Wände aus Waschbeton: Die Zimmer, egal ob mit sechs Betten oder mit zwei, sind puristisch eingerichtet
Wände aus Waschbeton: Die Zimmer, egal ob mit sechs Betten oder mit zwei, sind puristisch eingerichtet
Foto: Wellness Hostel 3000

Wellness in Laax in der Schweiz Familienurlaub in der Jugendherberge – gute Idee?

Puristische Einrichtung, grandioser Ausblick: Die Gemeinde im Schweizer Bergort Laax hat ein altes Hallenbad saniert und direkt darüber eine Jugendherberge mit 50 Zimmern gebaut.
Von Stéphanie Souron

Hinter mir pladdert der Regen auf die Terrasse, vor mir sitzt Anouk beim Frühstück und futtert die zweite Portion Müsli. »Guck mal, wie doll es regnet«, ruft sie vergnügt. In der Tat: Auf den Terrassentischen haben sich kleine Seen gebildet, und die Spitzen der Berge verstecken sich hinter einer dicken Wolkendecke. Wandern wird heute eher schwierig, denke ich. Anouk schiebt einen weiteren Löffel ihrer Haferflocken-Cornflakes-Schokocrunch-Kreation in den Mund: »Gleich esse ich noch eine Portion.«

Das Frühstück hier ist ein Schlaraffenland für Vierjährige. Auch für meinen Mann und mich gibt es genug Auswahl: Hummus, Obstsalat, Birchermüsli, Bergkäse – und zwei Maschinen, die verlässlich heißen Kaffeekram mit stichfesten Milchschaumhauben produzieren. Wir frühstücken jetzt schon seit 50 Minuten – draußen sind die Berge derweil vollends hinter einer grauen Wand verschwunden.

Foto: Wellness Hostel 3000

»Bei Regen bleiben wir am besten drin, oder?«, sagt Anouk und grinst. Ich verschlucke mich am Cappuccino-Schaum. Einen ganzen Vormittag Indoor-Animation durch die Eltern? In einer Jugendherberge? Oh no! Aber was will man machen bei dem Wetter? »Wir können ja erst mal was spielen«, schlägt das Kind vor. »Und dann?«, fragt mein Mann. Anouk nimmt genüsslich einen Schluck Kakao. »Dann gehen wir ins Schwimmbad. Und Mama kann Wellness machen.«

Wer in der Jugendherberge im Schweizer Bergort Laax eincheckt, sollte tunlichst Badeklamotten einpacken. Denn zum »Wellness Hostel 3000 « gehört das »Aua Grava«, ein Hallenbad mit 25-Meter-Becken, Röhrenrutsche und zwei Kinderbecken. Wer mag, bucht sich nach der Rutschpartie auch noch in die angeschlossene Wellnesslandschaft ein. Dort erwartet einen dann heiße Luft mit allem Schnick und Schnack: diverse Saunen, Eisnebel, schwebende Ruhesessel und einen Ausblick auf die Berge, auf den so manches Grandhotel neidisch wäre.

»Wellness Hostel 3000« in Laax

»Wellness Hostel 3000« in Laax

Foto: Claas Nagel

Ein bisschen Wolkenkuckucksheim

Das Hostel ist durch eine Initiative der Gemeinde Laax entstanden. Das alte Hallenbad im Ort war schon seit Jahren marode und dem Gemeindepräsidenten gefiel die Idee, diesem beschaulichen Teil von Laax ein wenig frisches Leben einzuhauchen. Er ließ das Bad von Grund auf sanieren und errichtete direkt darüber die Jugendherberge mit 50 Zimmern, Platz für 158 Menschen.

Mit den Herbergen, in denen ich früher übernachtet habe, hat das »Wellness Hostel« etwa so viel gemein wie Dosenravioli mit frischem Dim Sum. Die Lobby ist eine Mischung aus Treffpunkt und Lümmel-Lounge mit Designersesseln und Sofas, einem Billardtisch und Tischkicker. An der Bar werden tagsüber Eiskugeln verkauft, abends Wein und Bier. Und beim Check-in bekommt man lediglich ein knallblaues Silikonbändchen fürs Handgelenk. Als wir damit zum ersten Mal die Tür zu unserem Reich öffneten, sinke ich ermattet auf den Schaukelstuhl. »Gibt es eigentlich auch einen Schrank?«, fragt mein Mann vom Flur aus. Ich nicke und zeige auf das deckenhohe Einbauregal.

»Aua Grava«: Das Hallenbad mit 25-Meter-Becken, Röhrenrutsche und zwei Kinderbecken. Von der wellenförmigen Decke baumeln kugelrunde Lampen, und die Rutsche zieht sich wie ein blaues Fabelwesen durch den Raum.

»Aua Grava«: Das Hallenbad mit 25-Meter-Becken, Röhrenrutsche und zwei Kinderbecken. Von der wellenförmigen Decke baumeln kugelrunde Lampen, und die Rutsche zieht sich wie ein blaues Fabelwesen durch den Raum.

Foto: Wellness Hostel 3000

»Die meisten Gäste kommen aus der Schweiz«, sagt Steffi Krehhan, 39. Die Deutsche ist Betriebsleiterin der »Jugi« – früher hätte man Herbergsmutter gesagt. Gerade sitzt sie in der Lobby und verschnauft kurz vom Tagesgeschäft. »Als wir im Winter 2020 die Jugi eröffnet haben, war fast überall in Europa Lockdown, und niemand durfte ins Ausland reisen«, erzählt sie. »Wir waren damals froh um jeden Gast aus dem eigenen Land – und die Schweizer waren happy über ein neues Reiseziel.« Daran habe sich bis heute nicht viel geändert.

Das liegt vielleicht auch am Standortvorteil: Laax gehört zur Region Surselva im Kanton Graubünden. Von Chur aus ist man in 20 Minuten hier oben, von Zürich in knapp zwei Stunden. »Die gestressten Großstädter kommen gern nach Laax: Sie sind schnell da, und trotzdem weit weg von ihrer Stadt«, sagt Krehhan.

Auch die Übernachtungspreise sind für Schweizer Verhältnisse vergleichsweise günstig: Eine Nacht im Mehrbettzimmer kostet ab 50 Euro, inklusive Frühstück und Hallenbadeintritt. Für eine Übernachtung im Familienzimmer zahlt man als Erwachsener rund 105 Euro, Kinder zwölf Euro. Die Zimmer, egal ob mit sechs Betten oder mit zwei, sind puristisch eingerichtet: Sie haben Wände aus Waschbeton und Möbel aus hellem Holz. Vor den großen Fenstern türmen sich die Wolken zu fluffigen Formationen auf. Die Familienzimmer verfügen über ein eigenes Bad, alle anderen teilen sich Dusche und WC auf der Etage.

Skiresorts müssen neue Angebote schaffen

Mehr als 40 »Jugis« gibt es in der Schweiz, viele haben sich – ähnlich wie die Deutschen Jugendherbergen – in den vergangenen Jahren ein frisches Gewand zugelegt; sind schöner, schicker, erwachsener geworden. Es gibt »Jugis« in Schlössern und Burgen, in Skigebieten und an Seen – und mittendrin im Gewusel der Städte.

Und längst checken nicht mehr nur Schüler und Rucksacktouristinnen ein. Auch trendbewusste Thirtysomethings, abenteuerlustige Familien und gut geföhnte Rentner mit 1A-Wanderausrüstung zählen zu den Gästen. »Die meisten wissen aber schon, was sie hier erwartet«, sagt Krehhan. Denn ein paar eiserne Jugendherbergs-Regeln gelten noch immer: Nach dem Essen etwa muss man sein schmutziges Geschirr selbst zurückbringen und danach den Tisch abwischen. Beschwert habe sich darüber noch niemand. »Nur ein deutsches Paar hat mal gemeckert, dass es auf den Zimmern weder Minibar noch Fernsehen gibt«, sagt Krehhan.

Foto: Wellness Hostel 3000

Von unserem Zimmer schauen wir auf die Spitzen der Signinagruppe, den Piz Signina und den Piz Fess. Davor liegt das Dorf Laax mit seinen weißen Häusern, der kleinen Kirche und dem Badesee. Manchmal hört man Torjubel von der Liegewiese am See, ansonsten ist es ruhig.

Schweizerinnen und Schweizer leben ja eher leise vor sich hin. »Wir mussten in den vergangenen 18 Monaten nur zweimal Gäste um Einhaltung der Nachtruhe bitten«, sagt Krehhan. Vielleicht liegt es daran, dass viele abends einfach müde sind: Die meisten Gäste nutzen die »Jugi« als Basecamp, um die Berge zu erobern.

»Wir merken, dass die Berge im Sommer für Gäste attraktiver werden«, sagt Martina Calonder, 28. Ich treffe die Touristikexpertin am Fuße der großen Laaxer Gondel, die die Gäste zum Crap Sogn Gion bringt. Noch liege das Verhältnis der Winter- und Sommergäste bei 80:20, sagt Calonder. »Aber wir arbeiten dran, dass sich das annähert.«

Im Winter ist Laax ein Selbstläufer. Denn unterhalb des Crap Sogn Gion steht die größte Halfpipe der Welt. Snowboarder aus aller Welt reisen dafür nach Laax und katapultieren sich über die Ränder der Röhre hoch hinaus in die Luft. Doch der Klimawandel bedroht das Geschäftsmodell der Skigebiete, das ist auch in Laax nicht anders, obwohl die Pisten zu 70 Prozent über 2000 Metern Höhe liegen. »Meine Eltern sind noch im Sommer auf dem Vorabgletscher Ski gefahren«, erzählt Calonder. »So etwas ist heute unvorstellbar.«

Die Skiresorts müssen sich daher einiges ausdenken, um ihren Gästen die Berge auch im Sommer schmackhaft zu machen. In manchen Orten sind die Bergbahnen gratis, andere bauen spektakuläre Bike-Parks. Laax lockt die Jugendlichen mit Freestyle-Angeboten – und die Erwachsene mit sanfter Erholung.

Seilbahn in Laax: Der Klimawandel bedroht das Geschäftsmodell der Skigebiete, die mehr Angebote für den Sommer bieten müssen.

Seilbahn in Laax: Der Klimawandel bedroht das Geschäftsmodell der Skigebiete, die mehr Angebote für den Sommer bieten müssen.

Foto: Philipp Ruggli / Flims Laax

In Flims etwa kann man über den »Trutg dil Flem « wandern, ein prämierter Wanderweg, nah am Wasser gebaut und bergab auch ohne Konditionstraining gut zu schaffen. Und im vergangenen Jahr wurde in Laax der Baumwipfelpfad »Senda dil dragun « eingeweiht, mit seinen 1,56 Kilometern angeblich der längste der Welt. Schon nach drei Monaten waren mehr als 40.000 Besucherinnen und Besucher über den Holzsteg flaniert.

Anouk fand die kurze Wanderung in luftiger Höhe »eher so mittel«. Doch die Röhrenrutsche am Ende hat ihre Wirkung nicht verfehlt. »Boah, Mama, die war echt schnell. Du hattest auch ein bisschen Angst, oder?«

Wanderung zu Caumasee bei Flims: Wie ein türkisfarbener Edelstein im Wald

Wanderung zu Caumasee bei Flims: Wie ein türkisfarbener Edelstein im Wald

Foto: Didier Marti / Getty Images

Schwimmen oder Sesseln – das ist hier Frage

Am nächsten Tag wollen wir zum Caumasee  wandern, der wie ein türkisfarbener Edelstein im Wald liegt. Schon im 19. Jahrhundert reisten wohlhabende Schweizer im Sommer nach Flims, um in dem See zu baden. Sie glaubten, dass das Wasser heilende Wirkung habe. Auch die Flimser Bauern brachten ihre kranken Tiere zum Baden an den Caumasee.

Als wir entlang des »Connbächli« hinunter zum See laufen, hüpft der Bach unternehmungslustig neben uns her. Immer wieder müssen wir über Steine, Stufen und Wurzelwerk klettern. Wer mit Kindern im Gelände unterwegs ist, weiß solche Wege zu schätzen: Anouk vergisst ihre müden Beine und hüpft mit dem Bach um die Wette.

Am See angekommen, springt sie jauchzend ins glasklare Wasser. »Kommt rein«, ruft sie uns zu. »Es ist fast gar nicht kalt.« Ich bleibe trotzdem lieber auf den warmen Steinen am Ufer sitzen und sehe den Fischen zu, wie sie elegant durchs Wasser gleiten.

Als wir wieder in der Jugendherberge ankommen, gibt es Eis fürs Kind und Kaffee für uns. Mein Mann und Anouk machen es sich auf der Terrasse unter den Sonnenschirmen gemütlich, ich schultere noch mal meinen Rucksack. Ich will hoch zum Curnius in Falera wandern. Rund 400 Höhenmeter warten auf mich. Auf den Schotterwegen mache ich Tempo und bin nach einer Stunde am Ziel. Mit dem Sessellift schaukele ich gemütlich zurück ins Tal.

Fünf weitere Schweizer Jugendherbergen, in denen das Einchecken lohnt:

Auf einem Hochplateau über dem Saastal liegt eine weitere Jugi , die wie Laax den Titel »Wellness Hostel« im Namen trägt. Auch hier gibt es ein Schwimmbad sowie zahlreiche Wellness- und Fitnessangebote. Gekocht wird frisch und modern – zum Apero etwa gibt’s regionale Tapas an der Bar. Unbedingt ein Fernglas einpacken! Denn die Aussicht auf die 13 majestätischen Viertausender im Umkreis ist unbezahlbar.

Als ich wieder an der Jugendherberge ankomme, sind mein Mann und Anouk – genau: im Hallenbad. Wir treffen uns beim Abendessen im Jugi-Restaurant wieder, es gibt Salat vom Büfett und Älplermagronen. In der Essensschlange versucht mein Mann, Anouk das Geheimnis des Schweizer Nationalgerichts aus Kartoffeln, Pasta und Sahne zu erklären. »Ach so, das sind Nudeln mit weißer Soße«, sagt Anouk, als sie an der Essensausgabe steht und in die Töpfe guckt. »Dann hätte ich gern eine große Portion davon.« Der Koch lacht und füllt die napfartigen Teller bis unter den Rand.

Später, als das Kind mit zwei Portionen Älplermagronen im Bauch zufrieden aufs Hochbett gekrabbelt ist und vor unseren Fenstern die Nacht aufzieht, stellt Anouk die wichtigste Frage dieses Urlaubs: »Mamaaaa«, sagt sie leise. »Gehen wir morgen wieder wandern? Oder gehen wir ins Hallenbad?«

Stéphanie Souron ist freie Autorin des SPIEGEL. Die Recherche wurde unterstützt von Schweiz Tourismus.

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