Le Perche in der Normandie: Im Sehnsuchtsland der Pariser
Le Perche in der Normandie: Im Sehnsuchtsland der Pariser
Foto: Marianna Derenbourg

Le Perche in der Normandie Im Sehnsuchtsland der Pariser

Im Süden der Normandie versteckt sich eine Landschaft, die touristisch noch unentdeckt ist. Im Perche haben eine Pariserin mit Burn-out, ein gläubiger Tischler und eine österreichische Weinkennerin einen Neuanfang gewagt.
Von Leon Ginzel

Wenn Sylvia Merel die Nacken ihrer Percheron-Pferde tätschelt, ist ihr altes Leben in Paris ganz weit weg. In der weiten Landschaft des Perches, zwei Autostunden von der französischen Hauptstadt entfernt in der südlichen Normandie, hat sich die 55-Jährige ihren Traum erfüllt. Landidylle statt Großstadtluft, Ruhe statt Arbeitsstress.

2005 suchen Merel und ihr Mann Yann, der im Perche aufgewachsen ist, ein Wochenenddomizil und finden in dem kleinen Dörfchen Normandel einen alten, verlassenen Hof. Sie kaufen das Anwesen und nutzen es anfangs regelmäßig, um dem Stress zu entfliehen. "Die Auszeiten waren schon damals überlebensnotwendig", sagt Merel, zu dem Zeitpunkt noch Werbeexpertin in Paris. Ein Beruf, der sie zunehmend auslaugt.

Zwei Burn-outs und eine Therapie später verliert Sylvia Merel nach der Fusion zweier Firmen ihren Job und hat plötzlich Zeit, um ihren Traum zu verwirklichen. "Nach der Kündigung war für mich klar: Ich muss etwas ändern und endlich das tun, was ich schon immer machen wollte. Mein Vater war Koch, meine Mutter Bäckerin - die Voraussetzungen waren also da."

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Le Perche in der Normandie: Hügelland, Sehnsuchtsland

Foto: CDT Orne

Sie bringt das weitläufige Anwesen auf Vordermann und baut die leer stehende Scheune aus dem 18. Jahrhundert zu einem "Maison d'Hôtes" mit drei Gästezimmern um. Modern eingerichtet, im Landhausstil und - na klar - mit einer großen Küche. Im großen Garten der Domaine de la Lochetière  stolzieren Hühner, auf der Weide grasen die Pferde. Es riecht nach Heu und Land.

"Ich liebe die Ruhe, die saubere Luft im Vergleich zu Paris und die frischen Produkte aus der Region. Den Cidre, das Fleisch - herrlich." Ihr Lieblingsrezept kocht Merel gerne zusammen mit Gästen in der offenen Küche: "Baudin aux Pommes" - ein Blätterteigauflauf mit Blutwurst und Äpfeln.

Ihr Mann, Finanzdirektor bei einem Modelabel, arbeitet unter der Woche noch immer in Paris. Jeden Donnerstag tauscht Yann Merel Anzugsschuhe gegen Gummistiefel und packt bis Montag mit an auf dem Hof. Außerdem ist er fürs Hochprozentige nach dem Essen zuständig: selbst gebrannten Calvados. Während der Aperitif Kehle und Magen wärmt, erzählen die beiden von der boomenden Landliebe der Großstädter und den bizarren Folgen.

"Eigentlich gibt es auch in Frankreich ein regelrechtes Dorfsterben. Im Perche ist es anders. Wir haben Glück, dass Paris so nah ist. Viele kaufen sich hier Häuser, renovieren sie und sorgen für neuen Glanz in den Dörfern - und für Arbeit bei den lokalen Betrieben und Geschäften." Oft bleiben viele Frauen mit den Kindern auf dem Land, im Homeoffice, etwa als Grafikerin oder Übersetzerin. Die Männer arbeiten weiter in Paris. "Unter der Woche schläft die Gegend, erst am Wochenende wird's lebendig.

Ruhe, Weite - der Perche erfüllt die Sehnsüchte der gestressten Pariser bestens. Grüne Wiesen und lang gestreckte Felder ziehen sich durch die Landschaft. Ockerfarbene, kleine Häuser, ab und zu ein verstecktes Chateau. Es ist das Hinterland der Normandie, mit einem ganz eigenen, einfachen Charme.

Cristophe Haye: Bier im Namen des Glaubens

Im Schatten der mächtigen, weißen Kathedrale Notre-Dame de Montligeon braut Cristophe Haye seit zwei Jahren Bier. "La Vertueuse"  - das Tugendhafte - hat er das Label getauft. Die Sorten heißen "Justice" (Gerechtigkeit), "Charité" (Nächstenliebe) oder "Espérance" (Hoffnung) - der gelernte Tischler ist Katholik. Mit seinen Bieren will Haye helfen, die christliche Botschaft zu verbreiten, sagt er, und das verstaubte Glaubensimage mithilfe des hippen Craftbeer-Trends aufbrechen.

"Bier brauen wollte ich schon als Zehnjähriger, vielleicht liegt es an den belgischen Wurzeln meiner Mutter. Vor ein paar Jahren hab ich dann mitten in einer kleinen Krise einen Braukurs gemacht und Spaß daran gefunden", erzählt Haye.

Aus den Amateurversuchen im Wäscheraum der Hayes wird eine immer größere Leidenschaft. Gleichzeitig lässt der Glaube Haye und seine Frau näher an die Gemeinde Montligeon rücken. "Irgendwann saß ich beim Tischlern mit einem Priester zusammen. Wir tranken eines meiner Biere, und er meinte zu mir: Warum machst du nicht mehr aus deinem Hobby?" Und das tut Haye.

Schnell wird die Wäscherei zu klein, Haye mietet Räume auf dem Kirchengelände. Die Brasserie wird Teil eines Start-up-Projekts der Kirchengemeinde gegen den Exodus auf dem Land. Les Ateliers Buguet fördert junge Kreative und lokale Betriebe mit günstigen Mieten, Kontakten und einem Netzwerk. Im Gegenzug verpflichten sich die mittlerweile neun Start-ups (darunter ein Sattler und eine Konservenfabrik für Bio-Gemüse) zu gemeinwohl- und arbeiterfreundlichem Wirtschaften.

Auch dank des Ateliers wurde Hayes Bier zum Erfolgsprodukt. Heute beliefert er Restaurants und verkauft die gebrauten Tugenden in den Geschäften der Region. "Ich habe schon Ideen für zwei neue Sorten. 'Perseverance' und 'Eutrapélie' - Hartnäckigkeit und Vergnügen. Beides habe ich in den letzten Jahren gelernt. Auf der Innenseite der Kronkorken sollen außerdem bald auch kurze Bibelpassagen stehen."

Ulrike Rudolph: Von Unternehmensberaterin zur Gastronomin

Weltlicher und angenehm rustikal geht es nur gute 15 Minuten entfernt zu. "Im Herbst und Winter gibt es wahrscheinlich schönere Orte", sagt Ulrike Rudolph beim Blick auf die Felder. Die Lust auf was Neues hat die Österreicherin nach Boissy-Maugis verschlagen. Und die Abgeschiedenheit. "Um uns herum nur Land, das ist schon was Besonderes", schwärmt die 46-Jährige.

Le Perche in der Normandie

Hin geht's am besten mit Flugzeug oder Zug nach Paris (von Köln direkt in unter vier Stunden, von Berlin mit Umsteigen acht Stunden), und von da am besten mit einem Mietwagen weiter, um vor Ort flexibel zu sein. Wer es sportlich mag: Der Fahrradweg "Véloscénie Paris - Mont-Saint-Michel" führt auch durch den Perche.

Rudolph hat erst BWL und dann Weinwirtschaft studiert. Vor 20 Jahren wandert sie in das Land von Merlot, Cabernet Sauvignon und Co. aus. Lange arbeitet sie in der Unternehmensberatung, vor acht Jahren dann der Cut. Sie lernt eine Frau kennen und entscheidet sich, beruflich neu zu denken. "Wir wollten einen alten Bauernhof kaufen und einen Genussort schaffen. Meine Freundin kannte den Hof von früher."

Sie kaufen das Anwesen und eröffnen 2011 das Bistrot des Écuries  - Gestüt, Ferienwohnung und Vinothek in einem. Weil immer mehr Gäste auch nach Essen fragen, erweitert Ulrike Rudolph das Angebot. Auf der kleinen Tageskarte stehen kreative Gerichte mit regionalem Touch. "Die meisten Gäste sind Pariser, aber auch viele Engländer, die mit dem Eurostar schnell rüberkommen können", erzählt sie.

So schön das Idyll auch ist, die Gastronomin treibt es schon zur nächsten Herausforderung. "Im neunten Jahr ist das alles schon wieder fast Routine. Ich liebe es, etwas aufzubauen. Aber dann brauche ich auch wieder einen neuen Kick!" Wie es weitergeht, formuliert sie österreichisch-charmant: "Ich stecke gerade in einem Wickel-Wackel. Bleibe ich hier? Oder behalte ich den Hof, aber arbeite woanders an was Neuem?"

Der Mut, etwas Neues zu starten, gepaart mit dem Wunsch nach dem Leben auf dem Lande - er verbindet Sylvia Merel, Christophe Haye und Ulrike Rudolph. Der Perche scheint dafür die optimalen Bedingungen zu bieten: Ruhe, um entspannt eine Idee zu verfolgen. Und ein bestimmtes Flair, das auch Geld aus Paris oder England in die Region bringt.

Leon Ginzel ist Autor bei SPIEGEL ONLINE. Die Reise wurde unterstützt von der französischen Tourismuszentrale.