Lausitzer Seenland Mit dem Jeep durch die Grube

Wo sich zu DDR-Zeiten riesige Kohlebagger durch die Landschaft wüteten, reihen sich heute mehr als 20 künstliche Gewässer aneinander. Eine Reise durch Europas größte Landschaftsbaustelle.


Lausitzer Seenland: Auf einem Fahrrad mit montierten Schwimmtanks geht es in die gefluteten Gruben
GMS

Lausitzer Seenland: Auf einem Fahrrad mit montierten Schwimmtanks geht es in die gefluteten Gruben

Großräschen - Einsame Badeseen, Sanddünen und ein Radweg, der sich 500 Kilometer lang durch die Landschaft schlängelt - die Lausitz im Osten Deutschlands hat sich in den vergangenen Jahren zu einem Geheimtipp fernab touristischer Massenabfertigung gemausert. "In der Lausitz entsteht die größte künstliche Seenkette Europas", sagt Rainer Müller von der Internationalen Bauausstellung (IBA)Fürst-Pückler-Land in Großräschen. Von der Plattform der IBA-Terrassen aus schweift der Blick über den still gelegten Tagebau Meuro, dem zu DDR-Zeiten ein Stadtteil mit 4500 Einwohnern weichen musste. Auf Touren wie der "Reise zum Mars" oder "Canyons, Steppen und Giganten" lässt sich die Mondlandschaft zu Fuß erkunden.

Wer mehr Action mag, kann mit einem Quad oder Jeep durch die Grube brettern. Ende 2005 wird der gigantische Tagebau geflutet. Bis 2018 soll hier der Ilse-See entstehen - den "Ilse-Seesport-Verein" gibt es schon heute. Er bietet derzeit noch Floßfahrten auf dem schon halb gefluteten Nachbarsee an. Um die Tagebaugruben wurden Asphaltpisten für Radler und Skater angelegt. Das Relief ist meist eben.

Beleuchtetes Eisenmonster: Die Abraumförderbrücke ist eine der weltweit größten technischen Anlagen
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Beleuchtetes Eisenmonster: Die Abraumförderbrücke ist eine der weltweit größten technischen Anlagen

Umso beeindruckender ist der Anblick einige Kilometer westlich bei Lichterfeld: Ein riesiges Eisenmonster erhebt sich hier über die platte Landschaft der Niederlausitz - die Abraumförderbrücke F60. Einen halben Kilometer lang ist das Stahlgerüst und fast 80 Meter hoch. Wer sich traut, kann auf den "liegenden Eiffelturm" kraxeln. Das Kontrastprogramm zu den kargen Tagebaugebieten bieten der eine Tagesradtour entfernte Spreewald und die Neißeauen. Egal ob man durch die verschwiegenen Kanäle paddelt oder den Neißeradweg entlang fährt,überall sorgen dichtes Grün, efeuberankte Bäume und Farne für Märchenwaldstimmung. "Diese Mischung aus Mondlandschaft und Pücklers Parklandschaft, aus Spreewaldromantik und Industriedenkmälern macht die Region einzigartig in Deutschland", sagt Müller.

Im Lausitzer Revier wurden Ende der achtziger Jahre zwei Drittel des ostdeutschen Braunkohlebedarfs gefördert. Die Umgestaltung des Reviers in einen riesigen Freizeitpark könnte der Region zum Aufschwung verhelfen. "Das Seenland hat ein riesiges Potenzial", sagt Müller. Immer mehr Restaurants, Pensionen, Fahrradverleiher und Touranbieter versorgen die Gäste. Einige Seen werden bewusst für Actionsportarten wie Jetski hergerichtet, andere komplett der Natur überlassen.

Kontrastprogramm zur Mondlandschaft: Auf komfortablen Radwegen die Tagebaugruben umrunden
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Kontrastprogramm zur Mondlandschaft: Auf komfortablen Radwegen die Tagebaugruben umrunden

Der autofreie "Fürst-Pückler-Weg", der sich auf asphaltierten Wegen 500 Kilometer durch die Lausitz schlängelt, ist speziell für Fahrradfahrer gedacht. Die wohl romantischste Etappe verbindet die beiden Landschaftsparks des "Gartenfürsten" Hermann Fürst von Pückler-Muskau: Entlang der Neißeauen geht es von Pücklers Alterssitz in Cottbus-Branitz zum Pückler-Park Bad Muskau, der 2004 in die Liste der Weltkulturerbe der Unesco aufgenommen wurde.

Reiseveranstalter vor Ort bieten geführte Radtouren an, Gepäcktransport inklusive. "Das Interesse an diesen Touren wächst", sagt Olaf Schöpe von der Spreewald-Rad-Akademie. Gäste, die zum ersten Mal in ihrem Leben in einen Tagebau blicken, seien stets schwer beeindruckt: "Die Gruben sind einfach gigantisch."

Von Annett Klimpel, gms



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