Ein Tischler mixt Cocktails auf Lanzarote "Mehr will ich gar nicht"

"Sex on the beach?" Seit sechs Jahren mixt Vicente auf Lanzarote Cocktails für Touristen. Eigentlich ist er Tischler, doch mit der Krise blieben die Aufträge aus. Da fiel ihm ein: In der Garage steht doch noch der rostige Lieferwagen.

Oliver Lück

Von Oliver Lück


Wer zum ersten Mal an die Playa Mujeres kommt, einem der gut besuchten weißen Sandstrände im äußersten Süden Lanzarotes, wird sich irgendwann über den weißen, rostigen Lieferwagen wundern.

Er steht morgens schon da, bevor die ersten Touristen mit ihren Mietautos auf den sandigen Parkplatz rollen. Und er wird erst wieder fahren, wenn die meisten der Besucher längst schon in ihren Hotels oder Unterkünften beim Abendessen sitzen. Der Transporter trägt eine grüne Aufschrift: Lanzarote. Und manchmal wird es unüberhörbar laut im Inneren. Jemand schlägt und hämmert. Es kracht und splittert. Dann ist wieder Ruhe.

Und ein Mann mit kurzen, grauschwarzen Haaren, grauem Bart und breitem Lächeln klettert aus der Schiebetür auf der Beifahrerseite. Er trägt Shorts und ein rotes T-Shirt, darunter wölbt sich ein zufriedener Bauch. Und in der Hand hält er einen Plastikbecher mit zerstoßenem Eis. Er fragt: "Sex on the beach?"

Nur sonntags macht Vicente frei

Vicente weiß sofort, ob es ein guter Tag wird, um viele Getränke zu verkaufen. Er muss nur darauf achten, wie die Wolken ziehen. Und dann weiß er schon, wie sich das Wetter entwickeln wird. Es gibt wohl nur wenige, die diesen Strand besser kennen als er. Seit sechs Jahren mixt der 54-Jährige in seiner mobilen Bar an der Playa Mujeres Cocktails. Sechs Tage die Woche, von 10 bis 19 Uhr. Nur sonntags macht er frei.

Den klapprigen grünen Sonnenschirm mit den roten und blauen Blumen hat Vicente in der Mitte durchgeschnitten, damit er in die offene Schiebetür passt. Nun rollt er ein Plakat aus und hängt es an seinen Kleinbus. "Hier gibt es kalte Getränke!" Ein Strand und Palmen sind auf der Fotomontage zu sehen, türkisblaues Meer, riesige Limetten und Minzblätter. Und Gläser mit Eiswürfeln. Sein Transporter wird zum Cocktailwagen. Vicente wird zum Barkeeper.

Jeden Tag parkt er am selben Platz, strategisch geschickt an einem kleinen Trampelpfad, der zwischen Parkplatz und Strand verläuft. Jeder, der von einer der anderen Badebuchten zu Fuß zurück nach Playa Blanca will, muss an seinem Lieferwagen vorbei.

Vicente läuft erst mal den Strand auf und ab. 400 Meter rauf, 400 Meter runter. Er verteilt kleine gelbe Handzettel. Seine Getränkekarte: Mojito, Sex on the beach oder Margarita für 4,50 Euro. Eine gekühlte Flasche Weißwein gibt es für acht, ein Bier für zwei Euro. "Das sind faire Preise", sagt Vicente. Seine urlaubsreifen Kunden würden auch mehr zahlen. Vicente sagt aber auch: "Getränke verkaufen kann jeder. Wichtig ist, wie man mit den Leuten umgeht. Bei der Arbeit geht es doch nicht nur ums Geldverdienen."

Fuerteventura liegt in Sichtweite. Nur rund eine halbe Stunde brauchen die Fähren von Playa Blanca an die Nordspitze der Nachbarinsel nach Corralejo. Doch wer hier ist, will gar nicht wieder weg. Die Playas de Papagayo zählen zu den beliebtesten Stränden der Kanarischen Inseln. Sechs windgeschützte Badebuchten an felsiger Küste. Es sind die Orte, mit denen Reiseanbieter gern locken, an die sich Menschen aus Mitteleuropa an langen Winterabenden gern hindenken. Vicente begegnet hier den unterschiedlichsten Leuten. Viele Deutsche sind dabei, viele Engländer, einige Holländer, ein paar Schweizer. Und alle wollen das Gleiche: eine Erfrischung.

Am Strand ist Vicente der heimliche Star

Manchmal bildet sich eine kleine Schlange vor Vicentes Transporter, in dem er zwei große Kühlboxen mit Eis, einen Wasserkocher und eine Kaffeemaschine stehen hat. Gern würde er mehr als die wenigen Worte Englisch oder Deutsch sprechen. Es wäre gut für das Geschäft. Er weiß das. "Ich kriege aber nicht mehr als ein paar Brocken hin." Seine Tochter unterrichtet Englisch an der Universität. Auch sie hat ihm schon oft gesagt: "Papa, du musst eine andere Sprache lernen. Ich helfe dir." Doch Vicente schüttelt den Kopf: "Zu schwierig für mich. Das schaffe ich nicht mehr."

Vicente ist auf Lanzarote geboren. Er lebt in Femés, einem winzigen Dorf, das oben am Rande des Bergmassives Los Ajaches thront, 350 Meter über dem Meer. Keine 250 Menschen wohnen dort. Eigentlich ist er Tischler. Sein Leben lang hat er Fenster, Türen und Möbel gebaut. Doch mit der Krise blieben die Aufträge aus. Niemand auf Lanzarote oder den Nachbarinseln konnte sich mehr handgemachte Kommoden oder Kleiderschränke leisten. Immer häufiger musste er nach Rumänien fahren, um dort Dächer zu decken.

Doch der Aufwand wurde zu groß. Er brauchte eine neue Idee. Und er hatte ja noch seinen alten Transporter, mit dem er früher Türen und Schränke transportierte. Also baute er eine kleine Küchenzeile ein, kaufte zwei Kühlboxen und versuchte sein Glück als mobiler Barkeeper.

Als dieser ist er immer gut zu sehen. Sein rotes T-Shirt leuchtet zwischen dem vielen Nackt der Badegäste. Ist doch nichts dabei, denken viele, der verkauft doch bloß ein paar Getränke, das kann ja nicht so schwierig sein. Wer das glaubt, hat nichts verstanden. Denn für Vicente bedeutet es viel mehr: Nicht nur, dass er wieder eine Aufgabe gefunden hat, er hat auch einen wunderbaren Arbeitsplatz. Vicente sagt: "Die Insel, das Meer, der Strand, der Wind, die Berge, die Menschen." Er macht eine Pause. "Mal ehrlich - mehr will ich doch gar nicht."

Zum Autor
  • Oliver Lück
    Wer mit einem Hund im VW-Bus auf den Kanarischen Inseln ist, kann gute Geschichten finden. Oliver Lück ist Journalist zwischen den Meeren in Schleswig-Holstein.
    Für diese Serie haben Lück und Locke die sieben großen Inseln der Kanaren besucht.

insgesamt 8 Beiträge
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Seite 1
middleline 26.11.2014
1.
Ein Mensch wird marginalisiert und ist happy dabei. Eine weitere Erfolgsgeschichte des Neo-Liberalismus. Kopf -> Tisch
promondo 26.11.2014
2. Oh, Vincente!
Schade, dass das nur ein Ein-Mann-Betrieb ist... sonst würde ich jemanden kennen, der gerne mitmachen würde!
SamTex 26.11.2014
3. Lanzarote?
Die Karte, die im Artikel angezeigt wird, ist von Fuerte, nicht von Lanzarote...
MPeter 26.11.2014
4. @SamTex
Schon mal mit rauszoomen probiert ;-)
CommonSense2006 26.11.2014
5. Meine Güte
Zitat von middlelineEin Mensch wird marginalisiert und ist happy dabei. Eine weitere Erfolgsgeschichte des Neo-Liberalismus. Kopf -> Tisch
Welche Laus ist Ihnen denn über die Leber gelaufen? Da merkt einer, dass sein altes Geschäftsmodell nicht mehr funktioniert, nimmt sein Leben selbst ind ie Hand und erfindet sich neu, hat einen neuen Plan, der funktioniert und ihm Spaß macht und Sie kommen uns mit Neoliberalismus. Das hat es schon immer gegeben und wird es auch immer geben, sonst wären wir z.B. in Deutschland noch immer zu 96% arme Bauern, die von der Hand in den Mund leben und zum Kacken auf den Hof gehen müssten.
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