Kurort Marienbad Wellness wie zu Goethes Zeiten

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2. Teil: Voll im Sack


In einem Raum hängen blaue Plastiksäcke an einer Wäschespinne. Sogleich wird dem Gast einer in die Hand gedrückt, die Schwester führt in einen der ungezählten Behandlungsräume. Was mit dem Sack tun? "Ausziehen, reinlegen!" Nicht die Kleidung. Sich selbst.

Die Schwester zurrt den Sack mit einem Gummiband unter den Achseln fest, greift nach einem tankpistolenartigen Gerät, das an der Wand hängt. Das Gerät wird in den Sack gesteckt und dieser befüllt - mit sogenanntem Mariengas. Der Sack wird zum Ballon, man glaubt abzuheben, jetzt hat er sicher einen guten Meter im Durchmesser. Eine Wolldecke wird uns übergeworfen, dann liegen wir im Mariengas-Ballon. "Zwanzig Minuten, ja?"

Das Mariengas entweicht der Marienbader Erde und soll ebenfalls heilen. Es besteht zwar fast zu 100 Prozent aus gewöhnlichem Kohlendioxid, aber an der Wirkung zweifelt hier niemand: Die Durchblutung der unteren Extremitäten soll angeregt, die Sexualfunktionen verbessert, Rheuma-Beschwerden gelindert werden.

Als der Sack nach 20 Minuten geöffnet wird, entweicht eine Mariengas-Wolke, die in der Nase die Kraft mehrerer geöffneter Sprudelflaschen entwickelt. Nach einem Niesanfall geht es weiter in die klassischste Heilanwendung: ins Mineralbad.

Rostflecken an den Unterarmen

Eine sehr große, sehr rostig aussehende Badewanne ist mit angewärmtem Quellwasser gefüllt, dem Mariengas zugesetzt wurde. Man fühlt sich darin wie eine Aspirintablette. Überall blubbern Blasen, bei jeder Bewegung schäumt es. Sehr entspannend, auch wenn die Rostflecken an den Unterarmen nach ein paar Minuten unangenehm auffallen.

Derartig durchblutet, ist der Besucher gerüstet für eine der Hauptbeschäftigungen, denen die Gäste Böhmens seit Jahrhunderten nachgehen - essen. In Marienbad findet man weder Kneipen noch Discos, dafür Cafés und Restaurants in einer unglaublichen Dichte. Zuerst Prager Schinken, dann böhmisches Rauchfleisch, hinterher Schweinebraten mit Knödeln, dazu Pivo, also Bier - danach kann man sich zur Verstoffwechselung schon wieder ins Mineralbad legen. Doch zuvor sollte man noch einen Abstecher ins Café Dominik machen.

Es liegt im Hinterhof eines herrschaftlichen Hauses an der Hauptstraße und versprüht den Charme einer Eisdiele der neunziger Jahre. Aber: Hier gibt es die besten Palatschinken Marienbads. Zarte Pfannkuchen mit köstlichem Vanilleeis, Schokosoße und reichlich Sahne gehören bald schon so sehr zum täglichen Kurspaziergang wie die Schnabeltasse Kreuzbrunnenwasser - und die überall feilgebotenen, tellergroßen Marienbader Oblaten mit Schokocreme für den ganz kleinen Hunger zwischen den Zwischenmahlzeiten.

Könige und Komponisten zu Gast

Falls man sich im 19. Jahrhundert so Wellness vorgestellt hat: Gesund war das sicher nicht. Immerhin war das Trinkregiment früher strenger. Gustav Mahler beschwerte sich darüber, schon um 5 Uhr früh zu irgendeiner Quelle aufbrechen zu müssen, um einen Viertelliter der gelblichen Flüssigkeit zu trinken. Der englische König Edward VII. wiederum tat das mit großer Freude, ebenso Richard Wagner, Jan Neruda, Frederic Chopin, Friedrich Nietzsche, Mark Twain, Stefan Zweig und ungezählte mehr, unter ihnen auch Franz Kafka, der allerdings selbst in Marienbad nicht glücklich wurde.

Zehntausende Kurgäste besuchten Marienbad jedes Jahr - bis Nazi-Deutschland 1938 das Sudetenland besetzte. Nach dem Krieg musste die deutschstämmige Bevölkerung das unzerstörte Marienbad verlassen, sie wurde im Zuge der Beneš-Beschlüsse enteignet und vertrieben.

"Und dann kamen die Kommunisten", sagt ein damals Vertriebener, der namenlos bleiben möchte und ungezählte Male in Marienbad war. Er sitzt auf der Terrasse vor dem Hotel Zentralbad und raucht französische Zigaretten. Während des Kriegs wurde er in Prag geboren, dann mit seiner Familie vertrieben. Heute lebt er in Nürnberg.

Wie die Kommunisten die Stadt heruntergewirtschaftet haben, habe er selbst erlebt. Damals sei zwar alles billiger gewesen, und es sei noch viel Deutsch gesprochen worden. Aber die alten Prunkhotels aus dem 19. Jahrhundert seien von Jahr zu Jahr zerfallen. Erst mit der Wende begannen die Renovierungen.

Marienbad hat sich seither nicht erneuert. Marienbad hat sich selbst wieder aufgegossen. Ein Nachmittag am Goetheplatz: vorne die achteckige katholische Kirche von 1848, dahinter die verspielten Kolonnaden des Kreuzbrunnens. Am rechten Bildrand das heruntergekommene Palais Klebelsberg, daneben eine rosa verputzte Stuckburg, aus der "Für Elise" herüberweht. Die Mischung aus Kitsch, Grandezza, Verfall, Historie und Kur-Absonderlichkeiten ist auf verwirrende Weise angenehm - und ein bisschen langweilig.

Christina Rietz, dpa



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