Kunstsammlungen Vergessene Schätze in Ostdeutschland

In den 1300 Sammlungen in den neuen Bundesländern liegen Schätze, deren Existenz kaum bekannt ist und die ungerechtfertigt ein Schattendasein führen.


Die Gemäldegalerie Alter Meister im Dresdner Zwinger genießt bereits seit dem 19. Jahrhundert internationalen Ruf. Sie galt auch zu DDR-Zeiten als Pilgerstätte für Kunstliebhaber aus aller Welt. Auch die Kunstmuseen im Osten Berlins sind seit jeher Kennern ein Begriff.

Schachmuseum Ströbeck in Sachsen-Anhalt
GMS

Schachmuseum Ströbeck in Sachsen-Anhalt

Aber auch die Fürsten der vielen deutschen Kleinstaaten folgten im 17. Jahrhundert dem Vorbild der großen europäischen Höfe; sie ließen zusammentragen, was ihnen oder ihren Beauftragten von Bedeutung erschien. So füllten sich die "Kunstcammern" mit Werken Albrecht Dürers, Lucas Cranachs, Rembrandts und anderer Meister. Nach dem Sturz der deutschen Monarchien 1918/1919 ging ein großer Teil der Kunstbestände dann in den Besitz der Länder und Gemeinden über.

Ein Beispiel dafür sind die Kunstsammlungen zu Weimar mit einem Fundus vom Mittelalter bis zur zeitgenössischen Kunst. Sie entstanden im Wesentlichen in den Jahren 1922 bis 1928 aus Beständen des abgedankten großherzoglichen Hauses Sachsen-Weimar-Eisenach, das die Kunst ab 1809 erstmals öffentlich ausstellte.

Im Herzogtum Gotha begründete der erste Herrscher Ernst I. 1647 in seinem Schloss Friedenstein die international bedeutende Grafiksammlung mit heute etwa 40.000 Blättern. Dazu kommen Gemälde, Plastiken, Porzellan, Münzen, Ostasiatika und Kunsthandwerk. "Die Kunstwerke müssen raus aus den Depots", sagt Museumsdirektor Bernd Schäfer. Finanziell schwer realisierbarer Neuerwerb komme nur in Frage, wenn Kriegsverluste ausgeglichen werden sollen.

Museum Schwerin: Sammlung niederländischer Meister
GMS

Museum Schwerin: Sammlung niederländischer Meister

"Das Bewusstsein, dass die ostdeutschen Bundesländer über unglaubliche kulturelle Schätze in ihren Museen verfügen, scheint sich bei vielen erst ein Jahrzehnt nach der Wiedervereinigung gebildet zu haben", wundert sich Martin Roth, Präsident des Deutschen Museumsbundes in Berlin. Das beständige Klagen, dass die Museen zu viel Geld kosteten, sei unbegreiflich: "Schließlich sind sie es, die einen enormen Anteil unserer kulturellen Identität bewahren."

In Gotha war der sächsische Staatsmann Bernhard August von Lindenau (1779-1854) ebenfalls dem von den Herzögen vorgegebenen Sammlungseifer verfallen und eröffnete 1847 in Altenburg (heute Thüringen) sein eigenes Museum. Es zeigt Tafelbilder italienischer Meister des 13. bis 15. Jahrhunderts, Keramik der Antike aber auch Gegenwartskunst.

Mecklenburgs Herzog Christian II. Ludwig (1683-1756) legte beim Sammeln den Schwerpunkt auf holländische und flämische Malerei des 16. bis 18. Jahrhunderts. Diese zeichnet heute das Staatliche Museum Schwerin aus, das in einem repräsentativen Bau im Stil des Spätklassizismus in malerischer Lage direkt am See untergebracht ist. Experten sprechen von "ungehobenen Schätzen" und verweisen darauf, dass sich hier eine der größten Sammlungen dieser Art außerhalb der Niederlande befindet.

Bedeutsam sind auch die kirchlichen Schatzkammern. In Halberstadt im nördlichen Harz-Vorland blieb der mittelalterliche Bestand nach Einführung der Reformation weitgehend erhalten. In der Stadt Brandenburg zeigt das Dommuseum das berühmte "Hungertuch" aus dem Ende des 13. Jahrhunderts mit gestickten Szenen der Heilsgeschichte.

Auch die Moderne kommt im Osten der Republik nicht zu kurz. Im gotischen Rathaus der Grenzstadt Frankfurt (Oder) zeigt das Museum Junge Kunst Gemälde und Plastiken von Kunstschaffenden der DDR. In der Ende des 15. Jahrhunderts errichteten Moritzburg in Halle an der Saale präsentiert die gleichnamige Staatliche Galerie Sachsen-Anhalts ihre umfangreiche Kollektion an Malerei aus dem kommunistischen Deutschland.

Schlossmuseum Weimar: Cranach, Rembrandt, Dürer
GMS

Schlossmuseum Weimar: Cranach, Rembrandt, Dürer

Auch die Künstler der "Brücke" und des "Blauen Reiters" sind hier vertreten, zudem finden sich Werke Max Beckmanns und Edvard Munchs. "Einen weiteren Schwerpunkt bildet die Kunst des Expressionismus mit einem bedeutenden Bestand von Werken El Lissitzkys", sagt Evelyn Lukowczyk von der Museumsleitung in Halle.

Teile der umfangreichen Hinterlassenschaft des Bildhauers, Grafikers und Dichters Ernst Barlach (1870-1938) sind in Güstrow (Mecklenburg-Vorpommern) zu sehen, wo der Expressionist die letzten 28 Jahre bis zu seinem Tod arbeitete. In Quedlinburg (Sachsen-Anhalt) zeigt die Lyonel Feininger Galerie einen geschlossenen Grafikbestand des deutsch-amerikanischen Künstler aus den Jahren 1906 bis 1936. Die durch ihre Fachwerkbauten bekannte Stadt gehört zum Unesco-Weltkulturerbe und verfügt auch über ein Museum, das über die Geschichte dieser Baukunst informiert.

In demselben Bundesland, in Köthen, befindet sich auch das einzige ornithologische Museum Europas, das auf den Begründer der wissenschaftlichen Vogelkunde Johann Friedrich Naumann zurückgeht. Sonneberg in Thüringen bietet als Attraktion das Deutsche Spielzeugmuseum. In Altenburg, wo Anfang des 19. Jahrhunderts der Skat erfunden wurde, zeigt das Spielkartenmuseum Exponate aus fünf Jahrhunderten. In Ostdeutschlands Museen findet der Interessierte eben auch solche Raritäten.



© SPIEGEL ONLINE 2002
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.