Lake District Nostalgie im Nieselregen

Weite Täler, stille Seen und einsame Landcottages: Der Lake District war von jeher ein urenglisches Ausflugsziel. Nach der Maul- und Klauenseuche jedoch musste sich Großbritanniens größter Nationalpark neu erfinden - und ist nun deutlich attraktiver für Biker, Kletterer und Paddler.

TMN

Keswick - Sind die Berge so hoch oder ziehen die Wolken so tief? Als wir uns im Nieselregen an den Aufstieg im Langdale Valley machen, verstecken sich die Gipfel des Lake District im Trüben. Das Innehalten und Umherblicken lohnt sich trotzdem. Wer den Kopf hebt, sieht Wiesen und Schafe am Wegesrand, Falken und Eichhörnchen. Kleine Wasserfälle stürzen den Berg hinab.

Grobe Felsstufen weisen uns den Weg. Geübte können abseits des Weges auf schroffem Gestein steilere Partien erklettern. Und neben den Wanderrouten gibt es heute in Großbritanniens größtem Nationalpark noch weitaus mehr zu erleben: Die Region bemüht sich, zum Ziel für Outdoor-Sportler zu werden.

Das Langdale Valley erstreckt sich einige Kilometer nordwestlich des größten Sees Englands, des Lake Windermere. Eine Wanderung durch das Tal ist eine der bekanntesten Touren im Lake District, wie uns Bergführer Andy Cave sagt. Bei klarer Sicht sei der Ausblick spektakulär, versichert er uns - auf weite Täler, grüne Wiesen und einsame Landcottages.

Andy kann das beurteilen. Der Buchautor ist einer der erfahrensten Hochgebirgskletterer Großbritanniens, er hat Gipfel auf der ganzen Welt bestiegen. Die abwechslungsreiche Landschaft im Lake District ist für Andy dennoch etwas Besonderes. Er wohnt in der Nähe und kommt regelmäßig hierher.

Und er beobachtet seit langem den allmählichen Wandel: "Es hat sich viel verändert. Es kommen immer mehr Touristen. Und sie wandern fast alle dieselben Wege entlang." Wie viele Bergwanderer sorgt sich Andy um die Natur und die Zukunft des Gebiets in Zeiten, in denen sich das Klima wandelt und der Outdoor-Tourismus zunimmt.

Heile Welt der "Fünf Freunde"

Dabei waren hohe Besucherzahlen in der jüngeren Vergangenheit nicht selbstverständlich. Die Maul- und Klauenseuche stellte die Tourismusbranche im Lake District vor etwa zehn Jahren vor große Probleme. Jahrzehntelang konnte sie sich auf die Reize des ländlichen Englands verlassen: alte britische Landhäuser, dicht wuchernde Cottage-Gärten, Teehäuser und Steinmäuerchen, die satte Wiesen begrenzen. Es ist die heile Welt aus Enid Blytons Geschichten von den "Fünf Freunden", die Besucher hier bestaunen dürfen.

Und das Wetter hat die Besucher noch nie von einer Tour in den Lake District abgehalten. Die rustikale Landschaft, gemütliche Pubs, die vielen Seen und das literarische Erbe des englischen Dichters William Wordsworth überstrahlten lange jede dunkle Wolke am Himmel.

"Seit 2001 ist alles anders", sagt Jeff in der Tourismusinformation von Keswick, einem der größeren Orte im Lake District. "Viele Touristen sind nach der Seuche nicht zurückgekommen. Vorher passierte der Tourismus einfach." Liebespaare kamen für ein Wochenende im Landhotel. Rentner buchten sich ein oder kauften gleich einen Altersruhesitz. Tennisanlagen und Marinas an den Ufern der 16 größeren Seen zeugen noch heute davon. Seit einiger Zeit verschiebt sich der touristische Fokus vom Wasser zu den Bergen.

Mieses Wetter kann ein Vorteil sein

Vom Altersruhesitz der Betuchten wandelt sich die Region zur Familiendestination und zum Ziel für Aktivurlauber. In der Fußgängerzone von Keswick lässt sich diese Entwicklung gut beobachten. Die Rentner sind noch immer da, doch sie tragen nun bunte Outdoor-Kleidung und Wanderstöcke. Ein Ausrüstungsgeschäft reiht sich in dem kleinen Städtchen an das nächste. Überall werden Bücher mit Wanderrouten oder Mountainbike-Touren durch den Nationalpark angeboten.

Knapp zwei Drittel der jährlich 15 Millionen Besucher sind nach Zahlen des Fremdenverkehrsamts von Cumbria älter als 45 Jahre. Der Anteil der jungen Familien mit Kindern steige aber seit Jahren an. "Wir wollen mit unseren Kampagnen den Eindruck der Leute ändern, dass der Lake District nur etwas ist, wo alte Leute hinfahren", sagt Julie Darroch, Sprecherin bei Cumbria-Tourismus.

Das Ausbleiben der Touristen nach der Seuche hat die Tourismuswerber zur Modernisierung gezwungen. Jetzt setzen sie auf den Outdoor-Tourismus: 2012 will der Lake District den Titel "UK's Adventure Capital" - Abenteuer-Hauptstadt Großbritanniens - gewinnen. Mit neuen Routen für Mountainbiker, Kletterparks, angeleiteten Touren sowie Ausflügen im Kanu, Kajak oder zu Pferde.

Das sprichwörtlich miese Wetter haben die Veranstalter dabei auf ihrer Seite. Denn es wird zwar nie sommerlich heiß im Lake District - aber eben auch nie wirklich kalt. Im Juni liegt die Durchschnittstemperatur nach Angaben der Nationalparkverwaltung bei 15 Grad Celsius, im Januar bei 3 Grad - gute Bedingungen für Natursportler.

"Wir haben hier kaum Bäume. Es ist nicht der Schwarzwald. Aber man kann deshalb auch überall wandern und klettern", sagt Mike Parsons. Er lehrt an der Universität Lancaster und lebt seit zwölf Jahren im Lake District. Das Gebiet, sagt er, sei möglicherweise "die einzige Ganzjahres-Outdoor-Region der Welt".

Thorsten Wiese, dpa



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