Kultursommer in Südtirol Mäzen der Moderne

Zeitgenössische Kunst statt Brauchtumspflege: Mit der Eröffnung des futuristischen Museions ist Südtirol in den Fokus der Kulturliebhaber gerückt, die Biennale Manifesta schließt sich an. Ein Mäzen und Motor des Aufbruchs in die Moderne ist der Winzer Alois Lageder.

Von Henrike Thomsen


Ein Hauch von Fellini liegt über dem Örtchen Margreid an der Südtiroler Weinstraße. Der alte Sommersitz des Bischofs von Bozen-Brixen flackert im Schein Hunderter Kerzen in der lauen Sommernacht. Im nach hinten gelegenen Garten mit seinen mannshoch blühenden weiß-lila Fingerhüten und duftenden Rosenbüschen in gelb und rot plätschert friedlich eine Fontäne.

Im Obergeschoss des weitläufigen zweistöckigen Anwesens ist von der verträumten Stimmung nichts mehr zu spüren. In vier hohen Sälen mit rissigen Wänden und halbblinden Ölgemälden, aus denen hier ein bärtiges Gesicht mit Kappe, dort eine mahnende Hand hervorsehen, feiert die Bozener High Society ein ausgelassenes Fest. Der Wein fließt rot und weiß. Es sind die guten Tropfen des Gastgebers persönlich. Das ist freilich nicht der Bischof, sondern Alois Lageder.

Die Familie Lageder ist eine seit 150 Jahren eingesessene Winzerfamilie. Aber ihr 57-jähriges aktuelles Oberhaupt ist alles andere als traditionsversessen. So gibt es beispielsweise keine Südtiroler Küche mit Speck, Brot, Knödeln und Käse zum Festmahl, sondern eine japanische Kochmannschaft, die ein Trendrestaurant in Rovereto unterhält, trägt unablässig neue bunte Schachteln mit ausgefeilten Sushi-Kreationen auf. Früher am Abend war ein Konzert mit Neuer Musik zu hören. Der junge Komponisten Johannes Maria Staud ließ sich der lokalen Rebsorte Lagrein zu einem durchaus psychedelischen Quartett für Violine, Klarinette, Violoncello und Klavier inspirieren.

Wer auf die Toilette musste, landete in einer halbfertigen Arbeit des Künstlers Peter Friedl, der gerade die Waschtische des Örtchens neu gestaltet. Auch an vielen anderen Ecken des Lagederschen Anwesens lauter Kunst, zum Beispiel ein experimentelles Bienenhaus von Carsten Höller und Rosemarie Trockel, das den Bienen statt der üblichen schnöden Behausung in Holz oder Styropor elegante Kugelgefäße aus Ton und Stahl bietet.

"Tradition muss richtig verstanden werden"

Wenn Leute wie Lageder sich durchsetzen, ist Südtirol die längste Zeit ein Synonym für Brauchtumspflege gewesen. "Ich glaube, es ist das Bewusstsein da, dass man nicht nur der Tradition nachlaufen kann", sagt er. Nach dem Zweiten Weltkrieg sei die Rückbesinnung wichtig gewesen, damit sich die Südtiroler Bevölkerung von der Zwangsitalienisierung im Faschismus erholte. "Aber ein Land kann nicht stehen bleiben, und die Tradition muss auch richtig verstanden werden. Man muss weiterarbeiten und kann nicht haften bleiben", betont Lageder.

Eine besondere Rolle in dieser Strategie spielt die zeitgenössische Kunst. Lageders Kunstverein, zu dessen Mitgliedern viele der feierfreudigen Gäste gehörten, eröffnete jüngst in Bozen ein neues Museum für Gegenwartskunst. Das Museion, ein eleganter Würfel aus Glas und Metall, trumpft mitten in der Altstadt auf, sein speziell entwickeltes Aluminiumdach können die Wanderer weit von den umliegenden Bergen erblicken.

Nachts kann die Fassade bespielt werden wie eine Kinoleinwand. Dazu führten die Berliner Architekten Krüger, Schuberth und Vandreike zwei dynamisch geschwungene Brücken über den Fluss Talfer, der gleich neben dem Museum vorbeifließt. Drinnen erwarten den Besucher vier Etagen voller hochanspruchsvoller Kunst vorwiegend ab 1960, aber auch einige Highlights der Moderne. Wie das berühmte Turmmodell des Russen Wladimir Tatlin, das sich spiralförmig in die Höhe schraubt.

Doch die 200 Künstler der Museions-Eröffnungsschau sind längst nicht alles. Ab 9. Juli kommt die Manifesta, die europäische Biennale für Gegenwartskunst, in Südtirol hinzu – mit Arbeiten von weiteren 188 Künstlern, Schriftstellern und Architekten. Erstmals in ihrer Geschichte findet die Manifesta dabei nicht an einem Ort statt, sondern an mehreren. Entlang der Transitstrecke des Brenners suchten sich die Kuratoren vier besondere Stätten aus: die habsburgische Verteidigungsanlage Franzensfeste im Norden, eine frühere Aluminiumschmelze im Industriegebiet von Bozen, die Postzentrale aus den dreißiger Jahren in Trient und schließlich in Rovereto zwei weitere stillgelegte Fabriken für Tabak und Kakao.

Franzensfeste: Mit Licht in Szene gesetzt

Die Franzensfeste sieht nach allem aus, was Alois Lageder verabscheut: stures Verteidigungsdenken, Verschlossenheit, Humorlosigkeit. 1838 errichtet, um die Vorherrschaft des österreichischen Kaiser Franz in Tirol zu zementieren, beherrscht das seinerzeit stärkste Festungswerk Europas bis heute das Eisacktal bei Brixen. Auf der Autobahn und mit dem Zug fährt man mitten durch die beiden mächtigen Wehranlagen, die eine unterirdische, rund 450 Stufen lange Treppe verbindet. Wer unten startet, sieht das obere Ende der Stiege nicht. Oben angekommen, überblickt man das Gewirr aus Gräben und klobigen Mauern, die aus dicken Granitquadern gehauen sind.

Nur wenige schräge Schießscharten und Fenster sind hineingeschnitten, leere Wachhäuschen gammeln vor sich hin. Ab und an ragt ein riesiger Maueranker aus rostigem Eisen aus dem Boden, und die Dächer der niedrig geduckten Gebäude sind mit Gras überwachsen. Bis vor kurzem war die Anlage für die Öffentlichkeit geschlossen. Jetzt soll sie die Kunst endlich allen zugänglich machen. Dabei wollen sich die beteiligten Künstler mit Bildern zurückhalten und lieber die spektakuläre Architektur mit Licht- und Sprachinstallationen in Szene setzen. Auf der Liste stehen daher auch Schriftsteller wie Thomas Meinecke ("Tomboy") und experimentelle Regisseure wie Harun Farocki.

Mit der spielerischen Eroberung der Franzensfeste also werden in diesem Sommer in Südtirol Stillstand und trotziges Verharren im Althergebrachten symbolisch geschliffen. Alois Lageder ist nicht allein mit diesem Projekt. Die Landesregierung und viele andere Unternehmer sind mit im Boot. Das Museion erhält von der Regierung und von einem privatwirtschaftlichen Förderkreis großzügige Unterstützung. Für die Manifesta legt die Region ein Parallelprogramm mit mehr als hundert Konzerten, Musikfestivals, Filmnächten und weitere Ausstellungen auf eigene Initiative auf.

"Man hat endlich auch in anderen Institutionen verstanden, Südtirol als zeitgenössisches Kulturland dar zu stellen", freut sich Lageder. Und dann fährt er in einer Mischung aus Tiroler Dialekt und Englisch fort, die seine Lust am Neuen und seine Ortsverbundenheit unterstreicht: "Mit der Eröffnung des Museions und der Manifesta haben wir heuer zwei Events, die Europa weit für Aufsehen sorgen. Das ist ganz wichtig, dass wir uns jetzt nach außen öffnen und die Weichen für die Zukunft stellen."



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