Kykladen Jede Insel eine eigene Welt

Blau und Weiß sind die Farben Griechenlands: blauer Himmel, blaue Kuppeln, weiße Häuser - und ganz besonders die der Kykladen. Zwischen den mehr als 220 Inseln liegen oft nur wenige Kilometer. Und doch haben Urlauber oft genug das Gefühl, immer wieder eine neue Welt zu entdecken.


Katapola - Tiefblau wie seit Jahrtausenden glitzert das Wasser der Kykladen - und noch immer bestimmt es den Lebensrhythmus der Menschen. So auch den von Phanis Pashos: Wenn mittags die blau-weiße Fähre der Small Cyclades Lines von der Nachbarinsel Koufonissi naht, packt der Chef der Pension "The Big Blue" auf Amorgos sein selbst gebasteltes Schild und macht sich auf den Weg hinunter zum Hafen.

Aus allen Gassen des Städtchens Katapola finden sich die Vermieter am Wasser ein und harren des Höhepunktes dieses Geschäftstages. Dann - mit einer halben Stunde Verspätung - öffnet sich die Ladeklappe, und die Fähre spuckt ihre kleine Touristenladung auf die Uferpromenade. Phanis und seine Kollegen stehen mit ihren Schildern in Reih und Glied: "Rooms", "Ask us" ist zu lesen oder auch schlicht "Welcome".

Die mehr als 220 Kykladen im Süden des griechischen Insellabyrinths trennen oft nur wenige Kilometer, dennoch trennen sie manchmal Welten, die sich am besten per Fähre entdecken lassen. Um die Inselodyssee mit einem Extrem zu beginnen, bietet sich der Start in Mykonos an. Am Wochenende kommen Bootsladungen von Jugendlichen aus Athen in diesen weißgetünchten Traum aus den typischen, in sich verschachtelten klobigen Häuserblocks. Kreuzfahrttouristen strömen über die Uferpromenade.

Hektik gibt es nicht

Trotz des Trubels bewegt sich in den Gassen der Altstadt alles im langsamen Rhythmus der Loungemusik, die aus den Bars und Boutiquen drängt - Hektik gibt es nicht. Vielleicht auch, weil man so nah am Sitz der Götter ist. Delos, die mythische Geburtsstätte von Artemis und Apollo, liegt nur ein paar Kilometer vor der Küste von Mykonos.

Gerade einmal fünf Kilometer lang und ein paar hundert Meter breit ist das heute unbewohnte Eiland. Die Ruinen um die berühmte Löwenterrasse zeugen von einer Zeit, als sie das Zentrum der Inselwelt war. Aus dieser Ära stammt auch der Name der Kykladen - der "Ringinseln" um den Mittelpunkt Delos. Hier stellten alle benachbarten Inselstaaten ihre Geschenke an die Götter auf. Heute verlassen die letzten Boote die Insel gegen 15.30 Uhr und die Ruinen leuchten zum Abschied im Rot der Sonne.

Von Mykonos erreicht die Fähre der Blue Star Reederei in 45 Minuten Naxos, die größte der Kykladen. Ein gigantisches steinernes Tor, das vom Tempel des Apollo übrig blieb, ist der erste Eindruck für die Besucher. Dahinter stapeln sich die Häuser des alten Bürgerviertels Burgos aufeinander, gekrönt von den Mauern des venezianischen Kastro.

Mit einem herzlichen Lächeln begrüßt Despina Panteleou ihre Gäste, seit 40 Jahren vermietet sie Zimmer in ihrem Haus mit Dachterrasse und wunderbarem Ausblick über den Hafen. Auf Naxos geht alles ruhiger zu als auf Mykonos - und günstiger: Während der Sundowner-Mojito dort zwölf Euro kostet, herrscht an der Hafenpromenade von Naxos 24 Stunden Happyhour, alle Drinks 3,50 Euro. Und statt Disco wird auf dem venezianischen Kastro eine Vorstellung im lokalen Tanz geboten.

Weiter geht es in die Berge. Der blaue Peugeot-Motorroller, der zwar kaum geradeaus fährt, es dafür aber zum Stolz des Vermieters immerhin auf 80 km/h bringt, katapultiert seine Besatzung auf die Höhenzüge, die bis auf 1001 Meter aufragen: In Dörfer wie aus einem Postkartenidyll, wo der Großvater vor dem Haus winkt, Bauern auf ihren Eseln von den Feldern heimkehren, und Ziegen von Felsvorsprüngen aus die Touristen beobachten.

Santorin: Natürliches Ende einer Kykladen-Reise

Die Knotenpunkte der Kykladen sind Mykonos, Naxos, Paros und Santorin, von hier gibt es meist Bootsverbindungen in alle Winkel der Inselgruppe. Tickets für die Fähren sind erhältlich bei den Fährbüros, die häufig an der Uferpromenade liegen. Achten sollte man darauf, ob es sich um eine Agentur handelt, die nur Tickets einer Reederei verkauft oder ob alle Linien angeboten werden. Je nach Größe der Insel fahren täglich mehrere Boote oder auch nur eines wöchentlich. Die Preise variieren. Je nach Entfernung, Geschwindigkeit und Komfort der Fähren, liegen sie nur bei den Langstrecken über 20 Euro.

Jede Nationalität hat auf den Kykladen ihre eigene Insel: Schwedische Familien bevorzugen die kleinen Kykladen, die im Sommer eher einem italienischen Adriastrand als einem abgeschiedenen Eiland ähneln. Die Franzosen fühlen sich dagegen auf Amorgos offenbar besonders wohl, die Deutschen konzentrieren sich auf Mykonos.

Das natürliche Ende der Kykladen-Reise bildet Santorin, die südlichste der Kykladen, wo das Blue-Star-Boot in die hunderte Meter hohe Kaldera einfährt. Der Kraterrand entstand bei dem Vulkanausbruch, der etwa 1630 vor Christus die Ägäis heimsuchte und die mykenische Kultur auslöschte. Abends zieht es die Touristen in langen Strömen durch die Gassen von Oia, hoch oben auf dem Kalderarand gelegen.

Die beste Reisezeit für die Kykladen ist Mai bis Juni. Im Juli und August sind die Inseln oft überlaufen, erst im September wird es wieder ruhiger. Ende Oktober naht die Winterpause, dann schließt Phanis sein Hotel ab und fährt zu seiner Familie nach Athen - doch da sind die Touristen schon längst zu Hause, mit Augenblicken in Erinnerung, die sie für immer fest halten möchten.

Jochen Hägele, ddp



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.