Kultfilm-Wüste in Andalusien Spiel mir das Lied von Tabernas

Schwingende Saloon-Türen, markige Männer: Mitten in Spanien lebt der Wilde Westen fort. Doch die Tabernas-Wüste war nicht nur die ideale Kulisse für kultige Cowboy-Filme - Regisseur Stanley Kubrick entführte seine Fans hier sogar ins Weltall.

TMN

Wo sind mein Pferd und mein Revolver? In der südspanischen Tabernas-Wüste bei Almería dürften sich das viele fragen. Die von tiefen Schluchten durchzogene Hügellandschaft erinnert an die Kulisse alter Cowboy-Filme. Der Wind weht vertrocknete Grasbüschel über den Boden. Am liebsten möchte man sich hinter dem nächsten Felsen verstecken, um der Postkutsche aufzulauern oder aufs Pferd springen und über die Prärie preschen. So wie einst Charles Bronson und Henry Fonda, die sich hier für Sergio Leones Kult-Western "Spiel mir das Lied vom Tod" bekämpften.

3000 Sonnenstunden im Jahr und eine kaum berührte Naturlandschaft waren der Grund, warum über 270 Spielfilme im Desierto de Tabernas, der einzigen Wüste Europas, gedreht wurden: Pierre Brice war für "Winnetous Rückkehr" hier, Arnold Schwarzenegger als "Conan, der Barbar".

Auch Jesus López war bei Dutzenden dabei. Doch bevor er über sein Leben als Stuntman erzählt, muss er seine Kollegen Alberto, Ricardo und Alejandro verprügeln - schließlich ist Jesus der Sheriff, und die anderen sind die Bösen. Den Ersten haut er mit der Faust um. Ricardo sinkt nach zwei ordentlichen Kopfnüssen im Saloon zu Boden, und Alejandro wird mit einem Tritt auf die staubige Straße befördert.

Die Urlauber klatschen und fühlen sich, als wären sie gerade bei Dreharbeiten zu einem Western dabei gewesen. Jesus ist für seine 52 Jahre gut in Form. "Doch mit den Jahren wird es immer schwieriger. Ich verletze mich schneller", sagt der braungebrannte Spanier. Jeden Tag führen er und die anderen Männer in der Westernstadt Fort Bravo ihre Cowboy-Show vor.

Wiege des Spaghetti-Westerns

Fort Bravo kommt einem oft geradezu vertraut vor. Hier drehte Bully Herbig seine Western-Komödie "Der Schuh des Manitu". Hier hauten Bud Spencer und Terence Hill in "Vier Fäuste für ein Halleluja" zu. "Die glorreichen Sieben" ritten ebenfalls durch die Westernstadt.

Es war Sergio Leone, der Meister der sogenannten Spaghetti-Western, der neben Fort Bravo bereits in den siebziger Jahren gleich mehrere Filmstadtkulissen aufbauen ließ, die heute zu besichtigen sind. Saloon, Postkutschenstation, die Banken, Warenhäuser und Pferdeställe sehen noch genau so aus wie zu den Zeiten, als Leone in einer der Westernstädte im Erlebnispark Oasys seinen Kultfilm "Spiel mir das Lied vom Tod" drehte.

Die Ranch aus dem Film kann heute noch in der dritten, als "Leone Ranch" bekannten Kulissenstadt, besucht werden. "Mann, waren das Zeiten hier in Almería", erinnert sich Jesus López. Charles Bronson und Clint Eastwood imponierten ihm besonders, obwohl er damals noch sehr jung war.

"Erinnern Sie sich an den Jungen, der in 'Spiel mir das Lied vom Tod' seinen Vater am Galgen auf den Schultern trägt und von Henry Fonda die Harmonika in den Mund gesteckt bekommt?", fragt Jesus und zeigt auf sich. Der Galgen steht immer noch am Ortsrand von Fort Bravo. Auch in Steven Spielbergs "Indiana Jones und der letzte Kreuzzug" mit Sean Connery und Harrison Ford hat Jesus mitgespielt. "Das war schon beeindruckend", sagt er. Am besten hat er sich aber mit Terence Hill verstanden: "Der war witzig. Wir haben sogar Bier zusammen getrunken."

Wilder Westen in Europa

Warum so viele berühmte Regisseure vor allem Western- und Actionfilme hier in der Wüste nahe der südspanischen Mittelmeerküste bei Almería drehen wollten, wird am besten auf geführten Wanderungen und Jeeptouren deutlich. Das regionale Fremdenverkehrsamt hat sogar einen Reiseführer herausgegeben, der Besucher auf den Spuren berühmter Filme durch die Wüste leitet. "Tabernas ist der perfekte und kostengünstigere Film-Ersatz für die nordamerikanischen Wüsten", erklärt Cristina Serena, die für ein Unternehmen arbeitet, das sich neben der Produktion von Filmen auf thematische Führungen durch die Wüste spezialisiert hat.

Bei der Jeep-Tour geht es durch ausgetrocknete Flussbetten und Steppenlandschaften. Mit Fotos berühmter Filmszenen beweist Cristina den Besuchern immer wieder, dass sie sich wirklich an Originaldrehorten befinden. Die Spanierin kennt viele Anekdoten von Dreharbeiten, immerhin hat sie bei zahlreichen neuen Filmen mitgeholfen. Sie erklärt aber auch die geologischen Eigenheiten, welche die Wüste nicht nur zum idealen Drehort machen, sondern auch zu einem Paradies für Wanderer und Naturfreunde. Europas einzige Wüste ist mit 280 Quadratkilometern im Vergleich zur Sahara zwar winzig und hat auch keine großen Sanddünen.

Dennoch ist die bizarre Welt aus Stein und Lehm beeindruckend. Kahle Hügel und ein durchfurchter Boden prägen die trockenste Region Europas. Die Temperaturen erreichen im Sommer regelmäßig die 50 Grad. Auf Wanderungen entdeckt man immer wieder Muschel-Fossilien. Vor rund zwölf Millionen Jahren befand sich die heutige Wüste in rund 400 Meter Tiefe auf dem Meeresgrund, erklärt der spanische Geologe Luis Delgado Castilla, der über 20 Jahre lang die Tabernas-Wüste erforschte.

Das Ödland von Almería ähnelt nicht nur den Steppen Nordamerikas, sondern auch einigen Landschaften in Nordafrika und im Orient, weshalb Joseph Mankiewicz hier mit Liz Taylor Einstellungen für "Cleopatra" drehte. Peter O'Toole stapfte in "Lawrence von Arabien" durch den Wüstensand von Tabernas. Bei einem seiner Massaker musste auch Jesus López als kleines Kind im Film sterben. Und Regisseur Stanley Kubrick sah in der Tabernas-Wüste sogar einen Ort, der sich auf keinem Globus befindet: Er bot ihm die perfekte Kulisse für die Mondlandschaft in seinem Kult-Film "2001: Odyssee im Weltraum".

Manuel Meyer, dpa

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