Kulturstadt Lecce Schluss mit Folklore!

Tuffstein, Trulli, Tarantella: Kaum eine Region Italiens hat so mit ihrem staubigen Image zu kämpfen wie die Halbinsel Salento. Dabei starten eben hier die coolsten Partys, verblüffen engagierte Macher mit interaktiver Kunst für jedermann. Ein Loblied auf das junge und moderne Lecce.

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Lecce ist die sonnensatte, duftende Königin des Barock, eine Stadt, die lasziv mit ihren Rundungen spielt und ein Kleid mit üppigen Ornamenten trägt. Doch wen die Dame umarmt, der droht mitunter zu ersticken: "O Gott, wie satt ich die ewige Folklore habe", stöhnt Mimmo, angesagter DJ mit der richtigen Brille und einem Magister in Philosophie im Gepäck. "Trulli und die Tarantella - das ist das Einzige, was den Leuten zu Apulien einfällt."

Tatsächlich hat die Region weit mehr zu bieten als die berühmten Trulli, Rundhäuser mit Spitzdach, oder traditionelle Tänze - und der 34-jährige Kulturschaffende hofft, dass die Welt das endlich wahrnimmt. Gerade hat der dunkelhaarige Riese mit dem Kindergesicht in einer Top-Location aufgelegt - einer Villa mitten in einem riesigen Olivenhain, umgeben vom Zitronenbäumen und grotesk großen Kaktusfeigen.

Während ein Mann mit verblüffender Ähnlichkeit zu Jim Belushi die Gassenhauer der Achtziger unters Volk bringt, dröhnt im Nebenraum zeitgemäßer Elektro-Sound. Schon am Nachmittag drängen sich Hunderte Begeisterte auf engstem Raum zusammen, trinken schlechten Wein aus Mamas Keller und tanzen so ausgelassen Pogo, dass man glaubt, in eine Zeitmaschine geraten zu sein. "Großartig, wie sich hier alle austoben und alles rauslassen", freut sich Buchhändler Walther, der ebenfalls ab und zu an den Reglern dreht. In Zeiten der Krise und totaler Politikverdrossenheit der beste Weg, mal abzuschalten.

Mimmo will es nicht beim Plattenauflegen belassen und erarbeitet gerade mit Freunden vom Verein "Vorstellungswelt Kappa" das Konzept für eine Kulturzeitschrift. Unter dem Namen "Krill" soll die dreimal im Jahr erscheinen - die Avantgarde in Lecce hat eine Vorliebe für das im Italienischen ungebräuchliche "K" samt seiner krachenden Konsonantenkombinationen.

Antiakademisch und leicht verständlich soll es in dem Heft um "Berührungspunkte zwischen subjektiver Phantasie und Außenwelt" gehen. "Wissen ist für alle da, es darf nicht elitär sein", sagt Mimmo, der in Schulen philosophische und kulturelle Konzepte diskutiert. "Wir verstehen uns als Übersetzer."

"Junge Ideen für ein besseres Apulien"

Mimmos Freunde Maurizio und Michele gehen die Sache konkreter an: Sie wollen Kunst hervorbringen und für alle zugänglich machen. Abseits der konventionellen Ausstellungssäle im Zentrum von Lecce haben die beiden in einem Kraftakt die "Manufaktur Knos" gegründet, ein Laboratorium, in dem wild mit allen Ingredenzien eines modernen Kultur-Cocktails jongliert wird.

Corbis
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30 Jahre lang schufteten Metallarbeiter und Elektrotechniker an den wuchtigen Werkbänken der 4000 Quadratmeter großen Halle in der Via Vecchia Frigole. Dann wurde das Ausbildungszentrum geschlossen und lag zehn Jahre brach. "Als wir das erste Mal herkamen, tropfte das Wasser von der Decke und der ganze Raum war vollgestopft mit verrosteten Maschinen, die keiner haben wollte", erinnert sich der Fotograf und Recycling-Fan Maurizio Butazzo.

Schon immer hätten ihn abgelegene, verlassene Orte fasziniert, sehr schnell stand für ihn und seinen Kompagnon Michele Bee fest: "Der Ort ist phantastisch, lasst ihn uns wiederbeleben!" Die beiden entwarfen ein Konzept für ein multimediales Veranstaltungszentrum und präsentierten es der Provinz Lecce. Und siehe da: Man gestattete ihnen, das Areal zu nutzen, vorausgesetzt, sie setzten es selbst wieder in Stand. Butazzo und Bee verkauften sämtliche Maschinen und machten sich mit einem Startkapital von einigen tausend Euro an die Arbeit.

Monatelang wurde geplant, saniert, renoviert und phantasiert. Zahlreiche Projekte und Vereine entstanden, bis im November 2007 "Knos" das Licht der Welt erblickte: Der Riesenkomplex präsentierte sich im neuen Gewand - mit Kino, Tonstudio, Schnitträumen, einer Mediothek, einer Kinderbibliothek, Ausstellungsräumen, Werkstätten, Proberäumen für Musik, Theater und Tanz - und natürlich einer schicken Bar. Sogar ein hauseigener Radiosender ging auf Sendung.

"Wir wollen Kunst nicht einfach ausstellen, wir wollen sie hier vor Ort produzieren", sagt Bee, ein kleiner, athletischer Mann mit klaren Vorstellungen und umwerfendem Hollywood-Lächeln. Das Konzept "Knos" setze auf Experimente, Forschung und Bildung, "man könnte es fast eine Art neues Bauhaus nennen", sagt er lächelnd. Wie auch immer, es sei wichtig, dass die Menschen aus dem Viertel an den kreativen Prozessen teilhätten.

Allein das Angebot für Kinder war im ersten Jahr beträchtlich: Da gab es Kurse für kreatives Schreiben und Straßenkunst, ließ eine Theatergruppe mit dem schaurigen Namen "Calixte Hountondji Kokou" afrikanische Marionetten tanzen. Im "kleinsten Zirkus der Welt" konnten die Kids Akrobatik und Zaubertricks lernen und getreu dem Motto "Auch Wissenschaftler waren mal Kinder" in Labors experimentieren.

Das kulturelle Programm war prall gefüllt mit Nano-Tech-Design, digitaler Vintage-Kunst, Architekturabenden und Kurzfilmpräsentationen. Kurse in Körperarbeit ("Was kommt nach der Erschöpfung?") konkurrierten mit Bürgerprojekten wie "Junge Ideen für ein besseres Apulien".

Deutsche, französische, japanische und lateinamerikanische Künstler stellten aus - und auch die Meta-Ebene kam nicht zu kurz: "Was stelle ich an mit der Kultur?" fragten die Macher von OST (Open Space Technology), einer in den achtziger Jahren in den USA von Harrison Owen entwickelte Technik des öffentlichen Diskurses.

Arbeitslosigkeit und Emigration: "Wir bleiben hier"

Derzeit wird das gesamte Areal der Manufaktur von Grund auf saniert - ein teures Unterfangen, das zu Teilen von der "Film Commission" Apulien und der Provinz Lecce unterstützt wird. "Ein Generalsponsor wäre toll", sagt Michele, aber der ist in Süditalien nicht so einfach zu finden. "Dabei suchen wir dringend die wirtschaftliche Unabhängigkeit, um nicht in eine politische zu geraten."

Apulien ist von jeher eine wirtschaftlich schwache Region. Die Arbeitslosigkeit steigt, und immer mehr gut ausgebildete junge Leute entscheiden sich für die Emigration. Allein 1995 bis 2004 verließen mehr als 120.000 Akademiker ihre Heimat, nicht wenige bei gerade mal vier Millionen Einwohnern in der gesamten Region.

Umso mehr Respekt verdient das Engagement des "Knos-Kollektivs", denn hier arbeiten alle ehrenamtlich und stecken viel Zeit und Energie in ihren Job. PR-Frau Gemma hat gerade ihren Magister in Literaturwissenschaften gemacht, Michele ist hauptberuflich Philosophie-Dozent an der Universität von Lecce.

Natürlich hätten alle im Norden Italiens bleiben können, wo sie studiert oder gearbeitet haben. "Auch wenn wir in Mailand, Bologna oder Turin bessere Chancen gehabt hätten - wir versuchen trotzdem, hier etwas zu bewegen und aufzubauen", sagt Michele. "Mit der Mentalität, die bei uns herrscht, kommt es schon mal zu schweren Unwettern, aber dann wachsen wieder Blumen", witzelt Maurizio und ergänzt augenzwinkernd: "Mit Dornen."



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