Group weist die Kritik an der Flugstrecke zurück: Der Flug sei klimaneutral, wenn "man die angestrebten 40.000 Passagiere auf der Strecke nach Köln mit dem Auto die eine Stunde um den See fahren lässt", sagte Steffen kürzlich, "respektive zu den Alternativflughäfen Zürich, Stuttgart oder München."

Claus-Dieter Wehr (links) und Daniel Steffen: Für die Chefs von Provinzflughafen und Mikro-Airline ist der Hüpfer über den See ein echtes Alleinstellungsmerkmal

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Foto: Felix Kästle/ dpa

Der Flughafen Friedrichshafen rechnet nach Angaben eines Sprechers auf der Strecke ebenfalls mit rund 40.000 Passagieren pro Jahr. Die neue Verbindung kommt für den Airport zur rechten Zeit - denn das Unternehmen musste in den vergangenen Monaten harte Rückschläge verkraften: Im November 2015 hatte die österreichische Firma Intersky Insolvenz angemeldet - dadurch hatte der Airport seine wichtigste Regionalfluggesellschaft verloren. Laut Flughafen machten die rund 115.000 Intersky-Passagiere ein Fünftel der Gesamtpassagierzahl aus.

Mitte Februar übernahm zwar das belgische Unternehmen VLM die Strecken von Friedrichshafen nach Hamburg, Berlin und Düsseldorf - allerdings geriet die Gesellschaft wenige Monate später ebenfalls in wirtschaftliche Schwierigkeiten und stellte den Flugbetrieb im Juni wieder ein. "An der Wiederaufnahme der Strecken nach Hamburg und Berlin arbeiten wir derzeit mit Hochdruck", sagte der Sprecher. "Die zu erwartenden Passagierzahlen werden von verschiedenen Airlines als ein sehr interessantes Potenzial angesehen, es gibt aber noch keine endgültige Entscheidung."

Kathrin Drinkuth, dpa/pat
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